14. November 2010, 14:35 Paolo Conte Von Männern bevorzugt

Paolo Conte ist der erfolgreichste italienische Liedermacher. Ein Gespräch über Frauen als das rationale Geschlecht und die kollektive Traurigkeit der Nachkriegsgeneration.

Interview: Jonathan Fischer

Paolo Conte, geboren 1937 in Asti im Piemont, ist heute der international erfolgreichste der italienischen "Cantautori", also Komponisten, die selber singen. Conte arbeitete zunächst als Rechtsanwalt und übernahm die Notarpraxis seines Vaters. Nebenbei spielte Paolo Conte Vibraphon in verschiedenen Jazzbands. 1963 belegte er bei einem Musikwettbewerb in Oslo als Vertreter Italiens den dritten Platz. Da Conte seine eigene Stimme als "zu hässlich" empfand, schrieb er zunächst nur für andere: Sein Song "Azurro" wurde ein Hit für Adriano Celentano, auch Lucio Dalla, Patty Pravo oder Bruno Lauzi interpretieren Contes Kompositionen. Der Durchbruch als Sänger und Musiker gelang ihm 1979 mit dem Album "Gelato Al Limon". Dieser Tage erschien "Nelson", Paolo Contes 23. Album. Wie auf den Vorgängern schwingen Zirkusmusik, Tarantella, Chanson, lateinamerikanische Tänze und Big-Band-Jazz in seiner Musik mit, während Contes brüchiger Gesang auf indianische Weisheiten und unmögliche Lieben anspielt - bis das verzerrte Tröten seines Kazoos allen Pathos wieder zunichte macht.

Für den italienischen Sänger und Komponisten Paolo Conte hat Musik eine heilende Wirkung. Mit seinen Kompositionen wendet er sich vor allem an die Männer der Nachkriegszeit.

(Foto: AFP)

Lesen Sie hier Auszüge aus einem Interview mit der SZ am Wochenende vom 13.11.2010.

SZ: Gestatten Sie mir, mit einer persönlichen Bemerkung anzufangen: Mein Vater hinterließ bei seinem Tod einen ganzen Stapel Ihrer Platten. Er hatte keinen Bezug zu Popmusik, aber in Ihren Songs erkannte er wohl etwas wieder.

Paolo Conte: Das wundert mich nicht.

SZ: Weil Ihre Musik sich besonders Männern in fortgeschrittenem Alter erschließt?

Conte: Menschen, die in den harten Zeiten während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchsen, tragen eine bestimmte Art Melancholie in sich. Ein Loch, das sie mit Leben, mit Kunst, mit Sinnlichkeit füllen wollen. Es gibt eine kollektive Traurigkeit in meiner Generation, der durch den Krieg so viel Lebensfreude genommen wurde. Mir scheint manchmal, dass ich mein ganzes Leben lang für diese sprachlosen und sehnsüchtigen Männer der Nachkriegszeit gesungen habe.

SZ: Aber heute sind doch die meisten Ihrer Hörer wesentlich jünger. Und Frauen.

Conte: Anfangs habe ich vor allem vor Männern gesungen. Sie konnten sich in meinen Geschichten wiederfinden, und mir hat ihre Anteilnahme enorme Befriedigung verschafft. Die Frauen kamen erst später dazu, sie wollten wohl erfahren, was ihre Männer so beschäftigt.

SZ: Sie haben also den Männern geholfen, sich selbst zu erkennen?

Conte: Als Sie diesen Plattenstapel bei Ihrem Vater fanden - hatten Sie da das Gefühl, ihn besser zu verstehen?

SZ: Nun, es hat mir zumindest geholfen, eine andere Seite von ihm, die des genussfreudigen Italien-Liebhabers, zu sehen.

Conte: Mir ist es ganz ähnlich mit dem Nachlass meines Vaters gegangen. Vor einigen Jahren hat mir ein Klavierstimmer in Deutschland eine Kassette übergeben. Darauf waren die Lieder zusammengetragen, die mein Vater früher auf dem Klavier spielte. Diese Kassette schuf nachträglich eine intensive Verbindung zwischen uns: Wenn ich die Lieder hörte, dann nahm ich den Geruch, den Geschmack - das Gefühl von Vergangenheit wahr.

SZ: Durch Ihre Eltern haben Sie früh die Liebe zur Musik entdeckt, oder?

