Architektur Ein Heim für alle

In München wurde der Deutsche Pavillon für die Architekturbiennale in Venedig vorgestellt. Das Motto: Integration.

Von Laura Weissmüller

Die Fenster sind blind, der Putz bröckelt und die Heizung funktioniert auch nicht so recht. Das Haus im Herzen von München, gleich hinterm Viktualienmarkt und schräg gegenüber von "The Seven", einem sündteuren Wohnturm, hat schon bessere Zeiten gesehen. Genau hier haben am Donnerstag die Verantwortlichen ihr Konzept für den Deutschen Pavillon auf der 15. Architekturbiennale in Venedig vorgestellt. Alle zwei Jahre ist dieser der wichtigste Ort, an dem sich die deutsche Architektur der Welt präsentiert. Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesbauministerium, ist aus Berlin für die Pressekonferenz angereist.

Der ungastliche Ort ist klug gewählt. Denn aus dem Haus in der Müllerstraße, das eigentlich abgerissen werden sollte, will die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco ein Wohn- und Kulturzentrum für Flüchtlinge machen und zwar eines, "in dem es hoffentlich ein reges Ein und Aus von Bürgern und Geflüchteten gibt", wie Angela Bauer, eine der Mitinitiatoren von Bellevue die Monaco, bei der Pressekonferenz sagt. Ein Haus für alle also.

Genau darum soll es auch im Deutschen Pavillon gehen, den dieses Jahr das Team des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt, Direktor Peter Cachola Schmal, Kurator Oliver Elser und Projektkoordinatorin Anna Scheuermann, konzipieren: Wie kann die Integration von Hunderttausenden Flüchtlingen in Deutschland gelingen? Und welche Rolle spielt die Architektur dabei, damit aus Geflüchteten Einwanderer werden? Selten war ein Beitrag so politisch wie dieses Jahr. Selten war das auch so wichtig. Allein die Stadt Frankfurt muss jeden Monat 1000 Wohnplätze für Flüchtlinge schaffen. Die Hoffnung, dass bald weniger Menschen in Deutschland Zuflucht suchen, hat hier keiner. Geschlossene Balkanroute hin, türkische Verhandlungspartner her.

Arthur Seitz arbeitet als Hausmeister in Offenbach. Die Stadt ist für die Kuratoren eine "Arrival City".

(Foto: Jessica Schäfer)

In Venedig wird sich die Ausstellung "Making Heimat. Germany, Arrival Country", deren Gestaltung das Berliner Büro Something Fantastic übernimmt, in drei Kapitel gliedern, wobei jeder das erste bereits seit Donnerstag studieren kann. Auf der Website makingheimat.de hat das DAM Bauten aus ganz Deutschland für Flüchtlinge und Migranten dokumentiert. Das Spektrum reicht von temporären Leichtbauhallen bis zu dauerhaften Wohnhäusern oder einer Fahrradwerkstatt für Asylbewerber. Vieles ist in Holzmodulbauweise entstanden, einiges auch aus Containern. "Wir wollen nicht nur Erfolgsmodelle zeigen, sondern die Realität," so Kurator Elser. Jedes Projekt ist mit genauen Angaben versehen, zu den Baukosten, der Größe, dem Bauverfahren, dem Auftraggeber. Damit dürfte die Datenbank, die weiter wachsen soll, das sein, was es jetzt braucht: eine Plattform zum Austausch und zum Vergleich. Genau das fehlt bislang. Die Datenbank könnte das Netz knüpfen zwischen dem Wohnheim in Reutlingen und den Bremer Containerdörfern, zwischen interessierten Bürgermeistern, kreativen Architekten und engagierten Initiativen.

In Venedig wollen die Kuratoren aber auch der Frage nachgehen, was eine Stadt braucht, damit aus Flüchtlingen Einwanderer werden. "Das Buch ,Arrival City' von Doug Saunders war der Grund für unser Thema," sagt DAM-Direktor Schmal, "weil es den Blick wendet." Der Kanadier Saunders fordere auf, vermeintlich schlechte Stadtviertel aus der Perspektive der Ankommenden zu sehen, für die diese Quartiere "oft das Sprungbrett zum Aufstieg sind". Mit seinem Team hat sich Schmal auf die Suche nach solchen Ankunftsstädten in Deutschland gemacht. Eine hat er gleich vor seiner Frankfurter Haustür gefunden: Offenbach, die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil dieses Landes. So nah wie möglich versuchen die Kuratoren der "Stadt in der Stadt" zu kommen, auch der Hausmeister eines Blocks kann dafür nützlich sein. Welches Netzwerk bilden die Migranten dort? Wie finden sie eine neue Heimat? Und auf welche Weise können alle Bewohner davon etwas haben?

"Wir brauchen kein Sonder-Wohnungsbauprogramm für Flüchtlinge und auch keine Gettos am Stadtrand", sagt Staatssekretär Adler. Stattdessen: bezahlbaren Wohnraum für alle. Wenn der öffentlichen Hand das - durch den aktuellen Druck - gelingt, dann sind die Flüchtlinge das Beste, was der Architektur dieses Landes passieren konnte.