Angolanische Literatur Eingemauert in Ironie

José Eduardo Agualusas neuer Roman "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" beruht auf dem Nachlass einer realen Figur - und verrät sie.

Von Nicolas Freund

Manchmal tanzt auf dem Balkon gegenüber ein Nilpferd. Gut, es ist ein kleines Exemplar, ein Zwergnilpferd, aber trotzdem ist das komisch, selbst für Luanda, die Hauptstadt Angolas, wo 1974 die Revolution aus der Kolonialmacht Portugal anbrandet, Menschen in den Gefängnissen vergessen werden oder versuchen, ihren eigenen Tod vorzutäuschen und der Gefängniswärter "Robinson Crusoe" liest, als würden Realität und Fiktion, die Wirren der Revolution und der Schiffbruch, fließend ineinander übergehen.

Der in Angola geborene und auf Portugiesisch schreibende José Eduardo Agualusa erzählt in "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" von einem besonderen Fall des Verschwindens, der sich tatsächlich so zugetragen haben soll. Während der Revolution mauert sich Ludovica Fernandes Mano aus Angst in ihrer Wohnung in Luanda ein und verlässt diese die nächsten 30 Jahre nicht. Sie lebt von selbstangebautem Gemüse und Hühnern, die sie von der Dachterrasse aus fängt. Nach und nach verheizt sie das Parkett und die Bücher, die sie gelesen hat. Sie schreibt die Wände und Hefte mit philosophisch-esoterischen Tagebüchern voll. So wird das Leben Ludos, wie sie genannt wird, in dem Roman beschrieben. So ähnlich soll es wirklich gewesen sein, denn die reale Ludovica Fernandes Mano, die 2010 starb, hat vor ihrem Tod ihre Aufzeichnungen an Agualusa übergeben, der daraus dieses Buch gemacht hat.

Von ihrer Wohnung aus beobachtet Ludo das Leben auf den Straßen, das auch ohne ihre Teilnahme weitergeht. Die Revolution wird zur fernen Kulisse, vor der kleine skurrile Geschichten einander überkreuzen, die alle früher oder später in das zugemauerte Treppenhaus führen. Dieses literarische Wimmelbild will nicht so recht zu der Revolution oder zu der traurigen Geschichte der Hauptfigur passen. Auch die Zitate aus den Texten der weltabgewandten Großmutter machen rat- bis teilnahmslos: "Manche Farben sollten in einem gesunden Himmel nicht vorkommen" oder "Ich bin meinen Hund näher als den Leuten da draußen".

Ein Mann stürzt beim Montieren einer Satellitenschüssel für die Ehefrau vom Dach und stirbt. "Genau genommen starb er aus Liebe", schreibt Agualusa. Diese gebrochene poetische Ungerechtigkeit ist typisch für den Roman und erzeugt einen eigenartig hippen, ironischen Ton, der auf Dauer befremdet. Der Text scheint sich über die eigene Form lustig machen zu wollen. "Wir haben es mit einer Radikalisierung und Ästhetisierung jener Technik des Pastiches zu tun, die Fredric Jameson in den frühen Achtzigerjahren als den prototypischen Erzählmodus der Postmoderne bezeichnet", schreibt der amerikanische Autor Mark Greiff in einem Essay über den Hipster. "Wir erleben eine Ironie ohne Sarkasmus, ohne Bitterkeit und ohne kritischen Impetus." Agualusas Roman ist wie ein solcher Hipster, der die Schwächen der anderen zitiert, nur zu dem Zwecke, die eigene vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren.

José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. C. H. Beck, München 2017. 197 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.