Conte: Ich war während des Krieges privilegiert, weil meine Eltern Musik spielten, die unter dem faschistischen Regime verboten war. Sie kauften Jazzplatten auf dem Schwarzmarkt und spielten sie daheim in unserem Wohnzimmer: Duke Ellington, Fletcher Henderson oder Count Basie. Das hat mir nicht nur als Geste des Widerstands imponiert, es hat mich auch als Mensch geprägt. Es war, als ob das ganze pralle Leben aus diesen Schellack-Platten herausströmte. Sie lehrten mich etwas über Emotionen, das ich nirgendwo anders in meiner Umgebung erfahren konnte.

SZ: Dennoch sind Sie erst mal nicht dem Ruf der Musik, sondern der Profession Ihres Vaters als Rechtsanwalt gefolgt. Sie haben sogar für einige Jahre seine Kanzlei übernommen.

Conte: Meine Eltern liebten die Musik, aber sie war für sie nur eine Freizeitbeschäftigung. Den Beruf des Musikers sahen sie als Sicherheitsrisiko, als sozialen Abstieg. "Wie willst du als Künstler überleben?", fragte mich mein Vater. Also habe ich nur nach der Arbeit mein Vibraphon gespielt.

SZ: Sie haben später auf einem Kreuzfahrtschiff als Unterhaltungsmusiker angeheuert. Welche Musiker haben Sie damals inspiriert?

Conte: Oh, es sind dieselben amerikanischen Jazzgrößen, die ich heute noch verehre: Louis Armstrong, Sidney Bechet, Art Tatum. Fast jeden Tag hole ich ihre Platten aus meiner Schellack-Sammlung. Was für ein Glück, sie hören zu dürfen!

SZ: Schwingt da auch eine Romantisierung der amerikanischen Schwarzen mit, die aus dem tiefsten Leiden die großartigste Musik schufen?

Conte: Die ganze amerikanische Jazzgeschichte ist doch von hochromantischen Bildern geprägt, zumindest für uns in Europa. Aber noch mehr imponierte mir die künstlerische Größe dieser Jazzmusiker. Mittelmäßige Künstler dagegen deprimieren mich.

SZ: Es fällt auf, dass kaum Frauen in Ihrer Ahnengalerie vorkommen. Ist Jazz, wie Autorennen oder Fußball, immer noch eine Männerdomäne?

Conte: Jazz ist definitiv Männersache. Ich habe darüber in meinem Song Sotto el stelle del Jazz geschrieben.

SZ: Sie meinen die Zeile: "Die Frauen hassten den Jazz / Ich weiß nicht worum es geht / Du-dad-du-dad." Erklären Sie das doch mal bitte genauer.

Conte: Nehmen Sie etwa ein Auto. Der Mann will wissen, wie das Innenleben funktioniert. Er öffnet die Kühlerhaube, schaut sich den Motor an. Die Frauen interessiert in erster Linie die Karosserie, ob ihnen Form und Farbe gefallen. So verhält es sich auch mit der Musik; Männer wollen sie verstehen, Frauen genießen die Melodie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, worin für Paolo Conte der Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mann besteht.

Jazzkultur als Einstiegsdroge

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SZ: Diskriminieren Sie nicht gerade die Frauen als bloße Gefühlswesen?

Conte: Nein, ganz im Gegenteil. Die Frauen denken doch viel rationaler als wir. Sie entscheiden, während wir noch grübeln. Diese ganze Idee der Romantik, sie stammt doch von deutschen Philosophen, ist also männlichen Hirnen entsprungen. Männer waren immer diejenigen, die sich in der Metaphysik, der Dichtung verloren, um tiefer in die Geheimnisse der Welt einzudringen.

SZ: Sie haben einmal gesagt, der Blues hätte Ihnen das Leben gerettet. Auf der Bühne jedenfalls scheinen Sie der männlichen Einsamkeit solcher Bluessänger wie Muddy Waters oder Howlin' Wolf nahe zu kommen.

Conte: Das ist ein wunderbares Kompliment! Howlin' Conte.

SZ: Wie Ihre Helden tragen Sie Ihre Verletzungen mit Würde und einem Schuss Stoizismus zur Schau. Was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Mann und einem Jungen aus?

Conte: In einem Popsong würde es heißen, dass es einer Frau bedarf, um einen Jungen zum Mann zu machen. Aber das glaube ich nicht. Es liegt wohl eher an den Lebensregeln, die man lernen muss. Etwa den Mut, für andere einzutreten, ein Opfer zu bringen. Das ist für mich das Größte überhaupt.

