Schuld ist immer nur die Schule: Wie Eltern mit Prozessen und Beschwerden das Klima an den Schulen vergiften.
Unser Junge hat eine Fünf in Mathe. In der Klassenarbeit, ja sogar im Zeugnis. Was tun die besorgten, entrüsteten Eltern? Sie nehmen sich den Mathematiklehrer vor. Er muss etwas falsch gemacht haben. Die Rotstiftmarginalien werden minuziös durchforstet, nach Versehen und unberechtigten Härten, nach Widersprüchen und Inkonsequenzen. Ob die Note nicht nachträglich aufzubessern ist? Es kann doch, finden die Eltern, einfach nicht wahr sein - bei der netten Frau Schmidt lag der Junge doch immer zwischen drei und vier. Die Eltern lassen nichts unversucht, sie gehen durch die Instanzen, Schulleitung, Schulaufsicht, Ministerium. Und wenn es um die Versetzung oder ein Abschlusszeugnis geht - denn in dem Fall ist die Note nicht bloß eine Note, sondern ein Verwaltungsakt -, dann ziehen sie vor Gericht gegen diesen unfähigen Lehrer. Dann dürfen Richter im Namen des Volkes beurteilen, ob dieser oder jener Schnitzer bei der Vektorenrechnung nicht doch nur mit einem halben Fehler zu bewerten wäre.
"Vokabeltest? Das hätten Sie ankündigen müssen!" Manche Eltern scheuen vor nichts zurück, um den Schulerfolg ihres Kindes durchzusetzen. (© Foto: iStockphoto)
Anzeige
Auf die Idee, dass der Sohnemann, wenn er schon eine Fünf hat, dumm oder faul oder möglicherweise gar beides sein könnte, auf diese Idee aber kommen die Eltern nicht. Überhaupt, was sind das denn für archaische Vokabeln, dumm und faul? Das klingt ja nun gar nicht gerecht oder entwicklungsfördernd oder sonstwie lernatmosphärisch positiv. Die Chancen auf Erfolg im Leben verbaut doch die Schule dem Schüler, nicht etwa der Schüler sich selbst!
Im zweiten Band seiner "Theorie des kommunikativen Handelns", die er 1981 vorlegte, hat Jürgen Habermas die wachsende Verrechtlichung der Lebenswelt beklagt. In kritischer Fortschreibung von Analysen Max Webers und Karl Marx" beobachtete er, wie sich ein notwendiges Emanzipationsinstrument zu einer Krake entwickelt, wenn die "Systemperspektive des bürgerlichen Staates" sämtliche Bereiche der Gesellschaft zu erfassen droht: Aus dieser Perspektive müsse "alles, was nicht in den Formen des modernen Rechts konstitutiert ist, als formlos erscheinen". Als abschreckendes Beispiel beschrieb Habermas damals gerade das Schulrecht, auf das sich Eltern und Schüler berufen: Der damit beabsichtigte Schutz vor Willkür werde "mit einer tief in die Lehr- und Lernvorgänge eingreifenden Justizialisierung und Bürokratisierung erkauft".
Verrechtlichung und Harndrang
Ein Vierteljahrhundert später ist die Situation nicht besser geworden. Auch wenn man noch so oft idealtypisch ein Miteinander von Eltern, Lehrern und Schülern beschwört: Der so genannte Pisa-Schock wurde so gut wie ausschließlich als Versagen einer Institution wahrgenommen, einer Institution, die nicht leistet, was man für seine Steuergelder erwarten kann. So verstärkt sich, was Habermas konstatierte: Schule wird von einer staatlichen Bildungseinrichtung zu einer Instanz der Sozialtechnologie, die der Verteilung von Lebenschancen dient - und an die somit entsprechend formalisierte Ansprüche gestellt werden können wie an ein Dienstleistungsunternehmen oder eine moderne Sozialbehörde.
Aus dieser Verrechtlichung der Schule nun, die teils aus der in der Verfassung verbrieften Erziehungshoheit der Eltern, teils aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz abgeleitet wird, ergibt sich paradoxerweise nur eine Potenzierung der Ungleichheit.
Denn auf der einen Seite stehen die vielen Familien, die sich überhaupt nicht um die Schullaufbahn ihrer Kinder kümmern. Das sind die sozialen Milieus, bei denen für die Lehrer zweifelhaft ist, ob die Schüler zu Hause gefrühstückt haben, ob sie einen eigenen Schreibtisch für ihre Hausaufgaben besitzen, ob sie gelernt haben, wie man Schnürsenkel bindet, und ob nicht möglicherweise seit dem dritten Lebensjahr ein Fernseher in ihrem Kinderzimmer steht. Also die Milieus, für deren Kompensation man sich so viel von der Ganztagsschule verspricht, und die übrigens in allen Schulformen, auch im Gymnasium, vertreten sind.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Griechenland in der Schuldenkrise
Ich kann dem Inhalt des Artikels nur beipflichten...
Ich kenne selbst sehr das Engagement der Eltern sehr gut, sowohl das produktive, das zur Entwicklung und zum Lernprozess aller führt, als auch das negative, das schlechte Stimmung, Reibung und unnötige Konflikte verursacht. Als Schülersprecher stehe ich öfters in Kontakt mit Eltern und auch SChülern, die gerne über dies und jenes an der Schule - inkl. Lehrer, Direktor, Hausmeister, System... - meckern und teilweise auch richtig sauer werden. Meist zu unrecht.
