Ein "kleiner Doktor" aus Bratislava
Anzeige
Lange galt zum Beispiel die Slowakei als günstige Adresse für Doktoranden. Dort gibt es neben dem wissenschaftlichen Doktor ein weniger mühseliges "Berufsdoktorat", das nach internationalen Standards eher einem Master-Abschluss entspricht. Wer diesen "kleinen Doktor" allerdings vor 2007 etwa in Bratislava erworben hat, genießt in Bayern und Berlin nach wie vor Vertrauensschutz für den vollwertigen Namenszusatz "Dr.".
Davon profitiert beispielsweise auch ein bayerischer Bundestagsabgeordneter. Nach einem noch nicht rechtskräftigen Urteil des Landgerichts Düsseldorf von diesem Februar ist die Titelführung jedoch außerhalb der beiden verständnisvollen Bundesländer oder auch im Internet unzulässig (Az. 12 O 284/06).
Womöglich wird aber auch die deutsche Promotion überschätzt. Denn laut wiederholter Kritik des Wissenschaftsrates ist zumindest der deutsche "Dr. med.", also der Doktor der Medizin, oft auch nur ein Berufsdoktorat mit Studien, die eher "Diplomarbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern entsprechen als den dort üblichen Dissertationen". Der Titel diene weniger der Wissenschaft als der beruflichen und gesellschaftlichen Anerkennung oder der Eitelkeit.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Karriere mit Promotion Kollege Dr. verdient mehr 24.03.2009
- Prekariat an Universitäten Unterschicht mit Doktortitel 27.02.2009
- Gekaufte Doktortitel Magna cum money 24.02.2008
- Dissertationen Auf dunklen Wegen zum Titel 14.07.2008
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- Bologna-Konferenz Randale während der "Schavan-Show" 17.05.2010
- Schulmanagement Ein Assessment-Center für Schulleiter 17.05.2010
(SZ vom 27.4.2009/bön)
Venizelos kritisiert IWF-Chefin
schliesst sich erneut der Kreis.
Zitat: Defizite wie ein Fachhochschul-Abschluss (statt eines Uni-Diploms) oder ein schlechter Notenschnitt ließen sich bei einer Promotion in anderen Staaten "durchaus kompensieren".
Womit wir wieder beim Anfang wären. FH minderwertiger als UNI, IHK (auf FH-Niveau geprüft) minderwertiger als FH, Staatlich geprüfte Abschlüsse minderwertiger als VWA, etc. etc. etc.
Wie immer: es fehlt eine klare Strukturierung europaweit zu einheitlichem Zugang zu Hochschulen (das kriegen wir in Deutschland nicht mal in den Bundesländern gleich geregelt) sowie zum erlangen von akademischen Abschlüssen.
Solange es Hintertüren gibt werden die Hintertüren von denen genutzt die es sich leisten können! (Und dies gilt nicht nur für den Bildungsmarkt..)
@ D. Hartmann: Ich gebe Dir teilweise mit dem "Dr. med." recht - ja, er ist deutlich weniger als eine übliche Promotion. Mit einer Hausarbeit würde ich ihn allerdings nicht regelmäßig vergleichen. (Oder wir müssen diskutieren, wie eine Hausarbeit aussieht.)
Die Schwierigkeit beim "Dr. med." ist ein anderes - wer ihn nicht während des Studiums oder eben vor Aufnahme des Berufs schafft, schafft ihn meist gar nicht mehr: Ärzte müssen, vor allem in jungen Jahren, meist so viele Überstunden schieben, daß zunehmend Ärzte ohne Promotion unterwegs sind, die glaubten, noch nebenher promovieren oder fertig-promovieren zu können... und die das nicht schaffen. Insofern (!) ist die Promotion auch bei Ärzten nicht mehr selbstverständlich.
Das Problem ist aber noch ein anderes: Mediziner können mit ihrer Promotion bereits sehr früh im Studium anfangen. Und ihr Studium bildet sie eh nicht für wissenschaftliches Arbeiten aus. Und das finde ich nicht schlimm: Lächerlich ist allein ist der Anspruch, daß ausgerechnet Ärzte promoviert sein müssen. Sie müssen ihr Handwerk verstehen. Und sie sollten möglichst auch methodenkritisch ausgebildet werden, um neue Medikamente, Forschungsberichte usw. kritischer lesen zu können. Dazu gern eine kleinere Forschungsarbeit - aber eine Promotion braucht's nicht.
Dass eine medizinische Doktorarbeit vom Aufwand und der Qualität einer naturwissenschaftlichen Diplomarbeit entspricht, ist ein seltener Fall. Nur wenige anspruchsvolle Betreuer in den med. Fakultäten erwarten ein solches Niveau, und nur sehr engagierte Medizinstudenten wählen sich so einen Betreuer für ihre "Diss." aus. Die übliche medizinische Doktorarbeit ist eher mit dem vergleichbar, was in anderen Fächern Studien- oder Hausarbeit genannt wird.
Kurz gesagt, der Dr. med. ist ein Fleißbriefchen, das nur ganz uneitle Medizinstudenten (oder auch ein paar ganz faule) auslassen. Am Türschild ist dieser akademische Grad ja leider ein muss, weil der durchschnittliche Patient nicht zu einem Arzt sondern nur zu einem "Doktor" geht. Der Kern des Problems liegt ja gerade in der deutlichen Überschätzung der Bedeutung bzw. des Inhalts dieser zwei Buchstaben nicht nur bei der "einfachen Bevölkerung" sondern auch in akademischen Kreisen. Dies ermöglicht erst den Gewinn bringenden Handel mit Doktorgraden.
Wie wärs mit so einer Konstellation (ohne Berater):
Ein Professor sitzt im Vorstand eines privaten Institutes, das auch militärische Forschung betreibt. Gleichzeitig hat er einen Lehrstuhl an einer Universität inne, hält selbst aber nicht die Vorlesungen, sondern seine Lehrbeauftragten.
Ein FH-Absolvent ist an diesem Institut beschäftigt. Entweder kennt er den Professor schon vorher, oder er lernt ihn dort kennen.
Der Absolvent macht einen Abschluß an der Uni nach.
Zu einem Zeitpunkt, als er noch nicht einmal das Diplom in der Tasche hat, weiß ein anderer bereits über ihn zu berichten, zu welchem Thema dieser seine Doktorarbeit schreiben wird und welche Methoden zum Einsatz kommen. Er sagt es komme nur auf die Aussage des Gutachters (Doktorvaters) an.
Mir ist so ein Fall bekannt. Die Sache stinkt zum Himmel.
Titel sind in Deutschland nur die vor 1918 erworbenen Adelstitel.
Der Doktor ist kein Titel, sondern ein akademischer Grad. Der einzige Unterschied zu andernen akademischen Graden ist, dass der Doktor auf Antrag (!) in den Ausweis eingetragen werden kann. Eine Pflicht zur Führung des 'Dr.' gibt es nicht - alle, die ihn im Ausweis haben, sind oder waren einmal eitel genug dafür aktiv zu werden.
(Übrigens, wenn wir schon mal dabei sind: Professor ist weder Titel noch akademischer Grad, sondern eine Amtsbezeichnung.)