Architektur "Alles Schwachköpfe!"

Die „Messestadt“ in München: besser als ihr Ruf – zugleich berechtigter Anlass zur Architektenschelte.

(Foto: imago/imagebroker)

Eine Münchner Debatte stellt die Frage: Welche Rolle spielen Architekten im landesweiten Wohnungs- und Städtebau-Fiasko? Die Polemik, die den Streit losgetreten hat, ist angenehm diplomatiefrei. Doch sie sitzt einem entscheidenden Denkfehler auf.

Von Gerhard Matzig

Flaubert oder McDonald's? Man weiß gar nicht so recht, ob man Manuel Pretzl eher mit dem französischen Romancier Gustave Flaubert - oder doch mit dem McDonald's-Kinospot zum Thema "Wohnen" gerecht wird. Zur Sicherheit kann man dem Mitglied des Münchner Stadtrats und CSU-Fraktionschef, der eine weit über München hinausweisende Architektur-Debatte losgetreten hat (SZ vom 10. Februar), ja mal beide Zitate anbieten.

Flaubert meinte im 19. Jahrhundert: "Architekten, alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppen im Haus!" Und im Werbespot des US-amerikanischen Brat-Imperiums bügelt ein smarter Planer im - was sonst? - schwarzen Rolli seine sich über mangelnde Gemütlichkeit beschwerende Bauherrenschaft im neu errichteten, gleißend weiß als Insektizidsiederei vollgekachelten Heim so ab: "Wenn Sie was Warmes wollen, dann gehen Sie doch zu McDonald's." Beide Quellen, Fast Food wie Literatur, scheinen dem Politiker Pretzl zunächst recht zu geben. Architektenschaft und Gesellschaft, Politik und Planung wären demnach reif für eine ernsthafte Paartherapie. Möglicherweise hat man sich ja etwas auseinandergelebt in einer langen Ehe, die von einer langwierigen Depression kaum zu unterscheiden ist.

Mit Blick auf die jüngere Baugeschichte an der Isar stellt Pretzl, ein Münchner, diese Diagnose: Die Architektur in München, namentlich auch die in den neueren Wohnvierteln, sei "belanglos und uniform". Er sagt: "Das hat keine Lebensqualität." Verantwortlich dafür sei "eine Clique aus zwei Handvoll Architekten, die entweder ihre Entwürfe einreichen oder in der Jury sitzen." So fordert der Politiker in Robin-Hood-Pose: "Wir müssen die Stadt von den Architekten zurückholen."

Woraufhin sich in den letzten Tagen die gesamte Architektenschaft von Sherwood Forest / München wie ein Mann (erfolgreiche Frauen gibt es am Bau leider selten) erhoben hat, um die Ehre des in McDonald's-Manier abgebürsteten Berufsstandes zu verteidigen. Nein, heißt es jetzt unisono, so gehe das nicht, die Vorwürfe seien erstens "von verschwörungstheoretischer Natur" und zweitens "reinster Populismus".

Auch unter Architekten gibt es Genies und Vollhonks. Das gilt ebenso für Politiker

Ach, es ist herrlich. Einerseits. Und andererseits müsste man der Debatte Comedy-Qualität bescheinigen, würde der Münchner Komödie nicht auch die Tragik der Realität in ganz Deutschland innewohnen. Denn tatsächlich ist dort, wo so oft "Populismus" draufsteht, meist auch erstaunlich viel Volk drinnen.

Mit anderen Worten: In aller Drastik beschreibt Pretzl, eine architekturkritische Begabung ersten Ranges, ziemlich genau das, was viele Menschen auch so empfinden. Überall. Denn die tristen Ränder der Stadt München sind von den tristen Rändern der Stadt Gütersloh, die selbstverständlich eine Perle ist zwischen Teutoburger Wald und Westfälischer Bucht, nicht zu unterscheiden. Das neue Bauen gilt, singuläre Spektakel-Architektur abseits der Wohnregale ausgenommen, einem immer größeren, zu Recht immer kritischeren Publikum eher als Heimsuchung - denn als das, was die Architektur Ernst Bloch zufolge sein müsste: "ein Produktionsversuch menschlicher Heimat".

So weit - so Pretzl, wobei man dem Politiker auch danken kann für offene, diplomatiefreie Worte und den Mut, sich weit hinauszulehnen. Das ist ernst zu nehmen, anregend - und sollte daher die Architektenschaft nicht gleich zu empörungsritualisierten Beißreflexen animieren.

