Ausstellung "Ach" wie Krach

Die Künstlerin Michaela Melián installiert im Münchner Kunstbau die zauberhaft kühle Klangkollage "Electric Ladyland". In der Hauptrolle: Die Puppe Olympia.

Von Catrin Lorch

Wenn die Geschichte der Kunst, wie Plinius schreibt, in dem Moment einsetzt, in dem eine junge Frau den Schattenriss ihres Geliebten auf einer Wand in Schwarz nachzieht, dann ist Michaela Meliáns Ausstellung im unterirdischen Kunstbau des Münchner Lenbachhauses womöglich die aktuellste Version dieses Ursprungsmythos. Und eine sehr monumentale: 140 Meter ist Meliáns Wandbild lang. Schwarz auf Weiß zeichnen sich Profile ab, auch Körperteile. Allerdings im Stil einer Blaupause. Die drastisch vergrößerte Zeichnung verbindet die Doppel-Helix der DNA mit Maschinengelenken, Glühbirnen und Schalttafeln. Dazwischen: Prothesen, metallische Robotergesichter, steif fingernde Hände. Das gewaltige Bild ist Teil der Installation "Electric Ladyland", die nach einem Jimi-Hendrix-Album benannt ist und der Ausstellung den Titel leiht.

"Electric woman waits for you and me", sang Jimi Hendrix. Am Eingang hört man leise Musik, sie stammt nicht von Hendrix, hat aber auch mit einer elektrischen Frau zu tun. Bild und Klang dürfen hier nämlich über die Bande spielen. Ganz wörtlich, weil die weichen Textilbahnen, auf die Michaela Melián ihre Zeichnung gedruckt hat, den Widerhall in der lang gestreckten Halle dämpfen. Und weil aus den Kunstbetrachtern nun Zuhörer werden- für Musik, Soundcollagen, Hörspiele, Videos.

Bild und Ton spielen bei Michaela Melián über die Bande: Details aus der aktuellen Installation "Electric Ladyland" (2016).

(Foto: Michaela Melián, VG-Bildkunst, Bonn 2016)

Die 1956 geborene Michaela Melián hat beides studiert, Musik und Kunst, und in den Achtziger Jahren die Band F.S.K. mit gegründet und unterrichtet derzeit an der Hamburger Kunstakademie. Als Künstlerin verbindet sie eigene Kompositionen mit Skizzen, montiert Texte zu Dia-Schleifen, schreibt Hörspiele, lässt den Soundtrack für Installationen einsingen und findet ihre Motive in der Literatur genauso wie in Wissenschafts- oder Kunstgeschichte und in der Popkultur.

Zur Installation "Electric Ladyland" gehören neben dem Wandbild auch sechzehn Lautsprecher, die unter der Betondecke verteilt sind und wie ein Instrument jeweils einen Part des Musikstücks übernehmen. Wer mag, kann sich einen silbern gepolsterten Hocker greifen oder sich in einen schwebend aufgehängten Sessel zurück ziehen und sich fühlen, als säße er direkt im Orchestergraben oder zwischen den Falten des Vorhangs.

Gegeben wird ein Klassiker, "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach, allerdings in der Bearbeitung von Michaela Melián, und diese konzentriert sich ganz auf den Auftritt der mechanischen Puppe Olympia im zweiten Akt. Olympia gilt als romantische Urahnin aller Roboter, Androide, Cyborgs und Avatare. Eine anmutige Idealfrau, die allerdings nicht mehr sagen kann als "Ach". Michaela Melián hat dieses "Ach" selbst gesungen und lässt es wie ein Echo um die Musik kreisen.

Doch liegt den Akzent ihrer kühlen Installation nicht auf der Romantik der Oper, sondern der Erfinder-Epoche des 19. Jahrhunderts. Offenbach komponierte 1881 für ein Publikum, dem man in Paris erst wenige Jahre zuvor auf Weltausstellungen die Dynamo-Maschine von Siemens vorgestellt hatte. Kulturelle Motive und historische Zusammenhänge erscheinen bei Melián, als könne man den eiligen Walzertakt der frühen Gründerzeit auch wieder beruhigen, damit die Schräubchen und Rädchen und Melodiefolgen noch einmal still halten, damit sie sich genauer anschauen, anhören lassen. "Das Material legt seine sinnlichen Fährten aus", sagt sie, manchmal genüge es, die vergilbte Illustration aus einem alten Physikbuch zu kopieren oder den Takt wirbeliger Tanzmusik auf 45 Schläge in der Minute zu reduzieren.

