62. Filmfestival Cannes Das Böse an sich

Mehr als Tarantino

Cannes Krise sein?

mehr...

Resnais wollte wohl eine leichte und leicht bizarre Komödie um Liebeswirren im fortgeschrittenen Alter drehen, rund um seine immer noch bezaubernde Frau Sabine Azéma und ein paar Freunde, wie André Dussolier und Emanuelle Devos. Das funktioniert auch phasenweise wunderbar, etwa im Stil seiner früheren Erfolge wie "Smoking/Non Smoking". Nur diesmal reichen die Ambitionen weiter, müssen Stimmungen und Entwicklungen durch die Willkür des Regisseurs ins Unerklärliche verschoben werden - und so ist die ganze Übung leider schnell wieder vergessen.

Michael Haneke erklärt auch nicht gern, das kennt man schon, aber die bewussten Verrätselung im "Weißen Band" wirkt aufgesetzt. Der Film blickt mit dem doch sehr präzisen, beinah detektivischen Blick eines Dorflehrers auf Gutshof, protestantische Pfarrei, Arzthaushalt und Bauernschicksale im deutschen Norden, schwarzweiß gedreht, mit phantastischen, teilweise unbekannten Darstellern, teilweise äußerst dienstwilligen Stars wie Birgit Minichmayr in winzigen Rollen. Böse Unfälle in der Gemeinde häufen sich, jemand muss sie provoziert haben, Kinder werden misshandelt, der Täter bleibt unerkannt, eine Atmosphäre von Frömmelei, Verklemmung und Bedrohung drückt alles nieder.

Moralische Minenfelder

Man folgt dem gern und hofft die ganze Zeit, die vielen bösen Miniaturen mögen sich zu einem zwingenden Thema verdichten. Aber das passiert nie, und am Ende fallen die Einzelteile, die auch in der Tonalität wild zwischen Vorkriegspathos, Bierbichler-Grummelei und Rückfällen ins Psychodrama der Gegenwart schwanken, recht folgenlos auseinander.

Der Eindruck, der sich in Sachen Tarantino schließlich verfestigt, ist ein anderer: dass nämlich "Inglorious Basterds", der alle Erwartungen zunächst zu unterlaufen scheint und dabei die moralischen Minenfelder seines Stoffs mit farcehafter Leichtigkeit überspringt, in Wirklichkeit doch weit tiefere Themen enthält, als man zunächst wahrhaben will.

Da ist die Sprache als Waffe, zum Beispiel, die alle Sturmgewehre und Baseballschläger an Gefährlichkeit weit übertrifft. Die skalpschlitzenden "Basterds", trotz ihrer Dominanz im Titel, kommen da nicht so gut weg - teilweise verliert sie der Film fast aus den Augen. Und wenn er nicht gerade selbst eine tolle Rede schwingen darf, friert das aufgesetzte Hillbillie-Grinsen in Brad Pitts Gesicht etwas unglücklich fest.

Umso mehr rückt die Gewandtheit der anderen Darsteller, die fast alle mehrsprachig agieren, in den Vordergrund: Daniel Brühl, brillant als deutscher Scharfschütze, dringt mit seinem verführerisch leichten Französisch fast bis ins Herz der jüdischen Kinobesitzerin vor; Michael Fassbender, ein Shootingstar in England, aber in Deutschland geboren, wechselt als britischer Undercover-Agent die Sprachen so leicht wie die Uniformen; und im mindestens viersprachig perfekten "Judenjäger" Landa schließlich, einem "linguistischen Genie" (Tarantino), verdichtet sich diese Idee noch mehr. Er lullt seine Opfer mit einer Konversation ein, die fast wie eine Art Hypnose funktioniert. Was sie aber sehen, wenn sie diesem Mephisto schließlich direkt ins Schlangenauge blicken? Es könnte durchaus eine reine Idee sein - die Idee des Bösen an sich.