Dennoch lehnt sich die lustvoll harsche Kritik an einer Profession, die als eine Art Darth-Vader-Kaderschmiede und Dunkelwelt parodiert wird, allzu weit aus dem Fenster; entsprechend tief fällt sie - nämlich auf ein tendenziell dämliches Klischee herein. Hätten Architekten wirklich (und nicht: als "Clique", die es nicht gibt) die Macht, unsere Städte und Wohnquartiere in nennenswerter Weise zu entwerfen und zu gestalten, so sähe die Welt eher nicht so "belanglos und uniform" aus, wie sie nun mal aussieht.

Wobei darin schon der erste Denkfehler einer ansonsten angenehm temperamentvollen Kritik aufscheint: Belanglose Städte sind oft deshalb schön (harmonisch, alltagstauglich, menschenfreundlich), weil ihnen Ambition und Belang, um jeden Preis nicht belanglos oder wenig ambitioniert erscheinen zu wollen, fast vollständig fehlen. Spektakel dagegen, modisch angelegte zumal, können ganz schön hässlich und grundsätzlich leider auch sehr penetrant sein. Den Münchner Architekten und allen anderen Planern müsste man also eher mal zurufen: Beruhigt euch doch bitte, schaut euch das Gelungene von der Baugeschichte ab - und erfindet nicht jeden Montag die Architektur neu. Gut gemachte Städte bestehen aus einem großen, im Wortsinn gut aufgestellten Chor alltäglicher Belanglosigkeit (besser: Normalität, Tradition) und den Soli der dann auch gern innovativen Sehenswürdigkeiten. Städtebau ist eine Frage der Balance und der Schichtung von Historie und Zeitgenossenschaft. Wenn es den Architekten der Gegenwart an Mut fehlt, so ist es wohl eher der Mut zur Demut. Man wünschte sich ja gern eine Macht der Gestaltung, doch am Bau herrscht stattdessen die Ohnmacht der Gestalter.

Zudem ist es so, dass gerade auf dem Terrain des Wohnungsbaus Architekten nicht das Problem, sondern die Lösung darstellen. Denn dieser Wohnungsbau folgt zumeist vielen Stimmen, selten aber auch einer architektonischen, stadträumlichen Idee. Zu den Stellgrößen, die aus unseren Städten das machen, was man als gebauten Würfelhusten wahrnimmt, gehören zunächst einmal die Bauherren, die eher den Gesetzen des Marktes als jenen der Proportionen folgen. Die Städte der Vergangenheit sind deshalb oft schöner als die Wohnsteppen der Gegenwart, weil die wichtigsten "Player" keine ahnungslosen, baukulturell ungebildeten Bauherren waren, sondern garantiert antidemokratische Könige und Kirchenfürsten. Von Ludwig I. ist bekannt, dass er bei Leo von Klenze Stilkunde büffeln musste (Klenze attestierte seinem König eine mäßige Begabung). In solch eine Architekturschule wünschte man sich auch manche Manager, die heute so gern als Bauherren auftreten. Um die Baukultur, die sich immer nur dann einstellt, wenn Auftraggeber und Auftragnehmer, Bauherren und Architekten auf Augenhöhe agieren, stünde es besser.

Gerade im Wohnungsbau zeigt sich, dass die Architekten in den Diskussionen um Grundrisse und Fassaden, um Materialien und Konstruktionen, um Städtebau und Freiflächen selten das letzte Wort haben. Den eigentlichen Entscheidern, darunter gerne Betriebswirte und Juristen sowie Immobilienkaufleute, dienen Architekten am Ende zumeist nur als Verhübscher und Fassadisten - die daran natürlich auch oft genug scheitern.

Überhaupt gibt es logischerweise und nach Art der Normalverteilung auch unter Architekten (wie unter Journalisten, Politikern oder Bäckern) Genies, selten, Durchschnittler, häufiger - und leider auch Vollhonks. Tatsächlich gibt es auch einfach schlechte Architekten, die schlechte Architekturen produzieren, was im Gegensatz zu schlechten Semmeln leider von etwas nachhaltigerem Schaden für die Öffentlichkeit ist. Aber all die schnell und möglichst billig hochgezogenen Wohn-Ungereimtheiten, die die Städte wie Furunkel entstellen, verdanken sich keinem Mangel an architektonischer Finesse oder Divergenz, sondern sind einem Mangel an architektonischer Planung und stadträumlicher Gestaltungshoheit geschuldet. Es ist also nicht so, dass man sich die Städte von den Architekten zurückholen müsste: Man muss die Architekten umgekehrt endlich in die Städte und die Alltäglichkeit hineinholen.

Zurück zum eingangs erwähnten "Architekten, alles Schwachköpfe". Flaubert drückte nicht seinen Unmut über tölpelhafte Treppenvergesslichkeit aus, sondern ironisierte ein auch damals schon gängiges Ressentiment gegen das Bauen. Schwachsinnig fand er nicht die Architekten, sondern die Klischees über die Baukunst seiner Zeit.