Vor allem ist mir wichtig, dass den LEuten klar wird, das Schule kein Wirtschaftsunternehmen ist. NIEMAND zahlt Steuergelder für die direkte Gegenleistung der Bildung. Wer mit erhobenem Zeigefinger an Schulen etwas einfordern will, "für das er bezahlt habe", der soll bitte seine Kinder auf eine Privatschule schicken.
Ganz ehrlich: aus Erfahrung weiß ich, dass ca 80% der Beschwerden, die vom Murmeln zum lauten Aufrschrei werden, entweder reine Stimmungsmache, Neid oder Trauer über eigenes Versagen oder bloße Launen als Auslöser haben.
Wer einfordert, muss VORHER gegeben haben. Wenn ich meine Hausaufgaben nicht mache, kann ich keinen Anspruch darauf haben, den Stoff des Unterrichts voll zu verstehen und erklärt zu bekommen.
So noch als Abschluss:
Seid doch eindlich nett zu einander, seid dankbar, macht das Beste draus, für euch, für eure Zukunft, für eure Lehrer, für eure Schüler, für deren Eltern, für eure Kinder (und und und...) und für mich :D, danke.
über lehrerInnen meckern ist wie fußbal schauen: jeder meckert, wie schlecht die spielerInnen gerade spielen; was man an des spielers stelle getan hätte, aber selber SPIELEN, -ha- die meisten können nen volleyball doch nur von nem fußball unterscheinden, weil zwischen "Sonderangebot" und "9.99EUR" dick und fett "Fußball" steht...
Ich finde den Artikel sehr gut. Auch wenn er einseitig ist. Er hatte ja nicht den Anspruch, eine Reportage zu sein.
Es gab mal irgendwo die These, daß wir mittlerweile in einer Neidgesellschaft leben. Das würde den überall fehlenden Respekt gegenüber den Anderen erklären.
Das Problem ist, daß immer alle ganz toll sein müssen. Die Möglichkleit, daß einer leistungsmäßig Mittelmaß ist und TROTZDEM Anerkennung erfährt, ist überhaupt nicht mehr vorgesehen. Deshalb "zählt" auch nur noch das Abi, obwohl bekannt sein dürfte, daß selbst das Abi keine Garantie für nichts mehr ist.
Die ELTERN müssen sich im Sozialdarwinismus selbst "bewähren" und haben in den allermeisten Fällen nicht die Zeit, um sich ihren KIndern ausreichend zu widmen. Darum haben sie (hoffentlich) ein permanent schlechtes Gewissen, das irgendwie kompensiert werden muß. Und sei es mit Hilfe der Rechtsschutzversicherung.
Die LEHRER übernehmen mittlerweile unbezahlt die von den Eltern vernachlässigten Erziehungspflichten und können diese verständlicherweise nicht annäherungsweise kompensieren. Als Sündenböcke haben sie darüber hinaus ein extremely bad image ("Lehrer =faule Säcke").
Die KINDER sind, wenn sie SCHÜLER und an einer staatlichen Schule sind, in der Regel (!) mit einem Stoffpensum konfrontiert, welches sich nur mit maximaler Disziplin bewältigen läßt und noch immer quantitativ im Ansteigen begriffen ist. Die wenigsten Kinder bringen von sich aus (und DA sollte es herkommen) diese Kraft auf.
Die NOTEN sind hinsichtlich ihrer Aussagekraft absolut überbewertet.
Die ARBEITGEBER orientieren sich trotzdem am "objektiven" Kriterium: Notendurchschnitt.
Noch zwei Beispiele: Gestern (19. April) lief im WDR eine Reportage mit dem Titel "Beruf Lehrer", der die Aussagen des Schloemann-Artikels mit schmerzhafter Deutlichkeit bestätigte.
Ich finde den Artikel sehr gut. Weil er von einer Seite (warum nicht?) den Finger in die Wunde legt. Und das heißt m.E., daß die völlig falschen Basisannahmen (für das "Leben" lernen heißt: für den Job lernen) hinterfragt werden müssen, deretwegen alle Beteiligten
ein Aggressionspotential vor sich herschieben, das sich auf dem Schulhof, vorm Verwaltungsgericht und in innerkollegialen Mobbingprozessen (Lehrer-burnout) bemerkbar ma
Wenn die Eltern mit gleichem Fleiß, Energie und Liebe kontinuierlich über's Schuljahr ihr Kind begleiten, wie sie auch im nötigen Fall Gespräche mit Lehrern suchen und sorgfältig führen, im Sinne einer Pädagogik, die den Menschen im Zentrum sieht und nicht nur seine Berufschancen, dann gibt's weniger Probleme. Alle 3 Parteien können sich dann entwickeln - Einsicht braucht länger und Verhaltensänderung noch länger.
Es ist ein höchst kompliziertes Kommunikations-Dreieck (Schüler, Sorgenmach-Berechtigte, Lehrer). Natürlich müssen Schulen hier gesprächsbereit sein - in Grenzen. Wie überall beherrscht ein bestimmter Prozentsatz seine Arbeit nicht - und Eskalationen können manchmal exemplarisch notwendig sein - wie im sonstigen Berufsleben: the right man on the right job.
Das Elend sind höchsten Rechtsschutzversicherungen. Pauschalisierungen sind nicht angebracht.
Warum sind die Eltern immer so Überrascht,wenn ihr Filius im Zeugniss oder
in einer Probe eine schlechte Note haben?
Nehmen sie nicht an den Elternabende,sowie an den Sprechzeiten der Lehrer teil?
Tatsache ist,es liegt zum grossen teil sehr wohl an den Eltern.
Leider auch an die verlogenheit der Kids (leider)
Gruss Karin.S
Paging