Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge überfordern viele Studierende. Hoffnungslosigkeit, Resignation, Schlaf- und Essprobleme machen sich breit.
Ade Magister und Diplom! Willkommen Bachelor und Master! Die Revolution an den Hochschulen hat viele Studentinnen und Studenten verunsichert. Solche, die noch nach den alten Regeln studieren, und solche, die schon in Bachelor- oder Master-Programmen eingeschrieben sind.
Lernen und voran kommen: Fehlentscheidungen seien bei den neuen Studienmodellen nicht vorgesehen, bemängeln Kritiker. Das setze die Studierenden unter Druck. (© Foto: sueddeutsche.de)
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Fragen über Fragen. Kann ich noch in Ruhe meinen Magister zu Ende studieren? Wie funktioniert ein Bachelor-Studium? Wie kann ich das komprimierte Bachelor-Programm mit einem Nebenjob vereinbaren? Wie kann ich in einen weiterführenden Master-Studiengang aufgenommen werden? Was ist mein altes Diplom noch wert? Wie kommt der Bachelor bei Arbeitgebern an?
Es gibt Menschen, die über diese Fragen sogar krank werden. Um sie kümmern sich die Psychosozialen und Psychotherapeutischen Dienste an den Hochschulen. "Erhöhten Beratungsbedarf" stellen die Studentenwerke fest, seit die Reform in Gang gekommen ist. "Die Kommilitonen sind hochgradig verunsichert", sagt Andrea Hoops, stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Studentenwerks, der Dachorganisation der Studentenwerke in Berlin. Die "Erfolgsrezepte", sprich das Erfahrungswissen von Eltern und Lehrern taugten nicht mehr in der schönen neuen Bologna-Welt. "Die haben ja meist das angelsächsische System gar nicht kennen gelernt." Deshalb seien die Studentenwerke mit ihrem Beratungsangebot besonders gefordert.
"Wir wollen aber nicht nur Krisenintervention betreiben", sagt Hoops. Künftig komme es darauf an, die Studenten noch stärker als bisher zu coachen. Und zwar mit zeitgemäßen Angeboten, etwa zu Zeitmanagement, Lerntechniken oder effektiver Gruppenarbeit. Immer häufiger müssen die Studentenwerke auch die Selbstorganisation der Kommilitonen anstoßen. Früher hätten sie sich selbst zusammengeschlossen, sagt der Geschäftsführer des Kölner Studentenwerks, Peter Schink. "Heute gibt es viel mehr Einzelkämpfer, die sich nicht gerne in die Karten schauen lassen."
Dem Psychologen Klaus Krzyszycha vom Berliner Studentenwerk rennen zur Zeit besonders Studenten die Türe ein, die noch einen traditionellen Magister- oder Diplom-Abschluss anstreben und unter großem Zeitdruck stehen. "Die haben nach den alten Regeln angefangen, weil ihnen Bachelor oder Master zu unsicher waren. Jetzt laufen diese Ausbildungsgänge aus. Das setzt viele unter einen wahnsinnigen Leistungsdruck." In sehr knapper Zeit müssen jetzt Referate und Hausarbeiten angefertigt, Scheine erworben werden. Der Stress führe vor allem zu Problemen mit dem Selbstwertgefühl. "Ich bin nicht gut genug, ich schaffe das nicht", lauten die Hilferufe.
Einen noch größeren Ansturm Hilfe suchender Hochschüler erwartet der Berliner Psychologe, wenn die gestuften Programme erst einmal voll etabliert sind. "Man muss von Anfang an funktionieren", sagt Krzyszycha. Die neuen modularen Studiengänge sind viel verdichteter und stärker verschult als die alten Diplom- und Magister-Laufbahnen.
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Verkehrssünderdatei in Flensburg
Ich erlebe derzeit die Bologna-Umstellung bzw. Integrierung an der Uni Bonn, studiere selber Theologie und Philosophie.
