Der Medizinertest vor Beginn des Studiums erfährt eine Renaissance. Aber ohne sehr gutes Abitur wird auch in Zukunft kaum jemand Arzt werden.
Vor dreieinhalb Wochen hat Tabea Wießmeyer ihre letzte Abi-Klausur geschrieben. Da wusste sie aber bereits, dass sie mit der Hochschulreife noch nicht reif für ihr Traumstudium Medizin in Mannheim ist. Statt auf die Abi-Party stellte sie sich auf die nächste Prüfung ein. Am Samstag war es soweit: Die 20-Jährige drängte mit 550 anderen Abiturienten in die Stuttgarter Liederhalle. Dort war erstmals seit zehn Jahren wieder ein Medizinertest angesetzt. Auch an 15 anderen Orten, von Bremen bis Freiburg, mussten sich Studienbewerber zur Prüfung einfinden. 7159 Abiturienten hatten sich zum gemeinsamen Test der baden-württembergischen Medizinfakultäten angemeldet.
Einser-Abiturienten bevorzugt: Medizinstudenten im ersten Semester an der HU Berlin. (© Foto: ddp)
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Mit dem freiwilligen Angebot konnten die Bewerber ihre Chance auf einen der 1200 Medizin-Anfängerplätze verbessern, die das Ländle im neuen Studienjahr zu vergeben hat. Die Fakultäten hoffen, der Test offenbart, wer konzentriert logisch denken und komplexe Informationen verarbeiten kann. Fünf Stunden ordneten die Schulabgänger Muster, prüften Textaussagen und wandelten Formeln um. "Es ist ein Unterschied, eine gute Abiturnote zu haben oder das Wissen an einem Tag auf den Punkt abrufen zu können", sagt Franz Resch, Studiendekan der Heidelberger Medizinfakultät. "Damit erfassen wie eine Reihe von Begabten, die nicht auf einen 1,0-Schnitt zusteuern". In Heidelberg hatte der schlechteste Medizin-Anfänger zuletzt eine 1,2 im Abitur. Nun dürfen Bewerber mit ein paar Zehnteln mehr hinter dem Komma wieder hoffen. In Leipzig, wo die Uni einen kürzeren 100-Minuten-Test anbietet, spreizte sich das Feld bis 1,5.
Auch die in Stuttgart angetretene Sophie Niethammer aus Esslingen wollte am Samstag ihr schwächeres Einser-Abi aufwerten. Konkurrenten, die bei den Noten schlechter stehen, bedauert sie: "Mit 2,6 hat man keine Chance - der Test entscheidet wieder nur unter den Besten." Für den Eignungsdiagnostiker Heinz Schuler von der Universität Hohenheim ist dies wenig überraschend. Zum einen zähle die Abiturnote bei der Zulassung mindestens 51 Prozent. Zum anderen prüfe der Test Fähigkeiten, wie sie auch ein gutes Abitur erfordere.
Test-Teilnehmer Esvad Aydin, 19, hat dennoch festgestellt: "Auf das Abitur bereitet man sich mehr vor, aber die Anforderungen an das Gehirn waren hier höher." Der Stress ist groß, eine zweite Chance gibt es nicht. Die Organisatoren haben penibel auf gleiche Bedingungen überall in Deutschland geachtet. Sie zählten selbst die Toiletten ab. Die Kandidaten durften nicht laut mit Butterbrotpapier rascheln.
Gestandene Mediziner haben dabei ein Déjà-vu-Erlebnis. Schon einmal bestimmte der Test 16 Jahre lang, wer auf ein Berufsleben im weißen Kittel hoffen durfte. 1997 war zunächst Schluss. Der Test galt als teuer, die Zahl der Bewerber sank, und jede zentrale Steuerung galt nicht zuletzt in Baden-Württemberg als Angriff auf die Hochschulfreiheit. Die überraschende Renaissance des Tests im Südwesten ist Folge der Vorgabe an die Fakultäten, in bundesweiten Numerus-clausus-Fächern 60 Prozent der Bewerber selbst auszuwählen.
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