Ausstellung Der Stoff, aus dem die Träume sind

Sand ist so begehrt, dass er tonnenweise und systematisch illegal abgebaut und verschachert wird. Stefanie Zoche setzt sich in der Eres Stiftung künstlerisch mit den Folgen von Raubbau und Bauboom auseinander

Von Evelyn Vogel

Er liegt unter unseren Füßen. Überall. Sand. Wohin wir uns auch wenden, umgibt er uns, steckt nicht nur in unseren Straßen und Gebäuden, auch die gesamte Glas- und Halbleiterindustrie wäre ohne dieses natürliche Sediment nicht denkbar, sogar in Putzmitteln und Zahnpasta kommt er vor. Zudem ist Sand auch sprichwörtlich in aller Munde. Nicht nur besang dereinst ein Schlagerstar den "Sand in den Schuhen aus Hawaii". Man streut ihn auch in die Augen, steckt den Kopf hinein, baut darauf oder setzt seine Träume hinein, man streut ihn ins Getriebe und im schlimmsten Fall verläuft sogar das eigene Leben darin.

"Wie Sand am Meer" heißt die Ausstellung, die Stefanie Zoche für die Eres Stiftung geschaffen hat. In Installationen und Videos setzt sich die Münchner Künstlerin mit dem Umgang mit Sand und den Folgen für Umwelt und Gesellschaft auseinander. So hat sie einen Tetrapoden nachgebildet, der sich wie eine Barriere ins Blickfeld schiebt, sobald man die Ausstellungsräume betreten hat. Tetrapoden sind Barrieren. Sechs Tonnen schweren Wellenbrecher, die zum Küstenschutz eingesetzt werden. Denn einerseits lassen Klimaveränderung und steigende Meeresspiegel immer mehr Küstenstreifen schwinden. Andererseits wird ihnen vom Menschen - nein, nicht das Wasser, aber der Sand abgegraben. Und zwar in gewaltigen Mengen. Weltweit sind, so ist im Katalog nachzulesen, 70 bis 90 Prozent der Strände auf dem Rückzug.

Sechs Tonnen wiegt also ein Tetrapode üblicherweise - so viel Sand verbraucht rechnerisch auch jeder Bundesbürger pro Jahr, erzählt Stefanie Zoche. Deutschland hat reiche Sandvorkommen, wie man auch einigen Dokus entnehmen konnte, die in jüngster Zeit im Fernsehen liefen. Aber sie liegen oft unter landwirtschaftlichen oder versiegelten Flächen, sind also nicht zugänglich. 15 Prozent des nationalen Sandbedarfs werden aus dem Meer gewonnen, ist im Katalog nachzulesen - Tendenz steigend.

Zoche hat sich auch mit anderen Formen von Sand auseinander gesetzt. So hat sie Sandkerne aus gängigen Gussverfahren zu der raumgreifenden Installation "Valdrada" arrangiert. Das wirkt wie ein architektonisches Stadtmodell und gewinnt zudem eine eigene Ästhetik durch den algig-grün schimmernden Untergrund, auf dem die Formen stehen. Durch einen anderen Raum schieben sich Glasröhren - sie bestehen aus Quarzsand - und verlaufen an einer Stelle wortwörtlich im Sand. Der weiß-silbrig schimmernde Haufen besteht aus Mikroglasperlen, wie sie für Markierungsarbeiten am Straßenbau verwendet werden. Von weitem aber weckt er die Sehnsucht des Betrachters, die Hände hineinzustecken, die Körnchen durch die Finger rinnen zu lassen und vom Urlaub zu träumen.

Dass Sand - obwohl er doch in solchen Massen und an so vielen Stellen vorkommt - ein schwindender Rohstoff ist, wirkt zunächst überraschend. Und doch: Sand ist so begehrt, dass es weltweit eine Sandmafia gibt, die ihn illegal abbaut und verschachert. Denn Sand ist nicht gleich Sand. Besonders die aufstrebenden Wüstenstaaten, die mitten darin sitzen, können gar nicht genug von dem wertvollen Rohstoff importieren, um ihren Bedarf zu decken. Denn Wüstensand eignet sich nicht zum Bauen. Seine Körner sind, vereinfacht gesagt, zu rund. Man benötigt also anderen Sand, und der wird tonnenweise an den Küsten abgebaut. Mit der Folge, dass Strände verschwinden. Zudem wird Sand in Küstennähe von großen Schiffen mit einer Art Staubsaugervorrichtung vom Meeresgrund angesaugt - ohne Rücksicht auf ökologische Folgen für Fauna und Flora.

In ihrer Zwei-Kanal-Videoprojektion "Fortuna Hill" schneidet Zoche Bilder von Sünden des Baubooms in Spanien - hier wurde so vieles wortwörtlich in den Sand gesetzt - und von illegalem Sandabbau in Marokko und in Indien gegeneinander. Eine Tour de Sand, die ihren Ausgang nahm, als Zoche vor Jahren erstmals illegalen Sandabbau filmte - damals noch mit Sabine Haubitz. Mit zwei weiteren früheren Videos, die ansteigende Meeresspiegel und Überschwemmungen thematisieren, erinnert Zoche auch an die vor einem Jahr verunglückte Partnerin. Doch mit dieser ersten Einzelausstellung nach dem Unglück hat Stefanie Zoche einen Neuanfang gewagt und sich auch ein Stück weit dahin zurückgewandt, wo ihre künstlerischen Wurzeln lagen: zu Skulptur und Installation. Das ist sehr viel abstrakter als die Fotoserien der vergangenen Jahre. Aber es tut auch gut, eine andere künstlerische Seite von Zoche kennenzulernen. Ob ihr Weg weiter dahin geht oder zum Bewegtbild und wieder zur Fotografie, wird man mit Interesse beobachten.

Stefanie Zoche: Wie Sand am Meer. Über den Raubbau an einem schwindenden Rohstoff im Anthropozän. Eres Stiftung, Römerstraße 15, bis 28. November, Di/Mi/Sa 11-17 Uhr und nach Vereinbarung 388 790 79 , nächste Kuratorenführung: Samstag, 26. September, 11 Uhr