Studienreform Der Bachelor-Bankrott

Campus München: Die Studiengangs-Reform ist gescheitert, sagt Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin.

Interview: Martin Thurau

Selten haben Bildungspolitiker das Humboldtsche Ideal, die Einheit von Forschung und Lehre, so inständig beschworen wie heute. Das klingt schwer nach dem Pfeifen im Wald - angesichts der radikalen Reform aller Studiengänge, die Deutschlands Hochschulen derzeit zur Großbaustelle macht. Erst kürzlich hat die Professoren-Lobby vom Hochschulverband die Notbremse in diesem sogenannten Bologna-Prozess ziehen wollen. Und am vergangenen Montag beschäftigte sich eine Tagung der Hochschulrektorenkonferenz mit den Problemen bei Bachelor und Master, den neuen Abschlüssen. Zu den schärfsten Kritikern gehört Julian Nida-Rümelin, Ex-Kulturstaatsminister und Philosophieprofessor an der Universität München (LMU). Gemessen an den eigenen Zielen, sagt er, sei die Reform gescheitert.

SZ: Ist nach dem Abschluss des Bologna-Prozesses Humboldt endgültig passé?

Nida-Rümelin: Es sind gegenwärtig zwei Tendenzen, die dieses Ideal gefährden. Eines der zentralen Ziele der Humboldtschen Universitätsreform war, dass die Studierenden nicht lediglich die Fortsetzung der Schule erleben sollten, sondern die unmittelbare Konfrontation mit der Forschung. Bei der jetzigen Umstellung aber haben wir auf breiter Front eine Verschulung, in Deutschland ist sie besonders ausgeprägt. Sie zeichnet sich durch extrem lange Präsenzzeiten und wenig Spielraum für Eigenstudium aus. Und es gibt die Tendenz, dass sich die Lehre von der aktuellen Forschung abkoppelt. Verschulung heißt ja immer auch, dass kanonisches, verfestigtes, in spezifischen Lehrbüchern dargelegtes Wissen vermittelt wird.

SZ: Und die zweite Gefahr?

Nida-Rümelin: Die besteht in der Differenzierung zwischen reinen Forschungs- und reinen Lehrprofessuren, die die Hochschulen zunehmend machen. Eine Tendenz zeichnet sich bereits ab. Die Wissenschaftspolitik hat wohl überrascht festgestellt, dass die neun Stunden Lehrverpflichtung, von denen deutsche Professoren schon immer sagten, sie seien im internationalen Vergleich extrem hoch, Berufungen aus dem Ausland behindern, nicht nur aus den USA, auch aus Italien beispielsweise.

SZ: Ist der Bachelor ein Fremdkörper im deutschen Hochschulsystem?

Nida-Rümelin: Die Kultusministerkonferenz hat in den 70er Jahren versäumt, die Fachhochschulen in großem Maßstab auszubauen. Schon damals gab es Bedarf an stärker anwendungs- und weniger wissenschaftsorientierten Studiengängen. Jetzt versucht man - Jahrzehnte später - diesen strategischen Grundfehler der Hochschulpolitik dadurch zu korrigieren, dass man nun ein Großteil der Universitäten faktisch in Fachhochschulen oder Berufsakademien umbaut. Das ist ein riskantes Spiel.

SZ: Der Bachelor ist verschult, die Ausbildung aufgesplittet in Module, und nach drei Jahren ist Schluss. Wie lässt sich so Bildungsqualität herstellen?

Nida-Rümelin: Es ist noch zu früh, das wirklich zu beurteilen. Es gibt aber die Erfahrung aus der Vergangenheit, dass sich der Arbeitsmarkt und die Unternehmen erstaunlich flexibel an das Bildungssystem anpassen, nicht nur umgekehrt. Das berühmteste Beispiel ist die massive Ausweitung der Studienkapazitäten in den Geisteswissenschaften in den letzten 30 Jahren. Zuvor kamen die Absolventen fast ausschließlich als Gymnasiallehrer im Schuldienst unter. Doch dann entstand für dieses Qualifikationsprofil, den Magister in Germanistik oder Geschichte etwa, auch eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die damalige Befürchtung jedenfalls, es entstünde ein akademisches Proletariat, hat sich als unbegründet herausgestellt.

SZ: Und jetzt?

Nida-Rümelin: Schwer abzuschätzen. Die Unternehmen werden sich auf eine neue Situation einstellen müssen. Wenn man die Reform ernstnimmt, muss das Gros der Studierenden die Universität nach drei Jahren mit dem Bachelor verlassen und kann kein Master-Studium von weiteren zwei Jahren anschließen. Sonst hätten wir ja keine Studienzeitverkürzung, wie mit der Reform beabsichtigt. Der größte Teil der Absolventen ist dann aber nicht so ausgebildet, wie das nach einem Diplom-, Staatsexamens- oder auch Magister-Studiengang der Fall war. Den berufsfertigen Universitätsabgänger jedenfalls wird es weitaus seltener geben; wie in den USA wird das Learning on the Job immer wichtiger.

SZ: Und die Unternehmen stellen den Akademiker light wirklich ein?

Nida-Rümelin: Die Unternehmen haben auf diese Reform gedrängt, jetzt sind sie auch gefordert.

SZ: Gibt es eine ausreichende Qualitätskontrolle, die einen Wildwuchs der neuen Studienangebote begrenzen kann?

Nida-Rümelin: Der Bildungsmarkt ist insgesamt im Umbruch, private Anbieter spielen eine größere Rolle. Angebote minderer Qualität werden sich kaum verhindern lassen. Es gibt den Versuch, das durch sogenannte Akkreditierungen in den Griff zu bekommen, die im Übrigen neue Probleme aufwerfen. Denn es sind außeruniversitäre Instanzen, die sie vornehmen, was die Freiheit von Forschung und Lehre, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, gefährden könnte. Aber schauen wir in die USA, dort gibt es genau diesen Wildwuchs, die gesamte Bandbreite der Qualität - von nur zweijährigen oft dürftigen Studiengängen an Community Colleges in der Prärie bis zu hochkarätigen Abschlüssen an exzellenten Universitäten. Die US-Unternehmen wissen damit ebenso umzugehen wie mit der Tatsache, dass der Bachelor dort einen ganz anderen Charakter hat als den, der sich jetzt in Europa und vor allem Deutschland abzeichnet. Er ist dort eher allgemeinbildend und bietet zahlreiche Wahlfreiheiten, hier ist er meist auf ein Fach verengt und stark verschult.

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