Ungewöhnliche Job-Offerte in der Schweiz Kontaktfreudiger Einsiedler gesucht

Der Eindruck trügt: An sonnigen Wochenenden strömen die Touristen zur Martinskapelle und Klause in der Verenaschlucht bei Solothurn.

(Foto: Bürgergemeinde Solothurn)

820 Euro im Monat und eine Gratisunterkunft in malerischer Umgebung: Per Annonce sucht das Schweizer Städtchen Solothurn einen Einsiedler. Doch die Sache hat einen Haken. Im Interview erklärt Gemeindepräsident Sergio Wyniger sein außergewöhnliches Job-Angebot.

Von Tobias Dorfer

Der Job, der vor ein paar Tagen in der Schweizer Tageszeitung Reformierte Presse inseriert war, lässt auf eine kommunikative Aufgabe schließen: "Sind Sie eine idealistisch gesinnte, kirchennahe Person, welche Freude hat an Begegnungen mit Menschen?", wird da gefragt. Wer das bejaht, wird sich über den zweiten Satz wundern - denn da steht die Stellenbezeichnung. Gesucht wird: ein Einsiedler für die Verenaschlucht bei Solothurn. Und zwar dringend. Denn die letzte Einsiedlerin hat im März gekündigt. Der Grund: zu viel Trubel. Sergio Wyniger, 52, seit 2009 Präsident der Bürgergemeinde Solothurn, erklärt seine etwas ungewöhnliche Stellenanzeige.

SZ.de: Herr Wyniger, eine außergewöhnliche Stellenanzeige haben Sie da ins Netz gestellt: Sie suchen einen Einsiedler.

Sergio Wyniger: Etwas ungewöhnlich ist das schon, aber man muss eben mit der Zeit gehen. Früher gab es genügend Geistliche, die in unserer Einsiedelei arbeiten wollten. Heute suchen die Pfarreien selbst händeringend nach Leuten. Da kann ich wegen eines Einsiedlers doch nicht einfach zum Bischof gehen und mir einen schicken lassen.

Laut Anzeige sollten Bewerber vor allem "offen und kommunikativ" sein. Das sind keine typischen Verhaltensmuster eines Einsiedlers.

Richtig, es ist ein Dilemma. Sankt Verena ist zwar eine Einsiedelei, aber auch eine Touristenattraktion. Sie glauben gar nicht, was dort an einem sonnigen Wochenende los ist. Deshalb kann unser Einsiedler leider kein richtiger Einsiedler sein.

Per Jobanzeige sucht die Bürgergemeinde Solothurn einen neuen Einsiedler für die Verenaschlucht.

(Foto: Screenshot)

Die Vorgängerin hat im März gekündigt.

Sie hatte vor allem gesundheitliche Probleme. Außerdem hatte sie sich die Aufgabe etwas anders vorgestellt. Sie wäre lieber etwas mehr alleine gewesen.

Was gehört zu den Aufgaben eines Einsiedlers?

Zunächst die Betreuung der beiden Kapellen in der Schlucht: aufräumen, wischen, Schnee schippen im Winter. Aber auch Mithilfe bei Hochzeiten und Taufen. Und natürlich sollte in der Schlucht kein Müll herumliegen. Das ist die technische Seite.

Und die menschliche?

Ich nenne es eher: die beratende Seite. Unser Einsiedler braucht ein offenes Ohr für die Menschen. Er sollte ihnen die Legende der Heiligen Verena erzählen. Oder den Menschen zuhören, wenn sie von ihren Sorgen berichten.

Der Legende nach hat die Heilige Verena Kranke geheilt. Eine pflegerische Ausbildung ist aber nicht notwendig, oder?

Nein, das nicht. Ratschläge bei persönlichen Problemen sollte er aber schon geben.

Sergio Wyniger ist seit 2009 Präsident der Bürgergemeinde Solothurn.

(Foto: Bürgergemeinde Solothurn)

Fehlt dann nicht die Zeit für eigene Andacht und Einkehr?

Keine Angst, die Zeit hat man - halt vor allem am Abend oder in der Nacht. Da ist man alleine in der Klause.

Hat ein Einsiedler auch Urlaub?

Die bisherige Einsiedlerin hatte immer montags frei, da waren die Kapellen geschlossen. Grundsätzlich gilt: Unser Einsiedler ist ganz normal bei der Bürgergemeinde Solothurn angestellt und kann wie jeder andere Angestellte Urlaub nehmen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus?

Früher waren das pensionierte Geistliche. Für die war das Geld nicht so wichtig, sondern eher die Tatsache, dass man gratis in der Klause wohnen konnte. Das ist bis heute so. Dazu kommt ein kleiner Lohn, so etwa 1000 Franken im Monat (ca. 820 Euro, d. Red). Damit kann man keine großen Sprünge machen. Aber für jemanden, der pensioniert ist und nicht mehr viel Geld braucht, sollte es reichen.

Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 5. Mai. Gibt es schon Rückmeldungen?

Die ersten Bewerbungen gingen schon ein, bevor die Stelle offiziell ausgeschrieben war. Inzwischen habe ich 15 Bewerbungen auf dem Tisch liegen.

Was sind das für Leute, die sich für die Stelle interessieren?

Querbeet - von jung bis alt, von religiös bis zum Aussteiger, der für eine gewisse Zeit etwas Neues machen will. Wer den Job aber nur als kurze Herausforderung begreift, hat schlechte Chancen.

Wer sich für die Stelle interessiert - bis zum 5. Mai nimmt Wyniger noch Bewerbungen entgegen.