Debatte um "Null-Euro-Jobber" Knallhartes Leistungsprinzip

Bei aller Betonung der Selbständigkeit: ihre Einnahmen müssen die jungen Einpackhilfen am Abend jedes Arbeitstages offenlegen. "Um sie vor sich selbst zu schützen", wie Lettenmeier sagt. Schließlich dürfe niemand so viel verdienen, dass er dadurch sozialversicherungspflichtig würde. In diesem Punkt sei das rechtliche Betriebsgeheimnis jedes Einzelnen "in gegenseitigem Einvernehmen" aufgehoben.

Tristesse globale

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Offene Rangliste im Internet

Die Rangliste der Trinkgelder ist allen Mitarbeitern im Internet zugänglich. "Jugendliche wollen Wettbewerb", sagt Lettenmeier. Jeder sieht, wo er steht. Wer viel Trinkgeld bekommt, wird bei der Schichtvergabe für den kommenden Monat bevorzugt. Diejenigen, die schlechter abschneiden, werden zusätzlich bestraft, sie müssen die Schichten übernehmen, die übrig bleiben.

Ein Unding, wie Verdi-Vertreter Schultz findet: "Gleiche Arbeit muss mit gleichem Lohn bezahlt werden. Bei "Friendly Service" wird der Verdienst zur Glücksache."

Über solche Kritik schüttelt Geschäftsführer Lettenmeier resigniert den Kopf. "Die Leute verstehen mein System einfach nicht. Die Schüler arbeiten selbständig, sie sind nicht meine Angestellten. Wer besser arbeitet, verdient auch mehr." Rechtlich sei das alles abgesichert. Lettenmeiers Leistungsprinzip ist rigoros: Wer einmal zu spät kommt, rückt in der Rangliste automatisch nach unten, wer dem Dienst unentschuldigt fernbleibt, wird gefeuert. Im Gegenzug bietet der Chef aber auch ein kostenloses Coaching für diejenigen an, die sich verbessern wollen. Freundlichkeit und Offenheit lassen sich trainieren - im Zweifelsfall durch die Aussicht auf mehr Geld.

Keine Zweiklassengesellschaft unter den Kunden

Dass auf Grund der Trinkgeldregelung eine Zweiklassengesellschaft unter den Kunden entstehe - diejenigen, die zahlen und freundlich behandelt werden, und diejenigen, die es sich nicht leisten können Trinkgeld zu geben und deshalb von den Einpackhilfen ignoriert werden - bestreitet Melanie Baumgartner. Die Schülerin ist seit zwei Jahren Servicekraft im Edeka-Markt Unterföhring bei München. "Wir sind zu allen freundlich, wir packen auch für die Leute ein, die nichts geben." Dazu verpflichtet sie auch ihr Vertrag mit "Friendly Service".

Verdi-Vertreter Schultz spricht dennoch von Nötigung. Die Kunden wüssten, dass die Einpackhilfe lediglich Trinkgeld bekämen. Nichts zu geben, provoziere ein schlechtes Gewissen. Melanie Baumgartner widerspricht: "Wir fragen jeden Kunden, ob er möchte, dass wir seine Einkäufe einpacken. Und es gibt immer Kassen, an denen niemand von uns steht. Die Kunden haben also die Wahl."

Der Ruf ist ramponiert

Wie viele der derzeit 400 Einpackhilfen, beteuert sie, wie viel Spaß ihr der Job mache und wie gut sie dabei verdiene. Trotz aller Verteidigungstiraden der jugendlichen Einpacker - der Ruf von "Friendly Service" ist erst einmal ramponiert, die Supermärkte wurden infolge der medialen Aufmerksamkeit unsicher. Aufgrund des Artikels von Impulse kündigten die Hamburger Drogeriemarktkette Budnikowsky sowie zahlreiche Edeka-Filialen Lettenmeiers Dienste.

Einzig Edeka-Südbayern zaudert noch - die Supermarktkette will den Vertrag mit "Friendly Service" in der kommenden Woche prüfen. "Egal wie das ausgeht, 'Friendly Service' wird es in dieser Form wohl nicht mehr lange geben", sagt Lettenmeier. Die Schuld gibt er einem Wort: "Das Schlagwort Null-Euro-Jobber. Mich hat es erschlagen."