Beides sind Geisteswissenschaften, die nicht auf ein wirtschaftlich greifbares Ziel hinauslaufen. Man arbeitet im Anschluss an diese Studiengänge selten als "Philosoph" oder "Theologe". Ziel des Studiums ist es neben den philosophischen und theologischen Inhalten vor allem systematisches Denken zu lernen - und das braucht Zeit. Verschultes Lernen bringt hier den gegenteiligen Effekt, da ich durch Verschulung nicht lerne selber zu denken, sondern den mir vorgesetzten Stoff in der mir vorgesetzten Zeit abarbeiten muss. Ich lerne also mit Stress umzugehen - aber Reifezeit zum Denken-Lernen bleibt nicht! Meine Professoren sind ausnahmslos (!) der Meinung, dass das Bologna-System für die Geistes- und Kunstwissenschaften von Nachteil sein wird - und führen das vor allem auf den Effektivitätsdruck des Bolognasystems zurück.
Für das Studium zum Volkswirt, Informatiker, Betriebswirt etc. hingegen kann das neue System Vorteile bringen (da in diesem Studien bis jetzt eh die gleichen Lernmethoden eingesetzt wurden, sie werden jetzt nur anders strukturiert!).
So long - Bachelor/Master für einige Studiengänge sinnvoll, aber nicht für alle!
Peter Schmidt, Prof. für Volkswirtschaft, Hochschule Bremen (Peter.Schmidt@hs-bremen.de)
Das ist ja schnell eine sehr emotionale Debatte geworden, ich will einmal versuchen, möglichst neutral zu schreiben - aber auch eine Lanze für den Bachelor zu brechen (den wir 2004 eingeführt haben) ohne ihn schönreden zu wollen. Auch ich war im Anfang sehr skeptisch, wir hatten gute Diplomstudiengänge mit internationalen Kooperationen, wo unser Abschluss sehr anerkannt war - und ist. Die Umstellung auf Bachelor war anstrengend, aber insgesamt positiv. Durch die Akkreditierung mussten wir über uns nachdenken: ein Produkt erstellen, das wir den Gutachtern erklären und verkaufen konnten. Wir, das waren neben den Lehrenden und der Verwaltung auch die aktiven Studierenden, die sich in den Prozess teilweise intensiv einbrachten. Viele alte Zöpfe konnten abgeschnitten werden, diverse gute Ideen konnten eingebaut werden. ---
Mit den neuen Bachelor-Studiegängen hatten wir gleichzeitig die Chance, das Studium klarer zu strukturieren, in kleineren Gruppen zielgerichtet zu unterrichten. Wir konnten umstellen von den alten Vorlesungen, die in großen Gruppen unpersönlich im Hörsaal stattfanden auf den jetzigen seminaristischen Unterricht, der in kleinen Gruppen in Seminarräumen stattfindet. Weniger Präsenzlehre, mehr Eigenverantwortung, die studentische Eigenleistung durch angeleitete Vorbereitung, Präsentationen, Übungsaufgaben usw. verlangt mehr - aber auch in kleineren Häppchen, die Studierenden erwerben nicht nur Wissen, sondern auch anderen Kompetenzen; ein Verstecken in der Masse ist weniger möglich. ---
Zum Stellenwert: der Bachelor Abschluss ist nicht nur ein Vordiplom. Es ist ein berufsqualifizierender Abschluss nach teilweise kürzerer Zeit (es gibt auch vierjährige oder dreieinhalbjährige), der europaweit anerkannt sein wird und die alten Abschlüsse ersetzen wird. In England erwirbt man schon immer nach 3 (!) Jahren den B.A. honours, einen vollwertigen Abschluss und nur die wenigsten jungen Menschen schließen direkt einen Master an. Unsere internationale Erfahrung zeigt: Die deutschen Studierenden und Absolventen haben im Ausland einen guten Ruf und erzielen hervorragende Leistungen - das wird das Bachelor/Master System nicht ändern, es ist kein Schreckgespenst oder Ausverkauf. ---