Michaela Melián wird mit der aktuellen Werkschau erstmals umfassend in München gewürdigt, einer Stadt, in der sie seit vielen Jahren lebt und arbeitet. Dabei gilt sie als eine der bedeutendsten Protagonisten der Soundkunst, einer Disziplin, die derzeit Konjunktur hat. Fast scheint es, als wollten Museen und Ausstellungen nachholen, was lange übersehen wurde: dass die Kunst sich nicht nur um Fotografie, Video oder Dia-Installation erweitert hat, sondern bildende Künstler als Folge von Happening, Dada und Fluxus auch in Sound-Studios komponieren, Text-Collagen oder Alltagsgeräusche für die "stillen" Räume der Kunst aufbereiten. Das Publikum würdigt das. Gerade wurde eine Ausstellung zum Jazz im Kunstmuseum Stuttgart als eine der erfolgreichsten überhaupt beendet. Kaum eine Gruppenschau, in der nicht Kopfhörer ausliegen, in Bregenz ist gerade das Kunsthaus für Susan Philipsz Schau "Night and Fog" mit Lautsprechern bestückt.

Doch der Vergleich zeigt auch, wie viel reicher Meliáns Werk ist. Auch Susan Philipsz geht von einer Partitur aus, die Schottin hat den Soundtrack von Alain Resnais' Dokumentarfilm über die Schoah "Nacht und Nebel" bearbeitet. Auch sie isoliert aus dem Orchester einzelne Instrumente, die sie über die Stockwerke verteilt abspielt. Auch dort sind die Wände fast leer, bis auf Briefe, die belegen, dass der Komponist der Partitur, der Emigrant Hanns Eisler, in den USA vom Geheimdienst beobachtet wurde. Klingt verwandt? Nur oberflächlich. Philipsz Werk setzt auf ein fast illustratives Verhältnis von Bild und Musik. Und wo schon ein Meisterwerk wie "Nacht und Nebel" erzählerisch die Tatsache des Holocaust kaum zu fassen bekommen, bleibt eine solche Adaption pathetische Geste.

Die Puppe hat eine Stimme, aber keinen Körper- ein Kommentar zu allen Machbarkeitsfantasien

Auch Melián hat sich mit deutscher Geschichte beschäftigt. Und es ist nicht einzusehen, warum "Föhrenwald", ihre von einer Soundcollage begleitete Dia-Schau, erst jetzt, elf Jahre nach ihrer Entstehung, in München gezeigt wird. Sie handelt von der Münchner Arbeitersiedlung, "Föhrenwald", die nach 1938 zunächst als Lager für Zwangsarbeiter genutzt wurde, nach dem Krieg zogen dann Juden ein, Überlebende des Holocaust, die als "displaced persons" untergebracht werden mussten. Die Qualität dieser Arbeit besteht darin, dass sie die historischen Fakten, die Erinnerungen Einzelner, die Ästhetik dieser Architektur nicht bruchlos zu einer Geschichte verdichten. Wer bringt wen unter, wann und wo? Die Soundcollage ist aus eingesprochenen Archivtexten montiert, die das Absurde mit dem Nüchternen verbinden, im Diakarussell rotieren unterdessen die Häuserzeilen, skizziert in Weiß auf Schwarz.

Für Melián sind weder ihre eigenen Kompositionen und Zeichnungen noch die Musiktechnologie Fetische. Dass sie dem vielsagenden "Ach" der Puppe Olympia zwar eine Stimme gibt, aber keinen Körper, versteht man sofort als Kommentar zu allen Machbarkeitsfantasien der frühen Erfinder und aktuellen Weltengründer, die ihr Publikum mit Oculus-Brillen aufrüsten, wie sie im Labor E.T.A. Hoffmanns erfunden worden sein könnten.

Doch geht es Melián um mehr als Skepsis: Es kann in der Kunst - um zu Plinius Mythos vom Schattenriss zurückzukehren - nicht nur um Mann und Frau gehen, wo man von Begehren erzählt. Begehren zeigt sich auch, wenn die Technik nach dem Körper giert und der Mensch nur zu bereit ist, mit all den Wundermaschinen zu verschmelzen, so wie mit dem Smartphone, das er streichelt. Wo sich bei Melián die Prothese nach der Roboterhand ausstreckt, ist das theatralische "Ach" in seiner ganzen Vieldeutigkeit zu hören, als angstvoller, leidenschaftlicher, verzweifelter Laut. In diesem "Ach" klingt schon der "Krach" der Moderne an - aber auch der Seufzer aller, die ihre Hände der mechanischen Puppe entgegenrecken, um im Walzer verloren zu gehen, in dem Olympia immer schneller rotieren wird.

Electric Ladyland, Kunstbau, München. Vom 8. März bis zum 12. Juni. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit eingelegter LP und CD zum Preis von 15 Euro.