Alice Schwarzer über Birma Sind so liebe Wasserbüffel

Goldhäutige und heitere Menschen: Alice Schwarzer hat in Birma exklusives Touristenglück erlebt - und kein wirkliches Elend gesehen. Leider verschont sie uns nicht mit diesem grobem Unfug.

Von Stefan Klein

Frau S. macht gerne Urlaub in Birma, und warum auch nicht? Auf der Shwedagon Pagode die Sonne untergehen sehen, "die Kraft der Wasserbüffel" am Flussufer bewundern, "mittelalterliche Märkte" besuchen, in einem Pfahlbauhotel wohnen, sich an den "goldhäutigen und heiteren Menschen" erfreuen, den Frauen zusehen, wie sie "die Hirse in Steinmörsern stampfen" - das alles ist ja auch sehr schön, und wer so viel Touristenglück erlebt, der hat eine Erinnerung fürs Leben.

Die gewöhnliche Frau S. kommt nach solchen Ferien heim, klebt die Fotos ins Album, stellt die Andenken auf die Vitrine und schwärmt den vor Neid blassen Freundinnen von ihrem Traumurlaub vor. Wenn aber S. für Schwarzer steht und der Vorname Alice lautet, dann ist es ein bisschen anders.

Dann gewinnt man beim Betrachten der Goldhäutigen offenbar jede Menge politische Erkenntnisse, und die sind selbstverständlich so gewichtig, dass sie gleich im Feuilleton der FAZ ausgebreitet werden müssen.

Danach ist Birmas größtes Problem augenblicklich der "schon lange auf der Lauer" liegende Ex-Kolonialherr. Bis heute hätten Engländer "Grundstücke und Häuser" in Birma, die sie, wenn sie nur könnten, "sehr rasch wieder besetzen würden".

Der böse Westen

Überhaupt der böse Westen, der zwar Begriffe wie Menschenrecht und Demokratie im Munde führe, in Wahrheit aber das Land im postkolonialistischen Geiste nur unterjochen wolle. Dann schon lieber die birmanische Militärjunta als "das kleinere Übel".

Zwar tauchen in dem Artikel die Generäle irgendwo auch als "alte Knochen" auf, die verschwinden müssten, zu viel Sympathie soll denn doch nicht sein. Doch deren Misstrauen gegenüber der internationalen Gemeinschaft, schreibt die Schwarzer, bestehe zu Recht, und das ist nichts weniger als eine Rechtfertigung jener menschenverachtenden Blockadepolitik gegenüber den internationalen Hilfsorganisationen, die dem Land und seinen Menschen nach dem Wirbelsturm zu Hilfe eilen wollten - und nicht durften.

Natürlich sind die westlichen Sanktionen gegen Birma kontraproduktiv. Natürlich hat das Gerede von der notfalls mit Gewalt durchzusetzenden humanitären Intervention mehr geschadet als genützt. Natürlich würde der Westen (wie auch die Bevölkerung Birmas) die Militärjunta lieber heute als morgen weghaben, aber ob das Technische Hilfswerk aus Kiel mit seiner Wasseraufbereitungsanlage wirklich die zu diesem Zweck instrumentalisierte Speerspitze ist? Oder die Malteser mit ihren Hilfsgütern?

Die Liebe

Doch die Touristin Schwarzer wird man nicht so leicht irritieren können, denn sie hat ihre Erkenntnisse, und die basieren, wie sie den FAZ-Lesern verrät, auf den Gesprächen, die sie "mit vielen Menschen" geführt hat - und zwar auch mit Oppositionellen. Klar, man ist schließlich kommunikativ und will alles wissen.

Hat sie auch gewusst, dass sich oft nach solchen Gesprächen der Angesprochene für seine Auskünfte bei der Polizei rechtfertigen muss, wenn er nicht gleich im Gefängnis verschwindet? Oder war für solche Vorsichtsmaßnahmen kein Platz bei all der überquellenden "Liebe", die Frau Schwarzer für das Land empfindet? Ein Land übrigens, in dem sie zwar Armut gesehen hat, aber kein wirkliches Elend.

Das nennt man differenzieren, und es spricht für das Organisationstalent der birmanischen Tourismusmanager, die die Trampelpfade für die Schwarzers dieser Welt so angelegt haben, dass sie an kraftstrotzenden Wasserbüffeln und goldhäutigen Menschen vorbeiführen - und nicht an dem Elend der Zwangsarbeiter und Aids-Kranken.

Amüsieren

Vermutlich haben sie auch The New Light of Myanmar, die Propagandapostille des Regimes, im Wesentlichen zur Erheiterung der Touristen auf den Markt gebracht. Frau Schwarzer jedenfalls hat sie sich morgens gerne besorgt, um sich, wie sie schreibt, "zu amüsieren".

Da freut man sich natürlich, dass sie zu all den schönen Erlebnissen auch noch Spaß hatte; denn kann man sich etwas Lustigeres vorstellen als ein Land, das keine Pressefreiheit kennt und als Informationen nur vorgesetzt bekommt, was dem Regime gefällt?

Die FAZ-Feuilletonisten fanden dies alles so mitteilenswert, dass sie Frau Schwarzer am Samstag dafür fast die komplette erste Seite freigeräumt haben.

"Warum Burma echte Freunde braucht" ist das Stück überschrieben, und die echteste Freundin von allen, daran lässt der Text keinen Zweifel, ist - natürlich - Alice Schwarzer.

Die Kollegen hätten besser daran getan, den Aufsatz vor Drucklegung dem FAZ-Korrespondenten in Südostasien zu lesen zu geben. Der hätte ihnen vermutlich gesagt, worum es sich bei dem Text handelt - nämlich um groben Unfug.