Zum Thema Stress für die jungen Leute: ja, den gibt es, denn es ist alles sehr strukturiert - aber das hat auch Vorteile: Ich erlebe viele Studierende, die es auch genießen, zu wissen was von ihnen erwartet wird. Strukturierter Stress bedeutet ja auch die Chance, ihn zu meistern, den Abschluss in der vorgegebenen Zeit zu erreichen - und auf diese Leistung mit Recht stolz sein zu können. Fraglos: in den bisherigen Diplomstudiengängen war bummeln leichter. Vorab möchte ich sagen, dass die überwiegende Mehrheit der Studierenden auch früher zügig und zielstrebig studiert hat - aber wir hatten auch die Menschen im 14. oder 22. Semester. Die ausstiegen aus dem Studium, ein paar Jahre immatrikuliert blieben, dann wieder auftauchten und darauf pochten, nach den Regeln abzuschließen, die bei ihrem Studienbeginn galten. Denen haben wir jetzt Termine gesetzt. Sie hatten zwei Jahre Zeit, das Vordiplom zu beenden (also nach 7 statt 3 Semestern) und haben jetzt noch drei Jahre für die Diplomprüfungen - wenn das Stress ist, dann kann ich dazu stehen. Wir unterstützen junge Menschen auf ihrem Bildungsweg so gut wir können, aber ich sage ihnen auch, dass sie sich bitte klar entscheiden sollen: entweder sich aufs Studium voll einlassen oder eben nicht.
Ich studiere auf Magister an der Uni Hamburg und muss sagen, dass ich froh bin, nicht in das neue System zu fallen. Denn wie das geisteswissenschaftliche Studium in Hamburg abläuft, mit ausfallenden Kursen, überfüllten Seminaren, greisen "Kontaktstudenten" die sich sowohl in Seminaren als auch in den Vorlesungen die Sitzplätze unter den Nagel reissen, kaputten Fahrstühlen, kaputten Overheadprojektoren, mangelnder Kreide, einem versagenden Studierendennetzwerk -Stine- (mit dem die BA Studenten sich anmelden MÜSSEN, selbst wenn die Software kläglich versagt), Willkür gegenüber den wirklich Angemeldeten, ist es wirklich die Quadratur des Kreises alle Anforderungen in der knappen Zeit zu bewältigen, da es auch nicht möglich ist, die Haupt und Nebenfächer vernünftig zu koordinieren, weil überspitzt gesagt alle Kurse Dienstag oder Donnerstag von 14-16 Uhr stattfinden. Von anderen großen Universtitäten Deutschlands hört man nichts anderes.
dass man ihnen alles nachmachen muss. Mich ärgern schon die wieder einmal ohne Überlegung übernommenen Begriffe Bachelor (Junggeselle?) und Master (Meister, bedeutet in Deutschland etwas ganz anderes). Warum ist in letzter Zeit das gesamte hiesige Bildungssystem schlechtgeredet worden? Wem nützt eine Abitur nach 12 Schuljahren, wenn dabei die meisten Schüler schon rein zeitlich hoffnungslos überfordert werden? Ich kenne Jugendliche, bei denen ich noch vor ein paar Jahren keine Zweifel hatte, daß sie das Abitur locker schaffen, die heute ernsthaft über einen Abbruch der Schule und eine Lehrstellensuche nachdenken. Wer in der 11. Klasse einen Notenschnitt von besser als 2,5 hatte der sollte doch wohl mit Klasse 12 und dort auch noch 13 zurechtkommen.
Ähnliche Unsicherheiten stelle ich bei meinen meist studentischen Mitfahrerern auf der Strecke nach Berlin und zurück fest, insbesondere wenn sie diese neuen Abschlüsse anstreben müssen. Wie es auch im Artikel steht, können ältere (wie ich) zu diesem Themenkreis keinerlei Hilfestellung geben. Mein Studium in den 70ern lief eben noch ganz anders, ohne viele Zwänge ab. Ich musste nicht mal ein Vordiplom machen.
