Wieso wir den Attentäter zeigen

Zu unserer Berichterstattung über den Prozess in Norwegen /
Von Gökalp Babayigit
/ Veröffentlicht am , im SZblog

Der 22. Juli 2011 und die Wochen danach sind wieder präsent. Nicht nur, dass wir uns erneut mit den schrecklichen Geschehnissen in Norwegen auseinandersetzen müssen, jetzt, da der Massenmörder vor Gericht steht. Auch die Diskussion, wie wir als Süddeutsche.de nachrichtlich mit der Person, mit ihrer kruden Propaganda, ihrer Selbstdarstellung umzugehen haben, auch diese umstrittene Diskussion ist zurück.

Wir haben lange debattiert über dieses Thema, haben beobachtet, wie manche norwegische Zeitungen den Prozess weitgehend ignorieren, um dem geständigen Täter keineswegs eine Öffentlichkeit zu geben. Wir haben uns auch die Live-Übertragung aus dem Gerichtssaal angesehen. Und wir kamen zu dem Schluss, dass wir so berichten müssen, wie unsere Leser das nun auf unseren Seiten sehen können.

Nils Minkmar hat in der FAZ in klugen Zeilen die Frage bejaht, ob man das Gesicht des Massenmörders zeigen solle. Wäre ja noch schöner, wenn man ihm zuliebe "den Grundsatz der Öffentlichkeit von Strafverfahren hintergehen würde", schreibt Minkmar. Er hat recht. Die richtige und genaue Auseinandersetzung mit dem Fall gehört zu unserem Beruf - eine Auseinandersetzung, ohne etwas zuzuspitzen und ohne etwas zu verharmlosen. Das ist nicht immer schön, das ist nicht immer angenehm für die Beteiligten (weder für Journalisten, noch für die Leser, schon gar nicht für die Betroffenen), aber es gehört zum Beruf. Natürlich ließe sich jetzt anbringen, die Medien machten nun genau das, was der Mörder vorhergesagt und was er sich auch gewünscht hat.

Allein: Erstens gehört nicht viel dazu, so etwas vorherzusagen. Nicht in dieser hochentwickelten Informationsgesellschaft, in der wir leben. Nur weil ein Mörder etwas voraussagt, ist das Vorausgesagte nicht gleich falsch oder nur aufgrund dessen zu verhindern.

Zweitens wird sein Kalkül, mittels der größeren Öffentlichkeit seine Weltanschauung zu verbreiten und allein dadurch die Zahl der ihm zustimmenden Wirrköpfe zu vermehren, nicht erfüllt. Wir glauben einfach nicht daran, dass irgendein Leser auf Süddeutsche.de der "Propaganda" verfällt, nur weil wir über die Aussagen des Angeklagten vor Gericht berichten oder weil wir sein Gesicht zeigen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Mörder scheitert. Er merkt, dass er zwar auf größtmöglicher Bühne steht, wie er es sich gewünscht hatte. Er wird aber auch merken, dass sein Kalkül nicht aufgeht.

Drittens glauben wir an die Chance, dass die Beachtung des Grundsatzes der Öffentlichkeit von Strafprozessen, den die Norweger bei diesem Verbrechen berücksichtigen, eine kathartische Wirkung haben kann. Das sollte man nicht falsch verstehen: Unmittelbar Leidtragende werden allein mit der gründlichen Aufbereitung des Prozesses nicht von ihrem Trauma befreit. Doch für jene, denen dieses Thema nahegeht, ohne persönlich betroffen zu sein, kann die genaue Beschäftigung mit dem Grauen eine lösende Wirkung haben. Auch hier: Angenehm ist es nicht, aber vielleicht muss es sein. Denn kaum etwas kann bedrückender oder belastender sein, als das im Vagen gehaltene Grauen - "so wie man in der frühen Neuzeit nicht vom Teufel sprechen wollte", um noch einmal Nils Minkmar zu zitieren.

In der freien Gesellschaft, die der Mörder so brutal angegriffen hat, gehört es dazu, dass wir für diese Entscheidung auch Kritik einstecken müssen. Das sensibilisiert, und ist gut so. Unsere Diskussion führte zu der Entscheidung, die Selbstinszenierung des Mörders vor Gericht, die nichts zur Sache tut - der Gruß mit der Faust etwa - einfach wegzulassen.

Eine große Bühne macht noch keinen Propheten: Dem Mann mit einer nüchternen Herangehensweise zu beweisen, dass er irrte, als er sich seinen Plan zurechtlegte, ist neben der erwarteten Verurteilung vielleicht der einzige Lichtblick an dieser Berichterstattung. Sein Name wird nicht für den Anfang einer irgendwie gearteten Bewegung gegen den Multikulturalismus stehen. Sein Name steht noch nicht einmal in diesem Text.