Wie sollen Kinder schreiben lernen? Die Schreibschrift überfordert Schüler, sagen die Befürworter der neuen Grundschrift. Sie wollen vermeintlich unnütze Buchstabenverbindungen und Schnörkel streichen - und verkennen damit die Effektivität der Schreibschrift und die Kompetenz von Kindern.
Die Alphabetisierung war einmal eine epochale Aufgabe. An sie hefteten sich die lichten Zukunftshoffnungen ebenso wie die düsteren Warnungen. Öffneten die Fibeln die Türen für den Ausgang der Menschen aus Abhängigkeit und Unmündigkeit? Oder waren sie das Einfallstor für den uniformierenden Zugriff des Staates und seiner Bürokratien auf die Innenwelten der Individuen?
Bild vergrößern
Schreibschrift (oben) oder Grundschrift: Welche Schrift kann man Kindern heutzutage noch zumuten? (© SZ-Graphik)
Anzeige
Anthologien des Schreckens ließen sich aus den Leidensberichten zusammenstellen, die vom Drill der Schreibhände durch die "Schwarze Pädagogik" (Katharina Rutschky) erzählen; Anthologien der Selbstverzauberung aus den Berichten Erwachsener, die sich erinnern, wie sie beim ersten Lesen den Geheimnissen der Buchstaben auf die Spur kamen und durch das Abc in die Schriftmagie eingeweiht wurden.
Verglichen mit den Leidenschaften, die vor einigen Jahren der Streit um die Rechtschreibreform in der allgemeinen Öffentlichkeit auslöste, ist es kaum mehr als ein hier und da aufkommendes Grummeln: der Streit um die neue "Grundschrift", die in Deutschland eingeführt werden soll, wenn es nach dem "Grundschulverband e. V." geht, der sie energisch als Befreiung der Abc-Schützen von der überflüssigen Pein des doppelten Schreibenlernens propagiert.
Bisher lernten die Kinder in den Grundschulen in der Regel zwei Arten des Schreibens mit der Hand, die "Druckschrift" und die "Schreibschrift". Das hat damit zu tun, dass die Alphabetisierung zwei zu erlernende Kulturtechniken umfasst: Lesen und Schreiben. Die Druckschrift ist dem Pol des Lesens zugeordnet; das Schreiben der Buchstaben wird in einem Vorgang erlernt, der oft eher dem Abmalen einzelner Formen als dem kontinuierlichen Schreiben ähnelt und auf die ersten Lesetexte hinführt.
In der Schreibschrift, die im zweiten Schritt hinzukommt, erhält dann das Alphabet eine neue Physiognomie. Sie wird erlernt, indem die Buchstaben einer vorgegebenen Normschrift in einer kontinuierlichen Schreibbewegung hintereinandergesetzt werden. Traditionell ist die Schreibschrift Kursivschrift, ihrem "fortlaufenden" Charakter verdankt die alte deutsche "Kurrentschrift" ihren Namen.
Alle Vorteile in der Grundschrift?
Alle aktuellen schulischen Normschriften wurzeln aber nicht in der deutschen, sondern in der lateinischen Schreibschrift, die von den Nationalsozialisten 1941 eingeführt wurde, weil sie darauf spekulierten, europäische Hegemonialmacht zu werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zur 1954 als Hauptschrift bestätigten "Lateinischen Ausgangsschrift" die 1968 in der DDR eingeführte "Schulausgangsschrift" und in der Bundesrepublik die "Vereinfachte Ausgangsschrift" hinzu, die in den siebziger Jahren der Göttinger Grundschullehrer Heinrich Grünewald entwickelte und erfolgreich lancierte.
Die Befürworter der "Grundschrift", die nun als vierte schulische Normschrift hinzutreten soll, langfristig alle anderen aus dem Feld schlagen will und seit kurzem in Hamburg schon als einzige Schrift gelehrt werden darf, behaupten nun, sie vereinige "die Vorteile von Druck- und Schreibschrift". Das klingt nicht nur nach Quadratur des Kreises, es wäre auch eine.