SZ: Haben Sie sich zu Anfang Ihrer Karriere bewusst in der Art Ihrer Idole stilisiert?

Conte: Ich habe den Bluesmännern nachgeeifert, ohne auch nur die Illusion zu haben, dass ich jemals sein könnte wie sie. Allein diese intime Art des Sprechens! Das hat etwas mit ihrer Kultur zu tun: Mir haben schwarze Männer immer mit ihrer ausgesprochenen Männlichkeit und schwarze Frauen mit ihrer Weiblichkeit imponiert. Sie betonen die Unterschiede. Ich glaube, dieses Selbstbewusstsein fehlt uns heute manchmal.

SZ: Sie singen auf Ihrem neuen Song Los Amantes Del Mambo: "Er ist ein Roboter, sie allein entflammt den Mambo." Und vergleichen Männer mit "Altmetall". Wie sieht es mit der Rollenaufteilung zwischen Ihnen und Ihrer Frau aus?

Conte: Missverstehen Sie meine Worte nicht. Meine Frau und ich sind ein gutes Team: Ich spiele Klavier, und sie kritisiert mich. Wir streiten auch manchmal um das Fernsehprogramm. Ansonsten führen wir eine sehr moderne Ehe.

SZ: Wer kocht bei Ihnen?

Conte: Niemand, uns zieht es beide nicht sonderlich zum Herd. Aber einen guten Espresso, den kann ich Ihnen jederzeit eigenhändig servieren.

SZ: Ich nehme an, Sie ernähren sich nicht von Fastfood?

Conte: Um Himmels willen, ich würde nie bei McDonald's essen. Aber wozu haben wir all' die guten Restaurants und Köche?

(...)

SZ: Sie haben aber auch einmal gesagt, dass Sie Gesellschaft als anstrengend empfinden und jedes Mal aufatmen, wenn Sie wieder allein mit sich sein dürfen.

Conte: Auf der Bühne bin ich froh, von vielen Menschen umgeben zu sein. Aber privat ticke ich anders: Ja, ich bin ein Einzelgänger. Ich beherrsche nicht einen einzigen Paartanz. Ich habe mich immer wohler allein gefühlt, arbeitend, in Gesellschaft unseres Hirtenhundes Nelson.

SZ: Ist das der schwarze Hund auf dem Cover Ihres neuen Albums?

Conte: Genau. Er hat zwölf Jahre mit uns verbracht, bevor er letztes Jahr starb. Ein eigenwilliges Tier - und ich konnte ihm stundenlang zuschauen.

SZ: In Ihren Liedern kommentieren Sie die Welt aus der Beobachterperspektive, beziehen sich oft auf Bücher und Filme.

Conte: Zur Zeit lese ich viel Giorgos Seferis, ein moderner griechischer Poet, dessen Dichtung die Vertreibung aus seiner angestammten Heimat und den daraus resultierenden Verlust reflektiert. In der heutigen Welt fehlt mir häufig die Melancholie eines Seferis oder Fellini. Uns hat der Blick zurück das Leben gerettet - indem er uns ermöglichte, zu genießen. Inzwischen fehlt vielen Menschen die Zeit für ein solches sinnliches Schwelgen.

SZ: In Deutschland werden Sie oft mit der sogenannten Toskana-Fraktion in Verbindung gebracht, Alt-68er, die den deutschen Realitäten in ihr Zweithaus in Mittelitalien entfliehen.

Conte: Das klingt so, als würden Sie das missbilligen. Warum sollten die Leute nicht in der Toskana ausspannen?

SZ: Es stört Sie nicht, den Soundtrack zur Sehnsucht nach einer illusorischen Idylle zu liefern?

Conte: Das ist vollkommen in Ordnung. Meine Musik beschwört ja gerade diese Art von ländlicher Romantik, weil ich mich im modernen Leben oft wie ein Fremder fühle. Ich besitze keine E-Mail-Adresse, und auf einem Handy werden Sie mich auch nie erreichen. All' das würde die Langsamkeit des Alltags in meiner Landvilla stören - und ich würde mich verlieren.

SZ: Das klingt ja fast so schwermütig wie manche Ihrer Songs.

Conte: Wissen Sie, einen Mann meiner Generation kann es sehr glücklich machen, seine Schwermut rauszulassen.

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochenende vom 13.11.2010