Güter auf Weltreise Warenströme unter Kontrolle

Aus der Luft betrachtet sehen diese Schiffscontainer wie ein modernes Kunstwerk aus.

(Foto: SeongJoon Cho/Bloomberg)

Experten, die kluge Logistik-Systeme entwickeln, sind gefragter denn je. Zu ihrer Ausbildung gehören auch Finanz- und Rechtsthemen.

Von Jochen Bettzieche

Seit Jahrtausenden werden Waren von Siedlung zu Siedlung, Stadt zu Stadt, Land zu Land transportiert. Schon im Römischen Reich tauchten Waren auf, die aus dem fernen China stammten. Die Handelsnetze der Fugger und der Hansestädte versorgten ganze Regionen mit den gewünschten Gütern. Die Logistik war komplex und funktionierte, aber natürlich lange nicht so reibungslos wie heute. Ging eine Warenladung durch Raub, Unfall oder Ähnliches verloren, dauerte es Wochen oder Monate, bis der Eigentümer davon erfuhr - wenn er davon erfuhr. Das produzierende Gewerbe musste auf Rohstoffe warten. Just-in-time-Produktion war angesichts der langsamen Kommunikation undenkbar. Heutzutage hingegen sollen die einzelnen Schritte eines Logistik-Systems reibungslos funktionieren.

Der Begriff Logistik ist weit gefasst - er bezieht auch Themen der Mobilität mit ein

Daher bilden einige Universitäten und Fachhochschulen seit einigen Jahren Spezialisten aus. Allein in Deutschland werden mehr als 60 Masterstudiengänge der Fachrichtung Logistik angeboten. Für Führungskräfte gibt es MBA-Programme, mit Beinamen wie "Logistics" oder "Supply Chain Management". "Das Spektrum logistischer Aufgaben ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen", nennt Rainer Lasch, wissenschaftlicher Leiter des Masterstudiengangs Logistik an der Dresden International University, den Grund für deren Entstehung. Logistik meint nicht nur Warentransport, sondern kann sich auch auf reisende Menschen, Energieversorgung oder Geldflüsse beziehen.

Die Art der Anbieter und Ausbildung ist breit gestreut. Fachhochschulen wie Ludwigshafen am Rhein bieten Fernstudiengänge an. Andere, wie die Dresden International University und die ETH Zürich oder die Donau-Universität Krems setzen Anwesenheit voraus. Die Kühne-Stiftung, die in der Zukunft die Mehrheit am Logistikkonzern Kühne + Nagel halten wird, hat eigens die Kühne Logistics University gegründet.

Die MBA-Studiengänge sind in der Regel berufsbegleitend und dauern vier bis fünf Semester. Mancherorts ist ein Vollzeitstudium möglich. Inhaltlich ähneln sich die Studiengänge. Sie vermitteln Kenntnisse in allgemeinen Aufgaben des Managements. Dieses ergänzt Spezialwissen zum Thema Logistik. Dabei geht es nicht nur um Warenströme und Lieferketten. Eine wichtige Rolle spielen Themen aus Verkehrs-, Transport- und Lagerrecht, das gilt auch für Masterstudiengänge. Währungsrisiken, die Optimierung von Finanzflüssen und steuerliche Probleme gehören ebenfalls zu den Lerninhalten. Überwiegend würden Absolventen von Master-of-Science- und MBA-Studiengängen eine Experten- oder Führungslaufbahn in den Geschäftsbereichen des Logistikkonzerns einschlagen und seien international tätig, heißt es bei Kühne + Nagel.

Preislich unterscheiden sich die Studiengänge gewaltig. Während ein Fernstudium schon für weniger als 10 000 Euro zu haben ist, verlangt die ETH Zürich derzeit 65 000 Schweizer Franken, circa 60 000 Euro. Dafür bieten die Schweizer nicht nur Unterricht in den eigenen Räumen, sondern auch drei Exkursionen nach Asien, Russland und in die USA.

Stephan Wagner, Professor für Logistikmanagement und wissenschaftlicher Leiter des Executive MBA in Supply Chain Management an der ETH, hält die Masterarbeit für sehr nützlich. In dieser bearbeiten die Studenten ein Projekt aus ihrem Unternehmen. "Allein die Masterarbeit spielt für den Arbeitgeber häufig die Kosten für den Studiengang wieder ein", sagt Wagner. Allerdings würden sich Unternehmen bei der Finanzierung zunehmend zurückhalten. Während noch vor acht Jahren überwiegend die Konzerne ihren Mitarbeitern die Logistik-Ausbildung finanziert hätten, seien es heute gerade mal noch zehn bis 15 Prozent der Teilnehmer, bei denen dies der Fall sei. "30 bis 40 Prozent der Studenten zahlen die Gebühr voll aus der eigenen Tasche, der Rest teilt sich die Kosten mit dem Arbeitgeber", hat Wagner beobachtet.

Angehende Logistik-Experten laden sich während der Ausbildung einiges auf, vor allem dann, wenn sie einen MBA-Abschluss anvisieren. Da Unternehmen ihre Angestellten gerne am Arbeitsplatz sehen, finden die Seminare häufig an Wochenenden oder von Donnerstag bis Sonntag statt. Dafür gehen oft Urlaubstage drauf. Zusätzlich gewähren die Unternehmen ein paar freie Tage. "Es bleibt extrem wenig Zeit für andere Aktivitäten", gibt Wagner zu bedenken. Wer zum Beispiel gerade ein Haus baue oder ein Kind bekommen habe, solle das Thema MBA besser vertagen.

Studienreisen in dem Umfang, wie sie an der ETH offeriert werden, sind die Ausnahme. Die Teilnehmer sollen die Materie durch zahlreiche Besuche bei Unternehmen an Ort und Stelle vertiefen. So berichtet ETH-Absolventin Julia Rennenkampf vom Besuch der Toyota-Produktion in Japan: "Es ist die orchestrierte Bewegung von Menschen, Teilen und technische Produktionssystemen, die so beeindruckend ist und die diese Fabrik von anderen unterscheidet, die wir gesehen haben."

Wie ihr Unternehmen zu einer Weiterbildung steht, sollte man frühzeitig erfragen. Der Logistikkonzern Deutsche Post DHL fördert einen MBA mit diesem Schwerpunkt jedenfalls nicht. Kühne + Nagel hat eine eigene Richtlinie, die regelt, unter welchen Voraussetzungen das Logistik-Studium finanziell unterstützt wird.