23. Dezember 2012, 14:23 Amerikaner schreiben Briefe an Banker Behandelt uns mit Respekt!

Wenn zockende Banker das eigene Leben zerstören: 8000 US-Bürger schrieben während der Occupy-Proteste Berichte an Finanzmanager und schilderten, was die Finanzkrise für ihr Leben bedeutet. Ein Buch dokumentiert nun eine Auswahl der Briefe, die schockieren und inspirieren.

Von Matthias Kolb, New York

Am 28. Oktober 2011 machte sich Mark Greif auf den Weg zur Kreuzung von 42nd Street und 6th Avenue in New York. Mit hundert Unterstützern von "Occupy the Boardroom" wollte der Philosoph im Hochhaus der Bank of America Briefe abgeben. Es waren Botschaften, die Bürger über eine Website an die Vorstände großer Finanzinstitute geschrieben hatten und in denen sie die Auswirkungen der Finanzkrise auf ihren Alltag schilderten. Doch da sich 300 Polizisten der kleinen Occupy-Delegation in den Weg stellten, scheiterte die Übergabe.

"Ich war enttäuscht, dass die Briefe ihre Adressaten nicht erreichen sollten", erinnert sich Greif im Büro des von ihm mitgegründeten Kulturmagazins n+1. Wenn es im besetzten Zuccotti-Park zu Streitigkeiten kam oder die Polizei gewalttätig wurde, habe er oft an die Berichte gedacht: "Dann wusste ich wieder, dass der Protest wichtig ist und es im ganzen Land Gleichgesinnte gibt."

Die Nachrichten aus dem Herzen Amerikas haben den 37-Jährigen so beeindruckt, dass er ein Dreivierteljahr mit zehn Freiwilligen 8000 Briefe sichtete und 150 in dem Buch "The Trouble is the Banks. Letters to Wall Street" (n+1 Foundation, 10 Dollar) veröffentlicht hat. Es ist ein ebenso schockierendes wie inspirierendes Dokument, das den aktuellen Streit um die "Fiskalklippe" noch absurder wirken lässt: Die Republikaner lehnen es im Haushaltsstreit weiter ab, die Abgaben für Reiche anzuheben.

Das Argument, dass durch niedrige Steuersätze für Spitzenverdiener und Firmen mehr Jobs entstehen, überzeugt immer weniger Amerikaner, wie der Brief von G. Benton aus Ohio zeigt: "Bitte hören Sie auf, Schlupflöcher auszunutzen und mit Ihrem Geld die Entscheidungsträger zu beeinflussen, damit Sie noch mehr Profite machen! Was ist Ihr Ziel? Sehen Sie nicht, wie unsere öffentlichen Schulen zugrunde gehen und die Zukunft des Landes gefährdet wird?"

Ausführlich schildert Susan Thompson aus North Carolina dem Citigroup-Manager William Thompson jr. ihre Lage: "Vor fünf Jahren war ich eine 49-jährige alleinerziehende Mutter mit eigenem Haus und 175.000 Dollar auf dem Rentenkonto. Heute habe ich Haus und Altersvorsorge verloren, weil mir gekündigt wurde. Mein neuer Job ist zwar ohne Krankenversicherung oder Rentenanspruch, aber immerhin haben meine Tochter und ich genug zu essen. Ihren Tanzunterricht kann ich nicht mehr zahlen, das ist extrem traurig."

Es sei ihnen wichtig gewesen, möglichst viele Briefeschreiber zu kontaktieren und deren Einwilligung zu erhalten, sagt Dayna Tortorici von n+1: "Skeptiker, die glauben, dass einige wütende Linke die Berichte erfunden haben, können die Absender finden." Während in den Zeltlagern vor allem junge Leute protestierten, melden sich im Buch die 99 Prozent zu Wort: Angewiderte Ex-Banker, wütende Republikaner, Rentner und Schüler, die aus Angst vor Verschuldung aufs College verzichten wollen .

Es ist diese Authentizität, die Mark Greif so beeindruckt. In Hunderten Büchern sei beschrieben worden, was in den Bankzentralen passiert sei und wie die Aufsichtsbehörden versagt hätten. Etwas habe stets gefehlt: "Ich habe nie gelesen, was in den Menschen vorging, die ein Darlehen für ein Haus aufgenommen haben. Stets hieß es, die Leute seien entweder zu gierig gewesen oder sie wurden betrogen. Hier beschreiben sie ihre Entscheidungen - und die waren ziemlich rational. Die Briefe sind die andere Seite des Bildes."

Auch wenn die Wut auf die Banker auf jeder der 240 Seiten spürbar ist, ist der Ton meist höflich. Den Managern wird zugestanden, was den Kunden oft verwehrt bleibt: Respekt. Ständig klagen Bürger darüber, dass Unterlagen verschlampt wurden und es keine persönlichen Ansprechpartner gibt, um die Probleme zu lösen. Dass dahinter System steckt, belegen die im Anhang dokumentierten Gerichtsakten, in denen die Institute den Betrug eingestehen mussten.

Trotz der erschütternden Einzelschicksale und dem Wissen, dass die soziale Ungleichheit weiter wächst, eint die Briefe etwas zutiefst Amerikanisches: der feste Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Einige imitieren den Stil traditioneller Brieffreundschaften ("Liebe Edith, hast du gehört, dass unser Haus zwangsgeräumt wurde? Die Polizei kam und hat uns eine Stunde Zeit gegeben. Das war ein Spaß, ich wünschte, du wärst dabei gewesen.") oder helfen sich mit beißendem Humor. Susie aus Connecticut macht etwa Lloyd Blankfein, dem Chef von Goldman Sachs das Angebot, jede Woche drei Stunden dessen Arbeit zu übernehmen - bei Blankfeins Stundenlohn von 9165 Dollar könnte sie in einem Jahr genug für ein sorgenfreies Leben verdienen.

Dieser Überlebenswille treibt auch Mark Greif an. Der "Obama-Enthusiast" setzt seine Hoffnung vor allem auf jene Beamten, die in den nächsten Monaten die Details der neuen Finanzmarktregulierung ausarbeiten: "Diese Leute sind nicht so weit von der Realität entfernt wie der Präsident in der Air Force One und die Banker in ihren Privatjets. Wenn die Beamten die 'Briefe an die Banken' lesen, wird sie das hoffentlich berühren."

Deswegen werden alle Einnahmen aus dem Verkauf sowie aus Spenden dafür verwendet, weitere Exemplare von "The Trouble is the Banks" kostenlos in Umlauf zu bringen. Lloyd Blankfein und die anderen Banker haben jeweils ein Buch zugeschickt bekommen, sagt Dayna Tortorici. In einem Brief habe sie erklärt, dass n+1 den Kontakt gern zum Absender vermittle, wenn die Manager zurückschreiben möchten. "Ich schaue täglich in dieses E-Mail-Postfach. Bisher hat sich niemand gemeldet."

Mark Greif u.a. (Hrsg.): "The Trouble is the Banks". n+1 Foundation, New York 2012. 232 Seiten, 8 Euro.

Linktipp: Einige "Briefe an die Banken" wurde zum Jahrestag der Occupy-Bewegung in der New York Times veröffentlicht.

Ein Interview mit Herausgeber Mark Greif mit dem Radiosender NPR ist hier nachzuhören. Im gleichen Beitrag kommen auch einige Briefeschreiber zu Wort.