Amerikaner schreiben Briefe an Banker Behandelt uns mit Respekt!

Occupy-Demonstranten unterschreiben 2011 in Washington eine Kopie der US-Verfassung - im Buch "The Trouble is the Banks" kommen die 99 Prozent zur Finanzkrise zu Wort.

(Foto: Reuters)

Wenn zockende Banker das eigene Leben zerstören: 8000 US-Bürger schrieben während der Occupy-Proteste Berichte an Finanzmanager und schilderten, was die Finanzkrise für ihr Leben bedeutet. Ein Buch dokumentiert nun eine Auswahl der Briefe, die schockieren und inspirieren.

Von Matthias Kolb, New York

Am 28. Oktober 2011 machte sich Mark Greif auf den Weg zur Kreuzung von 42nd Street und 6th Avenue in New York. Mit hundert Unterstützern von "Occupy the Boardroom" wollte der Philosoph im Hochhaus der Bank of America Briefe abgeben. Es waren Botschaften, die Bürger über eine Website an die Vorstände großer Finanzinstitute geschrieben hatten und in denen sie die Auswirkungen der Finanzkrise auf ihren Alltag schilderten. Doch da sich 300 Polizisten der kleinen Occupy-Delegation in den Weg stellten, scheiterte die Übergabe.

"Ich war enttäuscht, dass die Briefe ihre Adressaten nicht erreichen sollten", erinnert sich Greif im Büro des von ihm mitgegründeten Kulturmagazins n+1. Wenn es im besetzten Zuccotti-Park zu Streitigkeiten kam oder die Polizei gewalttätig wurde, habe er oft an die Berichte gedacht: "Dann wusste ich wieder, dass der Protest wichtig ist und es im ganzen Land Gleichgesinnte gibt."

Die Nachrichten aus dem Herzen Amerikas haben den 37-Jährigen so beeindruckt, dass er ein Dreivierteljahr mit zehn Freiwilligen 8000 Briefe sichtete und 150 in dem Buch "The Trouble is the Banks. Letters to Wall Street" (n+1 Foundation, 10 Dollar) veröffentlicht hat. Es ist ein ebenso schockierendes wie inspirierendes Dokument, das den aktuellen Streit um die "Fiskalklippe" noch absurder wirken lässt: Die Republikaner lehnen es im Haushaltsstreit weiter ab, die Abgaben für Reiche anzuheben.

Das Argument, dass durch niedrige Steuersätze für Spitzenverdiener und Firmen mehr Jobs entstehen, überzeugt immer weniger Amerikaner, wie der Brief von G. Benton aus Ohio zeigt: "Bitte hören Sie auf, Schlupflöcher auszunutzen und mit Ihrem Geld die Entscheidungsträger zu beeinflussen, damit Sie noch mehr Profite machen! Was ist Ihr Ziel? Sehen Sie nicht, wie unsere öffentlichen Schulen zugrunde gehen und die Zukunft des Landes gefährdet wird?"

Ausführlich schildert Susan Thompson aus North Carolina dem Citigroup-Manager William Thompson jr. ihre Lage: "Vor fünf Jahren war ich eine 49-jährige alleinerziehende Mutter mit eigenem Haus und 175.000 Dollar auf dem Rentenkonto. Heute habe ich Haus und Altersvorsorge verloren, weil mir gekündigt wurde. Mein neuer Job ist zwar ohne Krankenversicherung oder Rentenanspruch, aber immerhin haben meine Tochter und ich genug zu essen. Ihren Tanzunterricht kann ich nicht mehr zahlen, das ist extrem traurig."

Es sei ihnen wichtig gewesen, möglichst viele Briefeschreiber zu kontaktieren und deren Einwilligung zu erhalten, sagt Dayna Tortorici von n+1: "Skeptiker, die glauben, dass einige wütende Linke die Berichte erfunden haben, können die Absender finden." Während in den Zeltlagern vor allem junge Leute protestierten, melden sich im Buch die 99 Prozent zu Wort: Angewiderte Ex-Banker, wütende Republikaner, Rentner und Schüler, die aus Angst vor Verschuldung aufs College verzichten wollen .