Architektur Rückkehr in die Stadt

Der Werkbund plant in Berlin ein neues Quartier. Mit 33 Architekten, die alle ihre Eigenarten beibehalten dürfen. Das schafft Vielfalt.

Von Jens Bisky

Neben dem Heizkraftwerk Charlottenburg plant der Deutsche Werkbund ein neues Stadtquartier, die Werkbundstadt: Rund 1100 Wohnungen auf einem 29 000 Quadratmeter großen Grundstück, in Häusern höchst unterschiedlicher Gestalt und Größe, die von 33 Architekten entworfen werden. An diesem Wochenende findet in Berlin ein Werkbundtag statt. Gelegenheit also, sich das Grundstück anzuschauen, vor dem Modell des neuen Viertels zu staunen, zu mäkeln, durch eine Ausstellung zur Geschichte der Werkbundsiedlungen zu schlendern. Das Vorhaben passt zu Berlin und zum Geist der Stunde. Man experimentiert mit dem Vokabular der Urbanität, ohne mit Nostalgie zu langweilen oder mit Avantgardismus zu ermüden. Der Werkbund wurde 1907 als Verein gegen Schund und für gestalterische Qualität, Gebrauchsfreundlichkeit, Materialgerechtigkeit gegründet. Mit der Werkbundstadt will der Initiator Paul Kahlfeldt an die stolze Geschichte des Vereins anknüpfen, man arbeitet mit den Eigentümern, mit Wirtschaft und Politik zusammen, stiftet Kooperationen unter Leuten, die zuvor kaum gedacht hatten, sie würden derlei wollen.

Die beteiligten Architekten haben ihre Eigenarten und Marotten beibehalten. Das schafft Vielfalt

Zugleich wird mit der Tradition gebrochen, der Werkbund setzt diesmal den Siedlungsbau nicht fort, verzichtet also - zugespitzt gesagt - darauf, weiße Klötzchen auf die grüne Wiese zu setzen. Die Architekten wurden geladen und haben das Modell in sieben Klausuren erarbeitet, mit Losverfahren und Diskussionen statt einer externen Jury. Stars wie Hans Kollhoff, Jan Kleihues, Arno Brandlhuber, Christoph Ingenhoven, Christoph Mäckler und viele mehr einigten sich darauf, alles zu unterlassen, was den städtischen Charakter verunklaren könnte. Fünf Blöcke und eine lange Reihe strukturieren, es soll einen zentralen Platz geben und neue Wege zur Spree. Erkennbare Haustypen und Adressen, keine halböffentlichen Räume, keine Solitäre, keine Blockstrukturen - das hat man verabredet. Auf den Straßen sollen Autos fahren, aber nicht parken. Man hofft auf gemeinsam genutzte Elektroautos und Fahrräder. 30 Prozent der Wohnungen sollen mietpreisgebunden sein, 60 Prozent der Straßenfassaden müssen aus Ziegeln bestehen. Ansonsten herrscht eine stilistische Vielfalt, wie man sie in klassischen Siedlungen, in Gated Communities oder in den in Berlin so beliebten historisierenden Gebäudezusammenballungen nicht findet, wie sie die Townhouses nur als Karikatur bieten. Grundrisse, Größen, Höhen sind verschieden, die Architekten haben ihre Eigenarten, Markenzeichen, Marotten beibehalten.

Jetzt kann man natürlich fragen, ob nicht auch Vielfalt quälend eintönig wirken kann, ob das Hochhaus nicht doch höher werden müsste und wie gute Balkone auszusehen haben. Aber im Augenblick ist Fassadenkritik nicht das Wichtigste. Ein Industriegebiet in bester Stadtlage wird, so das Versprechen, dicht besiedelt, sehr dicht. Weit über 2000 Menschen könnten hier leben, wo heute alles verwunschen wirkt, wie innerstädtischer Stadtrand. Das Heizkraftwerk nebenan wird weiter genutzt. Für das Planungsverfahren sind viele rechtliche Fragen zu klären. Mit dem Bundesbauministerium und dem Bezirk arbeitet man ebenso zusammen wie mit dem Nachbarn Vattenfall. Bald wird es darum gehen, wer Bauherr wird, wie man das - ohne öffentliche Mittel - finanziert. In vier oder fünf Jahren könnte das Viertel Gestalt annehmen. Bis dahin ist Zeit für Überarbeitungen, Abstimmungen. Ein paar Akzente wären nicht schlecht zwecks Dramatisierung der Vielfalt.

Einige Ideen faszinieren, etwa Arno Lederers Vorschläge für eine gemeinschaftliche Dachlandschaft, erschlossen über ein eigenes Treppenhaus. Wasserbecken, Spielplatz, Freilichtkino fänden da Platz - Konflikte scheinen unvermeidlich, aber nur in Konflikten kann die funktional und sozial gemischte, dichte Stadt entstehen. Wie das gehen könnte, wird mit der Werkbundstadt Schritt für Schritt erprobt. Hier ist der Weg schon entscheidend, und wenn er glückt, werden viele mehr nach Charlottenburg ziehen wollen.

Die Ausstellungen "WerkBundStadt Am Spreebord Berlin" und "Die Geschichte der Werkbundsiedlungen" sind bis zum 27. November im Werkstatthaus, Quedlinburger Straße 11, zu sehen. Die Kataloge kosten jeweils 39 Euro.