Kolumne "Was ich am Job hasse" Grüß mich!

Der Kollege lässt den Gruß an einer Mauer aus Ignoranz abprallen. Warum nur?

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Es gibt Kollegen, die nie Hallo sagen. Lieber würden sie sich die Zunge abbeißen. Was hat man ihnen angetan?

Kolumne von Katja Schnitzler

Es könnte so schön mild sein, das Betriebsklima, wenn der Kollege "Ich-grüß-dich-nicht" ein wenig entspannter wäre. Und etwas höflicher. Oder einfach nur normal. Denn normal ist das nicht. Eigentlich herrscht im ganzen Unternehmen die Umgangsformel, dass immer und überall gegrüßt wird - sogar Leute aus anderen Abteilungen.

Wieso auch nicht, schließlich hübscht selbst das unverbindliche Lächeln eines Fremden einen trüben Montagmorgen auf. Doch manche bekommen ihre Zähne nicht auseinander, nicht einmal für ein gemurmeltes "Hallo". Dabei wäre sogar ein geknurrtes "Moin" dem sozialen Miteinander zuträglich.

Stattdessen: kein Ton, nur lautes Schweigen.

Dieses wird begleitet von einem krampfhaften Starren zur Seite, dabei verrät die ganze Körpersprache: Kollege "Ich-grüß-dich-nicht" hat den anderen längst wahrgenommen - tut aber alles, um ihn das nicht merken zu lassen. Im Einheitsgrau des Teppichs muss der Kollege offenbar psychedelische Farben und Formen entdeckt haben, er gibt sich hypnotisiert, sein Blick ist vor seinen Fußspitzen festgefroren.

Kaum sichtbar zuckt er zusammen und seine Haare stellen sich auf, als die Schallwellen des Grußes im engen Flur auf ihn zu branden. Mit verkniffenem Mund lässt er das "Guten Morgen" an einer Mauer der Ignoranz abprallen.

Schöner schreiben im Büro

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Was hat man dem Kerl bloß angetan?

Hat der Kollege nicht richtig hingeguckt? Ist er taub oder ein extremer Morgenmuffel? Doch mittags grüßt er immer noch nicht. Er ist auch nicht stumm: Vorher in der Konferenz sprach er, sogar mit anderen Menschen. Doch beim nächsten Mal auf dem Weg zur Kaffeeküche wieder: verbissenes Wegschauen.

Sensible Immer-Grüßer beschleichen da Selbstzweifel: Was hat diese offensive Missachtung herausgefordert? Fiel ein falsches Wort, ganz ohne Absicht, wurde zu fies gelacht, obwohl gar nicht über ihn? Oder ist schon die bloße Anwesenheit Beleidigung genug? Jede einseitige Begegnung wird analysiert: Wieso sagt er nicht einfach kurz Hallo, statt im Aufzug an die Decke zu starren, weil die Wände verspiegelt sind und sich sonst ein Blickkontakt nicht vermeiden ließe?

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus.

Noch 16 Stockwerke, an ein Entkommen ist nicht zu denken

"Darf ich Sie mal was fragen?" Der Verweigerer starrt entsetzt ein besonders großes Luftloch unter die Decke, die Aufzugfahrt dauert noch 16 Stockwerke, an ein Entkommen ist nicht zu denken. Er nickt, die Zähne knirschend zusammengebissen. "Warum grüßen Sie eigentlich nie?" Der Verweigerer läuft rot an, schluckt, schnauft, stottert: Er grüße doch. Immer.

Ein Mitfahrer aus derselben Abteilung johlt: "Ach was, das machst du doch nie!"

In den folgenden Wochen mutiert der Verweigerer zum schnellsten Guten-Morgen-Sager des Westflügels, keiner grüßt schneller als er. Dann kündigt er. Der soziale Druck war einfach zu groß.

Kolumne Was ich am Job hasse

Die lieben Kollegen, das Gegen- statt Miteinander im Büro, dazu die Chefs - und nicht einmal der Computer versteht einen. Vieles raubt im Arbeitsalltag den letzten Nerv. Zum Glück sind Sie damit nicht allein: Jeden Dienstag erscheint auf SZ.de die Kolumne "Was ich am Job hasse" von Katja Schnitzler.

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