Ausstellung Die Großwetterlage der Menschheit

Mit Vulkanasche und Tinte hat Emma Stibbon im großen Format gezeichnet. Hier die Arbeit "Broken Ground I" von 2017.

(Foto: Emma Stibbon / Galerie Bastian, Berlin)

Die Schau "Eiskalt" in der Eres-Stifung kreist um den Klimawandel. Dabei geraten Bedrohungen, Zerstörungen, Fake News und Emotionen in den Fokus

Von Evelyn Vogel

Mag sein, dass das Thema Klimawandel im gesellschaftlichen Diskurs im Moment ein wenig in den Hintergrund getreten ist. Zahlreiche politische und wirtschaftliche Themen bestimmen derzeit die Diskussion. Und wenn es doch um Umweltthemen geht, nimmt die Bedrohung der Meere durch Plastikmüll mit all ihren Folgen für Tier und Mensch augenblicklich den ersten Platz im Debattenranking ein.

Vielleicht auch deshalb war der Künstler Stephan Huber skeptisch, als man ihn bat, für die Eres Stiftung eine Ausstellung zum Thema Klimawandel zu kuratieren. Er hat es dann doch übernommen, hat das Thema um Bedrohungen und Zerstörungen auf mehreren Ebenen erweitert und mit dem Titel "Eiskalt" sprachlich doppeldeutig auf das Naturphänomen und den Gefühlszustand verwiesen. So ist keine stringente Auseinandersetzung mit dem Klimawandel entstanden, auch keine, die wie üblich künstlerische und wissenschaftliche Positionen vereint. Huber blieb als "Künstlerkurator" ganz seinem Metier treu und stellte eine Auswahl von Arbeiten älterer wie jüngerer Künstler zusammen, die vor allem Eiseskälte im Sinne von Emotionslosigkeit in den Mittelpunkt stellen. Die Wissenschaft überlässt er dem Vortragsprogramm, in dessen Mittelpunkt die Fälschung, der Fake, die Fake-News und die sogenannten Alternative facts stehen - die ja nichts anderes sind als Lügen. Womit wir dann auch wieder bei der größten Lüge zum Thema Klimawandel wären: dessen Leugnung.

Auch im Hinblick darauf ist die gleich am Eingang positionierte Wandarbeit von Gerhard Merz "Die Lage ist normal" - eine Art Wiederaufnahme einer Arbeit von Anfang der 1980er Jahre - als Statement zu lesen. Denn nichts ist normal, überall ist die Menschheit mit Katastrophen der verschiedensten Art konfrontiert. "Die Lage ist normal" klingt in etwa so zynisch wie der mittlerweile zum geflügelten Wort mutierte Albumtitel "Crisis? What Crises?" der Band Supertramp aus den Siebzigern. Wie eine ironisch-zeitgenössische Interpretation des Merz'schen Statements wirkt die Kühlschrankarbeit von Mathias Kesslers "Eismeer" am Ende der Ausstellung. Ein Motiv von C.D. Friedrich wird im Wortsinn eingeeist und dazu Party gefeiert. Das erinnert an den Untergang der Titanic - nur dann würde Champagner auf Eis liegen, nicht Tannenzäpfle-Bier.

Dazwischen finden sich diverse Untergangsszenarien. Da ist die literarische Intervention "Letzte Tage" von Huber selbst in Form einer Fortschreibung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", Ken Adams' War-Room-Zeichnung aus Kubricks Film "Dr. Seltsam" und die großformatig gezeichneten berstenden Eisschollen von Emma Stibbon. Felix Burger hat in seiner Auftragsarbeit "Coldness as Metaphor" aus drei Ereignissen, die ursächlich mit Naturkatastrophen zusammenhängen, einen sechsminütigen, skurrilen Film mit Menschen in Eisbärkostümen produziert, der zwischen didaktischem Impetus und totaler Lachnummer changiert.

Am nächsten dran am Ausstellungskonzept der Eres Stiftung ist die Arbeit von Judith Neunhäuserer, die sich in ihren Foto- und Videoarbeiten mit der Neumayer-Station am Südpol beschäftigt hat. Die Brücke vom Eis zum Wasser baut die Bodenarbeit "Goccie d'Aqua" von Hermann Pitz aus dem Jahr 1988. Und den Bogen von der Zerstörung zum selbstzerstörerischen Impetus schlagen Chris Burdon mit seinem "Shoot"-Foto von 1971 und Sigalit Landau mit ihrer Videoarbeit "Barbed Hula" - wobei ein Hula-Reif aus Stacheldraht am Strand von Tel Aviv weit mehr Konflikte impliziert und damit die vielleicht zeitgemäßeste Interpretation von "Eiskalt" ist.

Eiskalt: Die dunkle Seite der Macht, Fake News, Selbstzerstörung, Normalität und Wassertropfen, Eres Stiftung, Römerstr. 15, bis 6. Okt., Di, Mi, Sa, 11-17 Uhr, nächste Führung: Samstag, 9. Juni, 15 Uhr, Infos zu den Vorträgen unter www.eres-stiftung.de