Amerikanische Literatur Die hohe Kunst des Schundromans

Unter Pennern, Puritanern und Plumpskloreinigern: Das Amerika, das Donald Ray Pollock in seinem neuen Roman, dem Hillbilly-Noir "Die himmlische Tafel" entwirft, ist noch näher am Western als an der Moderne.

Von David Steinitz

Beginnen wir mit dem Plumpsklo-Inspektor. Dieser trägt in Donald Ray Pollocks Pulp-Roman "Die himmlische Tafel" die Verantwortung für gut achtzehnhundert Außentoiletten, um deren Hygiene es im Jahr 1917 eher nicht so gut bestellt ist. Aber Jasper Cone, der eine typisch tragikomische Pollock-Figur ist, nimmt die Herausforderungen der Fäkalienobservation trotzdem mit großer Leidenschaft und Demut an: "Hauptsächlich kontrolliere ich den Pegel in den Plumpsklos, aber wenn ich dabei auf, sagen wir mal, eine Erdnatter stoße oder ein Spinnennest, eine Beutelratte oder was auch immer, dann kümmere ich mich drum. Sie wären überrascht, was auf einem Scheißhaus so alles geht."

Wie ein freundlicher Geist stolpert dieser Jasper Cone mit seinem Inspekteursstock durch den Roman, taucht alle paar Kapitel auf und dann schnell wieder ab. Er wirkt wie das ferne Ein-Mann-Echo eines griechischen Chors, der die Schweinereien der anderen Protagonisten überwacht und kommentiert. Pollocks Buch spielt nominell zwar im Jahr 1917, die Amerikaner sind gerade dabei, sich in den Weltkrieg einzumischen, und die schnell hochgezogenen Rekrutierungslager des Militärs sorgen für eine rasante Plumpskloinflation. Aber da der Autor mit besonderer Leidenschaft der Kunst des Schundromans huldigt, handelt es sich eher um ein fiktives 1917, das in manchen Wildwestpassagen genauso gut 1817 spielen könnte.

Im Mittelpunkt stehen drei Brüder zwischen 17 und 23 Jahren; der eine ist klug, der andere dumm, der dritte verrückt. Die Jewett-Brüder haben das Leben bislang nur als endlose Aneinanderreihung zermarternder Aushilfsjobs auf den Farmen reicher Cowboy-Dandys erlebt. Arbeiten, die sie ihrem Vater zuliebe angenommen hatten, der dummerweise einst ein quasireligiöses Erweckungserlebnis hatte. Ein verrückter Mann mit jeder Menge Ungeziefer im Bart riet ihm damals, sein Leben möglichst voller Leid und Knechtschaft zu führen, weil er sich dadurch einen posthumen Platz an der "himmlischen Tafel" sichern könne.

Das Amerika dieses Romans ist noch mehr vom Wilden Westen geprägt als von der Moderne

Nachdem der Alte eines Tages tot umkippt, beschließen die Jewett-Jungs, mit dem Leben als halbversklavte Proletarier zu brechen und den Weg zur himmlischen Tafel etwas abzukürzen. Sie satteln die Pferde und überfallen eine Kleinstadtbank nach der anderen. Dabei kreuzt sich ihr Weg mit einem Haufen anderer Räuber, Penner, Huren und Plumpskloreiniger, die ebenfalls alle einen irren Hunger haben, nicht nur nach Essen, sondern auch nach dem wilden Leben, und die sich ihren Platz beim göttlichen Gelage sichern wollen.

Donald Ray Pollock, heute 62 Jahre alt, hat erst spät mit dem Schreiben begonnen. Mit 45 verfasste er eine erste Kurzgeschichte, die von einem US-Magazin veröffentlicht wurde, woraufhin er beschloss, einen Schreibkurs zu belegen, um an seinem Stil zu feilen. Es folgte der Kurzgeschichtenband "Knockemstiff" (2008) und sein Debütroman "Das Handwerk des Teufels" (2012), in dem er die Geschichte eines Serienkillerpaars in den Sechzigern in Ohio erzählt. Zuvor arbeitete Pollock im tiefsten Mittleren Westen der USA auf einem Schlachthof, in einer Papiermühle und dann vor allem als Lkw-Fahrer. Die Welt, die er kennt und beschreibt, hat nichts mit der sonnigen Lässigkeit der Westküste oder dem intellektuellen Glamour der Ostküste zu tun. Pollock interessiert sich für die Abgehängten, die desillusionierten Säufer und die unverbesserlichen Träumer, deren Tragik er eine große Portion Komik abgewinnt, ohne seine Protagonisten jemals bloßzustellen.

Das funktioniert im historischen Gewand von "Die himmlische Tafel" besonders gut, da das Wildwest-Ethos, das seine Jewett-Gang auf dem Ritt durch die USA (die Brüder wollen sich mit ihrer Beute nach Kanada absetzen) begleitet, quasi die Inspiration für andere White-Trash-Gestalten von heute darstellt. Das Amerika, das Pollock entwirft, ist noch deutlich näher am Wilden Westen als an der Moderne. Viele Landstriche sind reines Frontiergebiet, das komplett anderen Gesetzen unterworfen ist als die Großstadt.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Der beste humoristische Einfall des sehr talentierten Komödianten Pollock ist dabei, dass seine Pulp-Fantasie ihrerseits einer fiktiven Pulp-Fantasie zugrunde liegt. Seine drei Brüder werden nämlich zur praktischen wie ideologischen Ausübung ihres Daseins als Outlaws von einem zerfledderten Groschenroman mit dem Titel "The Life and Times of Bloody Bill Bucket" inspiriert.

Charles Foster Winthrop III. ist der Urgroßvater aller gescheiterten Künstlerhipster

Dieser wurde, so referiert es Pollock in einem Extrakapitel, von einem gewissen Charles Foster Winthrop III. geschrieben - seine Zeichens "ein gescheiterter Dichter aus Brooklyn". Dessen Biografie klingt so, als sei er der Urgroßvater aller Brooklyner Kreativhipster, die gerne mit Befindlichkeitsprosa berühmt werden würden, aber dummerweise als völlig untalentierte Schreiber in die große Stadt kommen. Winthrop, ein fast vergessenes Opfer des Darwinismus in der Literaturwelt, hinterlässt vor allem einen schlecht gelaunten Schundroman. Und in den hat er aus purer Wut "jegliche Art von Vergewaltigung, Raub und Mord gepackt, die sein zorniges, syphilitisches Hirn sich ausdenken konnte."

Pollock ist ein notorischer Melancholiker, der für gescheiterte Historienexistenzen mehr übrig hat als für die Menschen von heute. "Was das Schreiben angeht", sagt er, "interessiert mich die heutige Welt nicht sonderlich. Ich sage es ungern, weil es immer so düster klingt, aber ich befürchte, unsere besten Tage liegen längst hinter uns."

Nun könnte man erwidern, dass die Gangster, Luden und Flittchen, über die er schreibt, noch einem Lebenskampf jenseits des triebbeschränkenden Gesellschaftsvertrags unterworfen sind, der auch nicht erstrebenswerter ist als die heutigen Verhältnisse. Aber genau darin liegt die knifflige Kunst dieses Romans: Pollock weiß seinen Außenseitern, die teilweise wirklich wortwörtlich in der Scheiße stecken, trotzdem eine romantische Grandezza zu verleihen, die sogar das perverse Chaosjahr 1917 als Sehnsuchtsort erscheinen lässt.