Goldhäutige und heitere Menschen: Alice Schwarzer hat in Birma exklusives Touristenglück erlebt - und kein wirkliches Elend gesehen. Leider verschont sie uns nicht mit diesem grobem Unfug.
Frau S. macht gerne Urlaub in Birma, und warum auch nicht? Auf der Shwedagon Pagode die Sonne untergehen sehen, "die Kraft der Wasserbüffel" am Flussufer bewundern, "mittelalterliche Märkte" besuchen, in einem Pfahlbauhotel wohnen, sich an den "goldhäutigen und heiteren Menschen" erfreuen, den Frauen zusehen, wie sie "die Hirse in Steinmörsern stampfen" - das alles ist ja auch sehr schön, und wer so viel Touristenglück erlebt, der hat eine Erinnerung fürs Leben.
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Die gewöhnliche Frau S. kommt nach solchen Ferien heim, klebt die Fotos ins Album, stellt die Andenken auf die Vitrine und schwärmt den vor Neid blassen Freundinnen von ihrem Traumurlaub vor. Wenn aber S. für Schwarzer steht und der Vorname Alice lautet, dann ist es ein bisschen anders.
Dann gewinnt man beim Betrachten der Goldhäutigen offenbar jede Menge politische Erkenntnisse, und die sind selbstverständlich so gewichtig, dass sie gleich im Feuilleton der FAZ ausgebreitet werden müssen.
Danach ist Birmas größtes Problem augenblicklich der "schon lange auf der Lauer" liegende Ex-Kolonialherr. Bis heute hätten Engländer "Grundstücke und Häuser" in Birma, die sie, wenn sie nur könnten, "sehr rasch wieder besetzen würden".
Der böse Westen
Überhaupt der böse Westen, der zwar Begriffe wie Menschenrecht und Demokratie im Munde führe, in Wahrheit aber das Land im postkolonialistischen Geiste nur unterjochen wolle. Dann schon lieber die birmanische Militärjunta als "das kleinere Übel".
Zwar tauchen in dem Artikel die Generäle irgendwo auch als "alte Knochen" auf, die verschwinden müssten, zu viel Sympathie soll denn doch nicht sein. Doch deren Misstrauen gegenüber der internationalen Gemeinschaft, schreibt die Schwarzer, bestehe zu Recht, und das ist nichts weniger als eine Rechtfertigung jener menschenverachtenden Blockadepolitik gegenüber den internationalen Hilfsorganisationen, die dem Land und seinen Menschen nach dem Wirbelsturm zu Hilfe eilen wollten - und nicht durften.
Natürlich sind die westlichen Sanktionen gegen Birma kontraproduktiv. Natürlich hat das Gerede von der notfalls mit Gewalt durchzusetzenden humanitären Intervention mehr geschadet als genützt. Natürlich würde der Westen (wie auch die Bevölkerung Birmas) die Militärjunta lieber heute als morgen weghaben, aber ob das Technische Hilfswerk aus Kiel mit seiner Wasseraufbereitungsanlage wirklich die zu diesem Zweck instrumentalisierte Speerspitze ist? Oder die Malteser mit ihren Hilfsgütern?
Die Liebe
Doch die Touristin Schwarzer wird man nicht so leicht irritieren können, denn sie hat ihre Erkenntnisse, und die basieren, wie sie den FAZ-Lesern verrät, auf den Gesprächen, die sie "mit vielen Menschen" geführt hat - und zwar auch mit Oppositionellen. Klar, man ist schließlich kommunikativ und will alles wissen.
Hat sie auch gewusst, dass sich oft nach solchen Gesprächen der Angesprochene für seine Auskünfte bei der Polizei rechtfertigen muss, wenn er nicht gleich im Gefängnis verschwindet? Oder war für solche Vorsichtsmaßnahmen kein Platz bei all der überquellenden "Liebe", die Frau Schwarzer für das Land empfindet? Ein Land übrigens, in dem sie zwar Armut gesehen hat, aber kein wirkliches Elend.
Das nennt man differenzieren, und es spricht für das Organisationstalent der birmanischen Tourismusmanager, die die Trampelpfade für die Schwarzers dieser Welt so angelegt haben, dass sie an kraftstrotzenden Wasserbüffeln und goldhäutigen Menschen vorbeiführen - und nicht an dem Elend der Zwangsarbeiter und Aids-Kranken.
