Uni Greifswald: Streit um Namensgeber Patriot und Antisemit

Die Universität Greifswald stimmt über ihren Namenspatron Ernst Moritz Arndt ab. Soll die Hochschule weiter nach einem nationalistischen Politiker heißen?

Von Johann Osel

Der Wahlkampf-Endspurt war stressig mit all den Plakaten, Kampagnen und Podiumsdiskussionen, die Aktivisten opferten ihre Freizeit, ließen teils sogar das Studium schleifen. Ihr Ziel: Die Universität Greifswald soll nicht mehr den Namen von Ernst Moritz Arndt (1769 - 1860) tragen, des Literaten, Gelehrten und späteren Paulskirchen-Abgeordneten.

Arndt war ein deutscher Patriot, dessen nationalistisches Pathos heute viele erschreckt. Sebastian Jabbusch, Sprecher der Anti-Arndt-Initiative, hat sich einmal als Arndt verkleidet und öffentlich dessen Texte rezitiert, samt deutschtümelndem Vokabular, Franzosenhass und Judenhetze. Entsetzte Passanten riefen die Polizei. Von Montag an werden die 12.000 Greifswalder Studenten in einer Urabstimmung über Arndt entscheiden. Es könnte die Basis für eine Umbenennung der Uni sein.

Der Fall ist nicht so leicht zu beurteilen wie etwa bei einer Straße, die nach einem NS-Bürgermeister benannt ist, oder bei anderen Fällen, in denen ein Namenspatron im Dritten Reich gelebt und nachweislich moralisch Verwerfliches getan hat. Das Erich-Hoepner-Gymnasium in Berlin etwa trennte sich 2008 von seinem Namensgeber. Als Wehrmachtsgeneral könne Hoepner nicht länger als Vorbild dienen, wenngleich er gegen Kriegsende in Widerstandskreisen verkehrte.

In Würzburg wurde der Name Carl Diem für die Stadthalle abgeschafft, der Mitbegründer der Bundesjugendspiele war auch Nazi-Funktionär. Und das Hindenburg-Gymnasium Trier wollte nicht mehr nach dem Mann benannt sein, der Hitler zum Reichskanzler bestellte.

Komplizierte Sache

Bei Ernst Moritz Arndt ist die Sache komplizierter. Es geht um die Frage, ob und in welchem Maße der Nationalismus des 19. Jahrhunderts und seine prominenten Vertreter intellektuelle Wegbereiter des Nationalsozialismus waren. Und damit auch um die Frage, wo bei einem Namensgeber wie Arndt die Grenze zwischen "bedenklich" und "inakzeptabel" liegt.

Straßen, Plätze, Schulen tragen in Deutschland Arndts Namen - die Universität Greifswald, 1456 gegründet, trägt ihn seit 1933. In der DDR wurde er, wohl vor allem wegen Arndts Schriften gegen die bäuerliche Leibeigenschaft, einfach beibehalten. Bereits vor zehn Jahren gab es in Greifswald eine Arndt-Debatte, 2009 wurde sie von Studenten wiederbelebt. Die Aktivisten wollen nicht an einer Uni studieren, deren Patron über die "giftige Judenhumanität" wetterte und Franzosenhass "Religion des deutschen Volkes" nennt, dessen Werk in großen Teilen auf Patriotismus und Kriegsrhetorik fußt.

Arndt hat Auschwitz nicht vorausahnen können

Arndt habe Auschwitz nicht vorausahnen können, sagt hingegen das Pro-Arndt-Lager, das in Greifswald ebenfalls für die Abstimmung mobilisiert. Er müsse im Lichte seiner Zeit betrachtet werden, als Kämpfer gegen die napoleonische Okkupation und für die nationale Einheit. Würde man juden- und franzosenfeindliche Äußerungen zum einzigen Maßstab machen, kämen auch Größen wie Heinrich von Kleist, Martin Luther oder Richard Wagner als Namensgeber kaum noch in Frage.

Die Studenten werden entscheiden. Zwar ist der Senat, dem eine Umbenennung obliegt, nicht an die Urabstimmung gebunden, könnte aber ein eindeutiges Votum kaum ignorieren. 60 Prozent hat sich Jabbuschs Team als Ziel gesetzt. Die entscheidende Frage sei, ob Arndt als Patron noch zeitgemäß sei - zumal für eine Universität als Ort der Wissenschaft mit weltweiten Kontakten: auch nach Frankreich und Israel.

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