Amerikanische Literatur Wenn einer bloß dazugehören will

Daniel Woodrell lässt in seinem Roman "Tomatenrot" aus der schwarzen Schelmenkomödie die große, die tragische Liebesgeschichte eines Geschwisterpaares erwachsen .

Von Ulrich Baron

Eigentlich ist Sammy Barlach nicht der Typ, der Leuten mit dem Wagenheber den Schädel einschlägt. Obwohl er so ausschaut. Zumindest, wenn er mit Alkohol und Crystal Meth im Blut in einer fremden Villa aufwacht und seinen Job in der Hundefutterfabrik schon wieder abschreiben kann. Zumindest in den Augen des Geschwisterpaars Merridew, das in der Villa so wenig verloren hat wie Sammy: "Du siehst ziemlich genauso aus wie der Mann, den wir gerade suchen", sagt die winzig kleine Jamalee mit den tomatenroten Haaren. Ihr verboten schöner Bruder Jason hingegen meint, dass man an Sammys Bart noch arbeiten müsse.

Jason ist Friseurlehrling, Schwarm aller Kundinnen, doch zum Leidwesen seiner Schwester, die ihn zum skrupellosen Bel Ami aufbrezeln will, weiß er mit Frauen nichts anzufangen. Da kommt ihr Sammy als Mann fürs Grobe gerade recht, doch der sieht sich nicht zum bösen großen Bruder prädestiniert. Auch nicht zum kometenhaften Aufstieg aus den Niederungen des Armenviertels Venus Holler in den Ozarks: "Ich habe mir schon immer gewünscht, irgendwo dazuzugehören, und das waren die Leute, die mich ließen", sagt Sammy über seine neue Familie, zu der auch Bev zählt. Die Mutter von Jam und Jason hat beide als Prostituierte durchgebracht, was den Kindern peinlich, aber Sammy willkommen ist.

So könnte der Ich-Erzähler von Daniel Woodrells in den USA schon 1998 erschienenem Roman "Tomato Red" noch immer im White-Trash-Schlaraffenland leben, wenn Jam nicht große Pläne gehabt hätte. "Wir sind einfach nicht mit anständigen Werten aufgewachsen", doziert sie über den Seiten eines "irgendwie feucht geworden Benimmbuchs" und droht: "Wir werden sie auswendig lernen müssen." In Los Angeles würde sie gerne leben, habe sie dem "Kopfdoktor" gesagt, zu dem man sie wegen "Klauen" geschickt habe. Das ließe sich machen, habe der geantwortet, doch da habe sie ergänzt: "1928." Selbst in High Heels kaum anderthalb Meter hoch und vom sozialen Status her eher unterirdisch will Jam nach oben, wo immer das sein mag.

Daniel Woodrell: Tomatenrot. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2016. 222 Seiten, 20 Euro.

Hier wird die Unterschichtenkomödie zur Tragödie, denn man lässt sie nicht; lässt Jam in ihrem provozierenden Outfit nicht einmal im Country Club arbeiten und beschimpft das Kleeblatt als letzten Abschaum der Stadt. Dabei zeigt Jason noch einmal erstaunliche Würde: Abschaum vielleicht, aber nicht der letzte, denn da gebe es Leute . . . , aber man lässt ihn den Satz nicht vollenden. Wenig später wird Jason tot aus einem Teich gefischt, der zum Ertrinken viel zu flach ist.

So überrascht dieser Roman, der bei der Erstübersetzung 2001 nicht sonderlich auffiel, gleich mehrfach. Zunächst einmal, weil die Neuübersetzung von Peter Torberg in ihrem pointenreichen und -sicheren Deutsch die Augen dafür öffnet, wie viel Humor in den Werken des 1953 geborenen Woodrell steckt, den man seit der erfolgreichen Verfilmung von "Winter's Bone" auch hierzulande als einen Meister des Country Noir kennt und schätzt. Dieser Humor aber wirkt oft retardierend, weil er drohende Konsequenzen ironisch bagatellisiert. Da bereitet sich Sammys Familie nach ihrem Verlust auf einen Showdown vor, der wenig später verschoben werden muss. Immerhin hatte Sammy sich schon mal eine geladene Pistole in den Gürtel geschoben. Und siehe da: "Sofort spürte ich, dass ich einen anderen Gang hatte."

Zum Zweiten gelingt es Woodrell, den heiteren Tonfall auch über Szenen hinweg zu wahren, in denen die Spannung zwischen den Lebenswelten diesseits und jenseits der Bahngleise immer bedrohlicher zutage tritt. Was erzählerisch mit "Du bist kein Unschuldslamm" als selbstironische Selbstanrede eines Underdogs begann und dann zur Ich-Erzählung wurde, entwickelt sich bald zum schieren Understatement. Woodrells Held erzählt eine Geschichte, die seine eigenen Ansprüche weit übersteigt. Dass Sammy einfach irgendwo "dazugehören" will, wurde bereits erwähnt - im Original heißt es "to fit into somewhere", also irgendwohin passen. Sammy möchte nicht aufsteigen, sondern nur in seiner "Familie" aufgehen. Auf Jams Frage, ob er "keinen Eindruck hinterlassen", nicht "irgendetwas hinterlassen wolle" antwortet er: "Ich schätze, ich mach einfach weiter und bring die Tage rum, weißt du, bis zu dem Tag, an dem ich alles so richtig vermassle und meine Zukunft zu Ende ist." Die defätistischen, ja prophetischen Worte münden für ihn in eine Vermutung, die bei Romanfiguren nie ganz falsch sein kann: "Aber vielleicht ist auch alles für mich vorgeplant. Könnte gut sein." Geht aber nicht gut aus, denn am Ende hat Jamalee erkannt, dass Sammy nicht der Mann ist, den sie gesucht hatte: "Auf jedem Bild, das ich je von der Zukunft in meinen Kopf hatte, war er bei mir", sagt sie - über ihren ermordeten Bruder. Und lässt Sammy in Venus Holler, West Table, Missouri zurück.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Die Protagonistin scheint das weibliche Gegenstück zu Gatsby

Ein "holler" ist im Amerikanischen ein kleines Bergtal. Ein Venusberg wäre zu hoch gegriffen für Sammy. Doch während der Roman für ihn mit einem fatalen Fehlschlag endet, ist aus der schwarzen Schelmenkomödie längst die tragische Liebesgeschichte eines Geschwisterpaares erwachsen, das die Schönheit, den Geist und den Willen gehabt hätte, Großes zu erreichen, und doch gescheitert ist, halb gescheitert zumindest. Am Ende meldet der Erzähler sich ab. Er hat seine Arbeit gut gemacht, doch die Sache ist ihm über den Kopf gewachsen.

Es bleibt die Frage, ob Jamalees amerikanischer Traum von den "besseren Zeiten" sich weiterträumen lässt, wenn von der ersehnten Zukunft nur die eine Hälfte übrig ist. Es bleibt die Erinnerung an eine Protagonistin, die wie ein weibliches Gegenstück zum großen Gatsby erscheint, obwohl die amerikanische Provinz sie nie hat entkommen lassen.