SZ: Juristen, Mediziner oder auch Künstler wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Umstellung. Sind es gerade deren Fächerkulturen, zu denen das neue Raster am wenigsten passt?

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Nida-Rümelin: Man muss schauen, was man aufgibt und was man bekommt. Man gewinnt beispielsweise eine gewisse Normierung und macht transparenter, was die Studierenden wirklich gelernt haben. Das sind die Pluspunkte. Negativ schlägt zu Buche, dass die Reform international hochrenommierte Studienabschlüsse entwertet. Dazu gehört der deutsche Diplom-Ingenieur, dazu gehört das Staatsexamen in Jura, das nun einmal eine wichtige Rolle für Karrieren spielt. Und dazu gehören die traditionsreichen und weltweit angesehenen geisteswissenschaftlichen Magister-Abschlüsse.

SZ: Aber dafür sind die neuen Abschlüsse international vergleichbar.

Nida-Rümelin: Das Ziel ist zumindest so formuliert worden - besonders in Hinblick auf die transatlantische Konkurrenz. Aber es wird sehr wahrscheinlich auf breiter Front verfehlt, weil ausgerechnet die US-Universitäten den Bachelor nach nur mehr insgesamt 15 Schul- und Hochschuljahren nicht einfach anerkennen werden. Dort geht die Schulausbildung zwar auch über zwölf Jahre, das Bachelorstudium aber über vier, macht zusammen 16. Den Bachelor auf vier Jahre anzulegen, wäre nach den Bologna-Vorgaben durchaus möglich gewesen. In Deutschland hat man darauf verzichtet.

SZ: Um zu sparen?

Nida-Rümelin: Das war sicher das Hauptmotiv. Auf jeden Fall ist dies ein großer Fehler bei der Umsetzung, den kann man nicht den Bologna-Autoren in die Schuhe schieben. Wenn also schon die Reform gegen die transatlantische Konkurrenz nichts ausrichtet, die Angleichung an das anglo-amerikanische System zeigt zumindest einen positiven Nebeneffekt: Ein Studium in Westeuropa wird attraktiver für Osteuropäer sowie Ost- und Südasiaten.

SZ: Fördert die Reform wenigstens die propagierte Mobilität der deutschen Studenten?

Nida-Rümelin: Wie eigentlich schon vorab zu vermuten: Eine Verschulung bringt nicht mehr Mobilität, sondern weniger. Bei den auf drei Jahre verdichteten Studiengängen ist ein Wechsel nun einmal riskant. Da hilft auch das Punktesystem nichts, das im Übrigen nicht europaweit einheitlich, sondern ganz unterschiedlich eingesetzt wird. Nicht nur in dieser Frage gilt: Gemessen an den ursprünglichen Zielen muss der Bologna-Prozess heute als gescheitert gelten.

SZ: Welche weiteren Ziele sind das?

Nida-Rümelin: Die Umstellung sollte die Zahl der Studienplätze erhöhen, die Betreuung intensivieren und die Abbrecherquote senken. Die Abbrecherquote sinkt in der Tat in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen, die umgestellt sind, dafür aber steigt sie in den anderen Fächern; im Schnitt nimmt sie zu. Und da die Betreuungsintensität, die sogenannten Kontaktzeiten - das heißt wirklich so im Bürokratendeutsch - zwischen Lehrenden und Studierenden zunehmen, die Zahl der Dozenten aber allenfalls unwesentlich ausgeweitet wurde, steigen die Kapazitäten insgesamt nicht, sondern sie sinken.

SZ: Ist da die Reform das Übel? Oder bekommen die Hochschulen nicht schlicht zu wenig Geld?

Nida-Rümelin: Das ist der Punkt. Dass wegen der chronischen Unterfinanzierung die Betreuungsrelation sehr ungünstig ist, wurde bisher durch ein geringes Maß an Strukturierung und eben eine schlechte Betreuung der Studierenden abgefangen. Jetzt soll sich dies verbessern, ein vernünftiges Ziel, doch lässt es sich nur mit zusätzlichem Personal und zusätzlichen Räumen verwirklichen.

SZ: Lässt sich die Reform noch retten?

Nida-Rümelin: Lamentieren hat so wenig Sinn wie Schönreden, wozu die Wissenschaftspolitik im Moment neigt. Der Hochschulverband indes hat neulich gefordert, den Bologna-Prozess in Teilen auszusetzen. Auch für solche Diskussionen ist jetzt der falsche Zeitpunkt. Die Reform muss bis 2010 abgeschlossen werden, aber dann wird an einer Reform der Reform kein Weg vorbeiführen. Und zwar eine, die die Vorteile der Umstellung - stärkere Strukturierung, intensivere Betreuung - mit einer Renaissance des Humboldtschen Universitätsideals verbindet. Vielleicht mussten die Anfängerfehler sein, damit es im zweiten Anlauf besser klappt.

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(SZ vom 2.10.2008)