Von Jonas Reese

Berlin stimmt ab. Über Religion und Freiheit. Die Diskussion im Vorfeld teilte die Stadt in ihre früheren Grenzen. Eine Reise durch Berlin am Sonntag. Dem Tag des Herrn.

Es ist Wahltag in Berlin. Wieder mal steht eine Volksentscheidung an. Mit bisher 20 Volksbegehren- und initiativen liegt Berlin weit vorne in Deutschland. Gerade mal ein Jahr ist seit der Tempelhof-Abstimmung vergangen. Die ist an einer zu geringen Wahlbeteiligung gescheitert.

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Steglitz, ganz im Südwesten der Hauptstadt gelegen, zählt zu den typischen Wessi-Vierteln: gutbürgerlich und konservativ. Dass hier heute eine Volksabstimmung stattfindet, kann man überall lesen. Alle hundert Meter hängen die Wahlplakate dichtgedrängt an den Straßenlaternen. "Toleranz beginnt mit einem Ja" steht auf einem; "Religion ist freiwillig" oder "Lasst uns beides: Ethik und Religion" auf den anderen.

Auch auf den Titelblättern der Berliner Zeitungen kann man davon lesen. Alle machen mit dem Volksentscheid über eine Einführung des Wahlpflichtfachs Religion an allgemeinbildenden Schulen auf. "Wählt Berlin heute Gott?" titelt der Berliner Kurier. Ja, in Steglitz erwartet man das. Hier zahlen mehr als die Hälfte der Bewohner Kirchensteuer. Nach einer Umfrage von infratest dimap wollten im Westen der Stadt 59 Prozent für den Entwurf der Pro-Reli-Initiative stimmen. Im Osten ist es genau umgekehrt. Die Stadt scheint in ihre früheren Grenzen aufgeteilt zu sein.

Ob bei diesem schönen Wetter aber die Mindestanzahl der Stimmen von 611.422 Stimmen erreicht wird, ist fraglich. Viele scheinen sich heute, nicht für das Volksbegehren zu interessieren. "Nee, ich geh' nich' hin", sagt ein Steglitzer in leichtem Berliner Dialekt. Der Mitfünfziger wühlt gerade in einer Bücherkiste auf dem Steglitzer Flohmarkt. "Ich hab kein persönliches Interesse an der Entscheidung."

Eine klare Meinung hat er aber doch. "Ich finde, jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Religion hat da in der Schule nichts zu suchen." Das wäre doch schon ein triftiger Grund hinzugehen. "Nee, ich verlass mich da ganz auf meine Mitbürger. Da werden schon genug mit 'nein' stimmen."

"Das Ganze ist lächerlich"

Dass dieses Vertrauen enttäuscht werden könnte, zeigt sich in der Heese-Schule. Hier liegt ein Wahlbüro vom Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf. Ayo Oloko, der Wahlleiter, spricht von einem "schleppenden Verlauf" bisher. "Nur 93 von 1000 Wahlberechtigten waren bis jetzt da." Mittlerweile ist es Mittag.

Auf dem Schulhof sonnt sich Holger kurz nachdem er seine Stimme abgegeben hat. Er hat mit "nein" gestimmt. "Natürlich", sagt er lächelnd. "Weil Ethik ein kleines aber ganz wichtiges Rädchen in dem ganzen Integrationsprozess ist. Wenn man Religion anbietet, würden ja wieder alle getrennt werden." Verständnis hat er aber schon für die Kirche und ihre Inititative. "Die haben schließlich Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird."

Ähnlich sieht das auch Dorothea Jordan-Höhne. Sie wohnt ebenfalls hier in der Gegend und wartet gerade auf ihre Tochter und ihre Enkeltochter. Sie hat sich aber entschieden, nicht zur Wahl zu gehen. "Das Ganze ist lächerlich", sagt sie. "Der Staat soll sich nicht einmischen. Werteunterricht ist wichtig, aber Religion ist jedem seine persönliche Sache."

Weshalb sie dann nicht mit "Nein" stimme? "Meine Enkeltochter hatte Religion in der Schule. Eines Tages kam sie nach Hause und sagte: 'Omi, ich glaub nicht an den lieben Gott.'" Wenn das dabei rauskommt, dann sollten die Kinder, ihrer Meinung nach, lieber nicht in den Religionsunterricht gehen, findet sie.

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