Denn der Kern der Druckschrift ist das unverbundene Nebeneinander der Buchstaben, der Kern einer flüssigen Schreibschrift hingegen die Verbindung der Buchstaben. Die "Grundschrift" ist denn auch keine Synthese aus beidem, vielmehr besteht ihr Konzept darin, die Schreibschrift nur noch als Variante der Druckschrift aufzufassen und ihre Ausgestaltung den Schülern weitgehend selbst zu überlassen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Grundschulen in Hamburg Schreiben wie gedruckt 30.06.2011
- Was guten Schulunterricht auszeichnet Auf die Lehrer kommt es an 21.12.2011
- Hort oder Mittagsbetreuung Im Westen fehlen Ganztagsschulen 19.12.2011
- Naturwissenschaften an evangelikalen Schulen Wenn die Bibel zum Gesetz wird 19.12.2011
- Mobbing in der Schule Raus aus der Opferrolle 15.12.2011
- Sprachunterricht an Europas Schulen Deutsch wird immer unbeliebter 14.12.2011
- Schulen in Bayern Viele Wege sollen zum Abitur führen 13.12.2011
Wettmanipulation im Fußball
Schon dreijährige Kinder nennen es „Schreiben“, wenn sie erste Spuren mit dem Stift auf weißem Papier oder anderem Werkzeug im Sand hinterlassen:
„Formenzeichnen“ gilt als Urform menschlichen Ausdrucks in allen Kulturen der Welt. Der Schreibfluss ist Produkt des Zusammenspiels körperlicher und geistiger Bewegung.
Es handelt sich entweder um eine Verwirrung oder echte Hybris zu glauben, man könne hier auf eine bisher selbstverständlich gepflegte, kulturelle Fertigkeit verzichten und alle damit verbundenen Aspekte wie Schulung der Wahrnehmung, Feinmotorik, Bewegungskoordination, Konzentrationsfähigkeit und die Verbindung von Motorik und Begreifen als unzumutbare
Disziplinleistungen für Kind und Lehrer zu streichen.
Schon seit längerem hat die bekannte Pädagogin Ute Andresen vor diesem Kulturverrat gewarnt. Das 2006 erschienene Buch der Kunstpädagogin Marielle Seitz „Vom Formenzeichnen zum Schreibenlernen“ veranschaulicht in eindrücklicher Weise die Komplexität des Themas.
Sogenannte Experten hingehen drehen inzwischen in aller Ruhe an den Grundfesten kultureller Traditionen, streichen ersatzlos Teile der Elementarbildung und beugen sich aalglatt den Rationalisierungsvorstellungen der Medienindustrie.
Ausgerechnet Pädagogen und damit Vertreter der Bildungseliten vergehen sich an unseren Bildungsgrundlagen mit solchen Vorhaben, die sie eifrig wieder als Reform verkaufen wollen:
Gut, dass solche „Fachleute“ immerhin in der Lage sind, die damit vorprogrammierten Defizite, wenigstens die ihrer eigenen Kinder, über einen monatlichen Wechsel für deren Besuch z.B. an einer Waldorf Schule kompensieren zu können.
In der anthroposophischen Pädagogik nämlich hat das Formenzeichnen immer noch einen elementaren Platz im Lehrprogramm der ersten Schuljahre und wird mit Begeisterung von den Kindern praktiziert.
Erst machen sie die Rechtschreibung durch eine "Reform" kaputt, dann noch die Schrift. Was steht sonst noch an?
Vielen kommt es mehr darauf an Ihre Ideologie durch zu setzen, statt zu fragen was für die Schüler und die Gesellschaft das Beste ist. Schade!
"und hoppla - zumindest bei meinen Erfahrungen über die letzten 20 Jahre - die Schrift sieht ganz gut aus, hat durchaus Charakter, ist zu lesen - wohl eher Grundschrift... und die Amerikaner können schnell auf diese Art schreiben.... "
Wenn mir eines aufgefallen ist, dann dass *alle* Amerikaner, die ich kenne, über eine beinahe identische Handschrift verfügen. Niemand, wirklich *niemand* sticht hier im Land der grossen Individualisten durch eine charakteristische Handschrift hervor.
Sowas kommt von sowas.
Müssen derlei Diskussionen eigentlich immer so stark ideologisch geprägt sein? Oder anders herum: Ist es ganz und gar unmöglich ein für allemal zu ergründen welche Schriftform welche Vorteile bietet? Z.B. die Schreibgeschwindigkeit sollte sich doch sehr leicht messen lassen. Ebenso wäre "Lesbarkeit" ein durchaus kategorisierbares Kriterium.
Warum gibt es so wenig belastbares Forschungsmaterial in dieser Richtung? Warum sollen wir anhand von Behauptungen glauben dass diese Schrift besser sei als jene? Oder gibt es dazu Studien die nicht Eingang in diesen Artikel gefunden haben?
Paging