Amoklauf in Florida "Sie wollen sich ihrer Männlichkeit versichern"

Woran liegt es, dass meistens Männer zu Amokläufern werden? Kriminalpsychologin Karoline Roshdi über die Logik von Jägern und Sammlern und warum Genderarbeit Amokläufe nicht verhindern kann.

Interview von Carolin Gasteiger

SZ: Frau Roshdi, in Florida wurden bei einem Amoklauf an der Stoneman Douglas High School 17 Menschen getötet. Der Täter ist auch dieses Mal ein Mann. Warum sind es so häufig Männer, die Amokläufe begehen?

Karoline Roshdi: Männer - und bei Amokläufen an Schulen sind das immerhin 95 Prozent der Täter - verfolgen dabei ein einfaches Muster: Sie holen sich ihre Männlichkeit zurück. Sie fühlen sich von Lehrern oder Mitschülern zurückgewiesen und kehren dann an den Ort zurück, an dem sie diesen Missstand erlebt haben. Um sich zu rächen. Nach dem Motto "Jetzt zeige ich es allen" wollen sie in eine Art Galerie der Märtyrer gelangen.

Das klingt sehr archaisch.

Ist es auch. Der Modus der Gewalt kommt tatsächlich von den menschlichen Ursprüngen, als vor allem Männer ausgezogen sind, um zu jagen.

Funktioniert das: Die Logik aus der Zeit von Jägern und Sammlern ins Jetzt zu holen?

Sehen Sie sich die Gewalt von Amokläufern doch an: Sie ist zielgerichtet, geplant, kühl und empathielos - wie auf der Jagd.

Das Bild vom durchgedrehten Amokläufer trifft also nicht zu?

Nein, diese Personen gehen bewusst einen Weg zur Gewalt. Am Anfang steht der Missstand, die Kränkung. Und diese Kränkung kompensieren sie durch Rachefantasien und machen andere für ihr Leiden verantwortlich. Wir wissen bei Amokläufern aus Deutschland, dass sie ihre Taten teilweise über mehrere Jahre lang planen.

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Wie viel Sozial- und Geschlechterprägung steckt da drin?

Einiges. Wir haben Unterschiede bei den Geschlechtern und auch immer noch in der Sozialisation von Frauen und Männern. Frauen können sich in Krisen besser anderen mitteilen. Männer machen das häufiger noch mit sich selbst aus. Und wenn Frauen verletzen wollen, dann verletzen sie eher sich selbst als andere. Bei Männern richtet sich die Gewalt eher nach außen. Sie wollen sich ihrer Männlichkeit versichern. Allerdings wird diese Männlichkeit gerade hinterfragt, je mehr sich die Geschlechter angleichen und Rollen nicht mehr klar definiert sind. Ob es das schlechter oder besser macht ist schwer zu sagen. In Krisenzeiten, in denen sich diese Jugendlichen befinden, suchen sie nach Identität und finden in einem Amoklauf eine Möglichkeit, Männlichkeit herzustellen.

Die Täter laufen also Amok, weil sie ihrem gesellschaftlichen Ideal nicht entsprechen?

Nein, das ist nur der Hintergrund für die Art und Weise, wie Täter ihre Tat ausleben. Die Gründe für die Taten liegen woanders. Sie kommen mit den sozialen, manchmal hierarchischen Strukturen nicht zurecht. An der Schule kommen sie mit Lehrern und Mitschülern nicht klar. Im Job setzen ihnen Kollegen zu. Sie fühlen sich isoliert, anders als andere.

Wie machen sich diese Probleme bemerkbar?

In allen deutschen Fällen - und auch im aktuellen aus den USA - haben sich die Täter vorher zur Tat geäußert. Wir nennen das leakage, also das Durchsickern einer Nachricht. Sie kündigen die Tat vorher an, oder drohen und kündigen Rachefantasien an. Nach dem Motto: "Ich werde es denen zeigen, ich will nochmal groß rauskommen." Dann wird die Tat geplant. Von der Wahl der Waffe über die Wahl der Opfer, Ort, Zeit und so weiter. Die späteren Täter kommunizieren das vorher! Auch der 19-Jährige in Florida hatte vor der Tat bereits angekündigt, dass er sich rächen werde. Diese Warnsignale muss man ernstnehmen: bedrohliche Aussagen, versteckte oder offene Drohungen, Rückzug.

Der 19-Jährige in Florida wurde bereits von der Schule verwiesen.

Ja. Aber die Frage ist: Wo kommt er dann hin? Wer kümmert sich um ihn, wie kann er wieder Fuß fassen und anstatt Rachegedanken zu pflegen eine positive Zukunftsperspektive entwickeln? Hier muss rechtzeitig angesetzt werden.

Karoline Roshdi befasst sich als Kriminalpsychologin mit entstehenden Konflikten und den daraus resultierenden Gefahren. Ihr Buch "Amok und andere Formen schwerer Gewalt" ist im Schattauer Verlag erschienen.

(Foto: Photographer: daria hoefler-lai; Karoline Roshdi)

Wenn sich die Täter kurz vor der Tat doch in irgendeiner Form mitteilen - widerspricht das nicht dem starken Mann, der alles mit sich allein ausmacht?

Jein. Sie befinden sich ja in starken Krisen, und da teilen sich Menschen nun mal mit. Das sind normale psychologische Prozesse. Und oft melden sich die Täter auch nur, um Macht zu demonstrieren. Anderen Angst einzujagen, kann das eigene Selbstwertgefühl stärken. Aber natürlich kann es auch ein Hilferuf sein. In den Fällen in Deutschland waren beide Motive zu erkennen - die einen wollten Angst verbreiten, die anderen haben darauf gehofft, dass da jemand ist, der ihre Nöte erkennt.

Lassen sich - ob in den USA oder Europa - Amokläufe verhindern, indem wir als Gesellschaft an den Geschlechterrollen arbeiten?

Nein, das wäre zu einfach. Tatsächlich sollte das Umfeld eher darauf achten, die bereits erwähnten Warnsignale zu erkennen und ernstzunehmen. Oft wird da aber lieber weggeschaut, weil niemand verantwortlich sein will.

Aber wenn man männlichen Jugendlichen sagte, sie müssen nicht immer stark sein, sie dürfen sich mitteilen, weinen - würde das nicht helfen?

Schön wär's. Mit dem Amoklauf machen die Täter ja gezielt andere für ihre Misere verantwortlich und wollen sie bestrafen. Das hat sicherlich mit einer bestimmten Vorstellung von Machtausübung zu tun. Gewalt ist ja immer noch ein stark männliches Phänomen. Aber das falsche Rollenverständnis ist nur einer von vielen psychologischen Faktoren, die zu einem Amoklauf führen.

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