Gedächtnistraining "Hirnjogging am Computer kann man sich sparen"

Gehirnjogging ist zum Trendsport avanciert. Doch der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke hält Gedächtnisübungen für überflüssig. Welche Tipps er für die geistige Fitness gibt.

Von Felicitas Witte

Das Gehirn fasziniert Lutz Jäncke schon seit seinem Studium der Psychologie und Neurophysiologie. Der gebürtige Wuppertaler leitet den Lehrstuhl für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Er forscht vor allem über die Plastizität des Gehirns, also die Eigenschaft der Nervenzellen, sich zeitlebens umzuformen und anzupassen. Früher dachte man, das sei nur während der Entwicklung im Mutterleib möglich. Mit speziellen Aufnahmen des Gehirns untersucht Jäncke zum Beispiel, wie sich das Nervengewebe bei Musikern verändert. Bei dieser Berufsgruppe lässt sich ideal zeigen, wie lebenslanges Training zu anatomischen Veränderungen führt. Jäncke erklärt, warum Hirnjogging hingegen nicht den Effekt hat, den sich viele davon versprechen.

SZ: Kann man sein Gehirn wie einen Muskel trainieren?

Lutz Jäncke: Alles, was wir intensiv üben, hinterlässt Spuren im Gehirn: Nervenzellen, die Verbindungen zwischen den Zellen oder ganze Hirnareale verändern sich dabei. Das ist so, als würde sich die Hardware eines Computers an den Benutzer anpassen. Studien zeigen, dass man mit Übungen seine Hirnleistung wirklich verbessern kann. So konnten Forscher von der Universität Michigan zeigen, dass ein Video-Training die Gedächtnisleistung bei Kindern verbesserte. Die Frage ist nur, ob das auch zu Transfereffekten führt.

Was sind Transfereffekte?

Das bedeutet, dass auch andere als die trainierten Funktionen verbessert werden. Wir unterscheiden zwischen nahem und fernem Transfer. Bei einem nahen Transfer würde Hirntraining lediglich die Funktion verbessern, die den trainierten sehr ähnlich sind. Ein Musiker lernt zum Beispiel nicht nur Töne und Melodien zu unterscheiden, sondern später auch gesprochene Vokale oder Laute. Bei einem Ferntransfer werden Funktionen beeinflusst, die wenig mit der trainierten gemeinsam haben. Würde ein Musiker erst lernen, Töne besser wahrzunehmen, und später würde sich bei ihm das Gedächtnis verbessern, wäre das ein Ferntransfer.

Kann Gehirnjogging solche Transfers bewirken?

In einigen Studien funktionierte der Nahtransfer: In einer unserer Untersuchungen sollten Probanden mit Computer-Hirntraining verschiedene Gedächtnistests machen - sich Zahlenfolgen merken, in welchem Stockwerk eines imaginären Hochhauses berühmte Personen leben oder Figuren zuordnen. Nach dem Training konnten sich die Probanden nicht nur Zahlen besser merken, sondern auch Wörter, weil diese Hirnleistungen ähnlich sind.

Und wie sieht es mit dem Ferntransfer aus, also dass man mit Gehirntraining seine Denkleistung generell verbessern könnte?

Das scheint nicht zu funktionieren. Wissenschaftler aus Cleveland und Malaysia ließen 93 Studenten Gedächtnistests mit dem Computer machen. Sie wurden zwar bei den Tests besser, aber ihre Intelligenz oder andere Hirnleistungen steigerte das nicht. Auch eine Studie aus Großbritannien mit 11.430 Teilnehmern zeigte, dass man mit Computer-Hirntrainings zwar einzelne Hirnleistungen verbessern kann, wie etwa das räumliche Orientierungsvermögen, oder sich Wörter zu merken. Aber nicht einmal der Nahtransfer klappte: Die Leistungen, die von den Probanden nicht trainiert wurden, verbesserten sich nicht. Der Ferntransfer funktionierte auch nicht, denn das generelle Denkvermögen besserte sich nicht. Ähnliches haben wir und andere Forschergruppen festgestellt.

Warum ist Gehirnjogging dann trotzdem inzwischen zu einer Art Trendsport geworden?

Wer spürt nicht den Wunsch, seine Denkleistung zu verbessern oder den geistigen Verfall im Alter aufzuhalten? Deshalb suchen vermutlich viele Menschen verzweifelt nach Möglichkeiten, den Abbau ihrer grauen Zellen aufzuhalten.

Was halten Sie von Hirntraining-Programmen am Computer?

Viel besser wäre es, etwas zu üben, das man dann auch im Alltag anwenden kann: Musizieren, eine Sprache lernen oder einen Literaturklub gründen. Wenn man sich nach einem Gehirnjogging irgendwelche Zahlen oder unsinnige Zeichen besser merken kann, finde ich das ziemlich nutzlos. Bei Patienten mit Hirnstörungen, etwa nach einem Schlaganfall, kann Hirnjogging aber wertvolle Dienste leisten: Es kann ihnen helfen, die Hirnfunktion langsam wieder zu verbessern. Auch bei Menschen, die sich viele Jahre lang nicht geistig betätigt haben, kann das ein Einstieg sein.

Was hilft wirklich, damit man bis ins hohe Alter geistig fit bleibt?

Bewiesen sind körperliche Bewegung, soziale Kontakte und geistiges Training. Letzteres bedeutet dabei nicht einförmige Übungen am Computer, sondern geistigen Input verschiedener Art: anspruchsvolle Kreuzworträtsel lösen, Sachbücher lesen, Schach lernen oder einen Tanzkurs machen. Wichtig ist außerdem, dass man Krankheiten konsequent behandelt, die die Hirndurchblutung stören können wie Bluthochdruck. Die Zeit für Hirnjogging am Computer kann man sich sparen.

Lutz Jäncke ist Neurowissenschaftler. Für eine frei vorgetragene Vorlesungsreihe erhielt er den mit 10.000 Franken dotierten "Credit Suisse Award for Best Teaching", außerdem mehrere Sympathiepreise der Studierenden für gute Lehre.