Umgang mit Amokläufen "Alle haben eine psychische Störung"

Jugendforscher Klaus Hurrelmann über Gewalt an Schulen, die Wut der Täter und Möglichkeiten, neue Amokläufe zu verhindern.

Interview: Maria Holzmüller

Emsdetten, Erfurt, Winnenden und jüngst Ansbach - Amokläufe jugendlicher Schüler nehmen auch in Deutschland zu. In einer ersten Langzeitstudie zu dem Thema kommt der amerikanische Psychologe Peter Langman zu dem Ergebnis, dass nicht allein Computerspiele, Waffenbesitz oder schulische Probleme verantwortlich zu machen sind, sondern dass alle Täter psychische Störungen aufwiesen. Klaus Hurrelmann, einer der bekanntesten deutschen Sozial- und Bildungswissenschaftler forscht selbst zum Thema Gewalt an Schulen und schrieb das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Langmans Studie "Amok im Kopf. Warum Schüler töten". Im Interview spricht er über Täterprofile, die Besonderheiten des Tatorts Schule und die Frage, wie sich Amokläufe verhindern lassen.

sueddeutsche.de: Peter Langman hat über 20 Jahre lang Akten zu Amokläufen an Schulen in den USA untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass alle Täter psychische Störungen hatten. Haben wirklich alle Amokläufer ein ähnliches Profil?

Klaus Hurrelmann: Nach Langmans Studie können wir jugendliche Amokläufer in drei Gruppen einteilen. Es gibt die traumatisierten Täter, die in ihrer Kindheit beispielsweise vernachlässigt oder von den Eltern misshandelt wurden. Dann gibt es die Psychopathen, die jeglichen Realitätsbezug verloren haben, und schließlich die Täter, die an Depressionen leiden. Alle haben eine psychische Störung.

sueddeutsche.de: Treten derartige psychische Störungen heutzutage häufiger auf als früher?

Hurrelmann: Ja, unsere heutige Lebenssituation verlangt von jedem Menschen sehr viel Eigensteuerung. Es gibt keine Leitplanken mehr in unserem Leben. Wir können querfeldein gehen - uns dabei aber auch ganz schön verirren. Der Druck, sich im eigenen Leben zu orientieren, ist groß. Damit einher geht eine strukturelle Isolation. Wir sind auf uns allein gestellt. Wenn wir uns unsere sozialen Netzwerke nicht selber bauen, dann bleiben sie sehr dünn - so wie das bei allen Amokläufern der Fall war. Früher waren die sozialen Netzwerke wesentlich enger. Auszubrechen war schwieriger.

sueddeutsche.de: Warum sind es fast immer junge Männer, die zu Amokläufern werden?

Hurrelmann: Wir haben die Beobachtung gemacht, dass der Umgang junger Männer mit unerträglichen Situationen von einer Brutalität geprägt ist, die sich auch gegen sie selbst richtet. Das mag einerseits genetisch bedingt sein. Andererseits scheint die Schule einen guten Nährboden für derartige Entwicklungen zu bieten. Hier sind Jungen oft im Nachteil. Mädchen haben die besseren Noten, mehr Mädchen machen Abitur und das Lehrpersonal ist überwiegend weiblich. Man könnte fast von einer unterschwelligen Feminisierung der Lehrkultur sprechen. In diesem Umfeld bangen junge Männer um ihre Existenz, ihr Selbstverständnis wird in Frage gestellt.

sueddeutsche.de: Wie kann man gefährdete Jugendliche rechtzeitig erkennen?

Hurrelmann: Alle Amokläufer in der Vergangenheit haben ihre Taten langfristig geplant. Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis. Während ihrer Vorbereitungszeit hinterlassen die Täter Spuren, die oft nicht einmal verschlüsselt sind: Nachrichten, hinterlegte Dokumente, Spuren beim Besorgen der Waffen. Auf diese Details müssen wir achten. Das sind Risikofaktoren, die jeder, dem sie auffallen, an eine vertrauensvolle Stelle melden sollte.

sueddeutsche.de: Wie könnte so eine vertrauensvolle Stelle aussehen?

Hurrelmann: In jedem Lehrerkollegium sollte es ein bis zwei Vertrauenslehrer geben, die eine spezielle Schulung erhalten, damit sie wissen, wie sie mit solchen Fällen umgehen. Zu diesen Vertauenslehrern können dann alle Schüler kommen oder anonym ihre Beobachtungen melden, ohne dass irgendjemand diskreditiert oder verurteilt wird. Die Vertrauenslehrer wiederum arbeiten mit geschulten Psychologen oder Sozialarbeitern zusammen. Diese Profis beschäftigen sich dann weiter mit dem Fall.

sueddeutsche.de: Haben sich die Amokläufe an Schulen seit dem ersten großen Schulmassaker in Littleton verändert?

Hurrelmann: Das Vorgehen der Täter hat sich nicht verändert, aber die Zahl der Amokläufe nimmt zu. Immer häufiger wird die außer Kontrolle geratene Wut der Täter ins Setting Schule verlagert. Es scheint, als habe die Bedeutung der Schule für die Selbstdefinition und das Prestige junger Männer in den letzten Jahren zugenommen.

sueddeutsche.de: Wie beurteilen Sie den öffentlichen Umgang mit den Amokläufen an Schulen, speziell in Deutschland?

Hurrelmann: Der muss sich ändern. Die riesige Medienpräsenz nach jeder Tat an der jeweiligen Schule blockiert die Handlungsfähigkeit der Lehranstalt und kann die Traumatisierung der Schüler und Lehrer dort noch verstärken. Die voyeuristische Tendenz bei solchen Ereignissen muss unterbunden werden.