Reizberuf Lehrer Viel Ferien, fiese Schüler und 50-Stunden-Wochen

Mäßige Leistungen, frühe Erschöpfung, wenig Engagement? Urteile über Pädagogen sind oft zu pauschal, um wahr zu sein.

Von Tanjev Schultz

Wird über den Beruf des Lehrers diskutiert, erinnert das immer ein wenig an Gespräche über Fußball. Alle haben eine starke Meinung, klare Sympathien und Antipathien, Fakten sind nicht so wichtig. Wissenschaftliche Studien könnten die Debatte versachlichen, ihre Ergebnisse sind allerdings auch nicht immer eindeutig, ihre Aussagekraft ist meist begrenzt. Dennoch können sie helfen, Pauschalurteile zu überwinden.

Vorurteil 1: Nur mittelmäßige Schüler werden später Lehrer, die Leistungsstarken meiden den Beruf.

Es stimmt, dass die Abiturnote angehender Grund-, Haupt- und Realschullehrer im Schnitt schlechter ist als die anderer Akademiker. Eine entsprechende Studie des Münchner Bildungsökonomen Ludger Wößmann machte vor kurzem Schlagzeilen. Sie beruhte allerdings auf Daten, die vor mehr als zehn Jahren erhoben wurden. Und sie zeigte auch: Gymnasiallehrer hatten im Abitur genauso gute Noten wie andere Akademiker. Dies bestätigt eine neue Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung mit dem Titel "Eingangsvoraussetzungen beim Studienbeginn: Werden Lehramtskandidaten unterschätzt?"

Das Autorenteam Uta Klusmann, Ulrich Trautwein, Oliver Lüdtke, Mareike Kunter und Jürgen Baumert nutzt eine Abiturienten-Stichprobe aus Baden-Württemberg und vergleicht 328 Lehramtsstudenten mit etwa 1400 Studenten anderer Fächer. Sie werten nicht nur die Schulnoten aus, der Datensatz umfasst auch zusätzliche Tests zu den allgemeinen kognitiven Kompetenzen und den Fähigkeiten in Mathematik und Englisch. Das Ergebnis: Die Abiturnote angehender Lehrer der Grundschule und Sekundarstufe I ist um etwa eine halbe Note schlechter als bei Anwärtern für das gymnasiale Lehramt. Schwächer sind zudem die gemessenen kognitiven Fähigkeiten und die Leistungen in Englisch und Mathematik. Gymnasiallehrer sind so leistungsstark wie andere Akademiker. Die These einer "generellen Negativ-Selektion in Bezug auf die kognitiven Voraussetzungen" könne für den Lehrerberuf nicht bestätigt werden. Ein Gefälle besteht indes zwischen den Lehrämtern.

Unklar bleibt, wie sich die kognitiven Voraussetzungen später auf die Arbeit der Lehrer auswirken. Die Studie des Max-Planck-Instituts betont die hohe Bedeutung der Ausbildung in Studium und Referendariat: Art und Qualität der Lehrerausbildung seien vermutlich der entscheidende Faktor für die professionelle Kompetenz der Pädagogen.

Vorurteil 2: Lehrer arbeiten wenig, haben viel Freizeit und haben sich deshalb für diesen Beruf entschieden.

Der Frankfurter Schulforscher Udo Rauin rechnet mehr als ein Drittel der angehenden Lehrer zu den "Engagierten"; viele Leistungsstarke würden allerdings schon während des Studiums aussteigen - angeblich aus Unterforderung. Mehr als ein Viertel wähle das Lehramt nur "aus Verlegenheit", der Beruf sei für sie eine Notlösung. Rauin hat den Berufsweg mehrerer Hundert Studenten verfolgt, die an Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg begannen. Verlegenheitsstudenten hätten hedonistische und pragmatische Motive. Die Hedonisten würden sich ein leichtes Studium wünschen und "für später genug Zeit, um ihren Hobbys nachzugehen". Die Pragmatiker achteten auf einen sicheren Job. Pragmatisches Kalkül (wie der Wunsch, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können) schließen pädagogisches Ethos und hohe professionelle Kompetenz aber nicht unbedingt aus.

Die Expertise des Max-Planck-Instituts verweist auf Untersuchungen, denen zufolge der Umgang mit Kindern und Jugendlichen, das fachliche Interesse und der gesellschaftliche Beitrag die Hauptmotive für das Ergreifen des Lehrerberufs sind. Auch die eigene neue Studie zeige: Lehramtsstudenten folgen vor allem einem beruflichen Interesse; sie zeigen dabei ein größeres "soziales Interesse" als andere Akademiker.

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