Amüsieren
Vermutlich haben sie auch The New Light of Myanmar, die Propagandapostille des Regimes, im Wesentlichen zur Erheiterung der Touristen auf den Markt gebracht. Frau Schwarzer jedenfalls hat sie sich morgens gerne besorgt, um sich, wie sie schreibt, "zu amüsieren".
Da freut man sich natürlich, dass sie zu all den schönen Erlebnissen auch noch Spaß hatte; denn kann man sich etwas Lustigeres vorstellen als ein Land, das keine Pressefreiheit kennt und als Informationen nur vorgesetzt bekommt, was dem Regime gefällt?
Die FAZ-Feuilletonisten fanden dies alles so mitteilenswert, dass sie Frau Schwarzer am Samstag dafür fast die komplette erste Seite freigeräumt haben.
"Warum Burma echte Freunde braucht" ist das Stück überschrieben, und die echteste Freundin von allen, daran lässt der Text keinen Zweifel, ist - natürlich - Alice Schwarzer.
Die Kollegen hätten besser daran getan, den Aufsatz vor Drucklegung dem FAZ-Korrespondenten in Südostasien zu lesen zu geben. Der hätte ihnen vermutlich gesagt, worum es sich bei dem Text handelt - nämlich um groben Unfug.
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(SZ vom 4.6.2008/rus)
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die Bibel aller Globalisierung-Gegner. Ich würde sagen, heute hat man zwar keine Religion, aber die politische Auffassung erfüllt den Zweck von Gehirnwäsche und totalen Fanatismus ebenso.
Mich macht schon stutzig; wenn ein Buch auf dem linken Auge blind ist wie bei Chavez oder Hisbollah.
Wie gut, das ich meine politische Meinung nie an den Wahlergebnissen bilde, sondern selber denke. Im Falle der ehemalige sozialistischen Staaten haben wir gesehen, dass hat uns genauso wenig weiter gebracht. Man muss nicht alle Fehler zweimal machen.
Die Militärjunta in Birma ist nach allen zugänglichen Quellen ein Regime der Drogenbarone, mühsam durch irgendwelche militärischen Phantasiegebilde legitimiert. Es sollte aber schon die Frage gestattet sein, wie dieses Gebilde entstanden ist. Hier hat der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA weltweit keine sehr rühmliche Rolle (Alfred W. McCoy "Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel).
Dass ihre hochgepäppelten Verbrecher jetzt, nachdem sie sich den Chinesen andienen wieder eingesammelt werden sollen ist zwar folgerichtig, hat aber nichts mit wirklicher Humanität zu tun. Wenn man sich die US-Aktionen unter ähnlichen Vorzeichen ansieht (Afghanistan, Irak, Nicaragua etc.) kann man den Ansatz von Frau Schwarzer verstehen. So was hat den Birmesen jetzt gerade noch gefehlt.
gesagt Irreführung der Leser, die keine Zeit haben, dass eben so überprüfen.
Danke stratto
Ist es nicht unglaublich, welcher Aufwand betrieben wird um die Opfer einer Naturkatastrophe in geistigen und politische Reinheit zu bewahren, dass sie dabei sterben oder an Krankheiten leiden oder verhungern könnten, ist eigentlich völlig irrelevant.
diesmal mit der Versorgung mit Opfern von Flutkatastrophen zu begründen, wird hoffentlich in der nächsten Runde nicht so einfach sein. In Zeiten, wo im Mikrozensus für männliche Wahlberechtigte die Linke auf genau so viel Stimmen kommt wie die SPD (nämlich 20 % so die FAZ von heute), kann man Kritik aus der linken Ecke nicht mehr einfach wegbeißen wie noch zur Schröder-Fischer-Zeit.
Jedem sei darüber hinaus Naomi Kleins Buch "Die Schock-Strategie" (The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism) ans Herz gelegt, meiner Meinung nach eines der historischen Schlüsselwerke für die Aufhellung der letzten 30 Jahre.
Möglicherweise hat Frau Schwarzer auch gespürt, dass sich der Wind gedreht hat.
Paging