Was bringt ein schnelleres Abitur und ein kürzeres Studium? Ich denke mal längere Arbeitslosigkeit nach dem Studium, weil die Absolventen den Firmen dann einfach noch zu jung und unreif sind. Lebenserfahrung kann man nicht komprimieren, die kommt nach wie vor einfach nur mit der Zeit.
Hallo. Ihr lieben Leute. Ich vermute einfachmal, dass der Großteil der Beschwerden gegenüber Bachelor und Master aus der Riege der Geisteswissenschaftler kommt. Denn mir ist dieses "Gejammer" bisher noch gar nicht aufgefallen. Ich studiere an der TUM jetzt im ersten Semester den Bachelor of Science in Engeneering Physics. Jedem bei uns ist 100% klar, dass der Bachelor ungefähr dem Vordiplom gleichzusetzen ist, jedem von uns ist klar, dass nach dem Bachelor nur noch jeder 2. da sein wird, weil der Rest das Studium nicht schafft, den Master werden wohl noch weniger schaffen.
Uns ist ebenfalls klar, dass dieser spezielle Studiengang nicht der vollwertige DiplomPhysik Ersatz ist. Denn wir haben weniger Theorie-Vorlesungen, eine höhere Praxisorientierung und lernen Englisch sowie Teile BWL. Wir werden also nicht für die Grundlagenforschung ausgebildet, sondern, um unser starkes physikalischen Grundwissen in anderen Bereichen der Wissenschaft und Wirtschaft einzubringen.
Es wird wohl im nächsten Jahr den "wahren" Bachelor in Physics bzw Master in Physics an der TU geben. Die Profs sagen, dass die Umstellung reine Formalität ist, da sich an den Stundenplänen nur wenig ändert und schlichtweg der Austausch mit internationalen Unis erleichtert wird. Anzustrebender Abschluss ist der MASTER. Der Bachelor ist, was die Ausbildung angeht, ungefähr auf dem Stand des Vor-Diploms, also nur formal berufsqualifizierend. Das hat aber eigentlich jeder vorher gewusst.
In der Informatik gibt es Bachelor/Master übrigens schon lange und so schlecht scheint es nicht zu laufen. Die Studenten leiden zumindest nicht an Massendepression...
Ich vermute mal, dass diese Umstellung die naturwissenschaftlichen Studiengänge auch weniger hart trifft, als die geisteswissenschaftlichen. Denn, dass man sich nicht mehr hängen lassen darf und sich ordentlich anstrengen muss, um nicht nach 2 Semestern überfordert zu sein, war bei den Naturwissenschaften wohl schon (fast) immer so. Die naturwissenschaftlichen Studiengänge waren wahrscheinlich auch schon immer etwas strikter organisiert, als in anderen Fachbereichen. Ebenfalls verläuft zum Beispiel in Physik/Mathe/Informatik die Lernkurve von sehr aufwändig nach weniger aufwändig im Laufe des Studiums ab. In geisteswissenschaftlichen Fächern ist das wohl genau andersrum. Und eben diese haben nun Probleme, weil sie sich einen anderen Arbeitsstil angewöhnen müssen, um schneller und effektiver Inhalte zu vermitteln.
Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Einschätzung richtig liege, aber ich kann es mir nur so erklären. Bloß nicht falsch verstehen, ich glaube nicht, dass geisteswissenschaftliche Studiengänge humbuk sind, ganz im Gegenteil, aber sie verlangen deutlich weniger Disziplin am Anfang und das halte ich für unnötig. Schließlich sollte man von Studenten doch erwarten können, mit dem nötigen Ernst an die Sache zu gehen.
Lange Rede kurzer Sinn: Ich glaube die Umstellung macht Sinn. Denn international vergleichbar und flexibel zu sein, ist immer ein Vorteil. Qualitativ glaube ich wird sich nichts ändern. Vielleicht wird es schwerer. Aber dann muss man eben mehr lernen. Das Leben ist kein Ponnyhof.
Hinweise auf die globale Welterwärmung und massenhafte Depression halte ich für unangebracht.
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