Branchenreport Die Alleskönner

Digitalisierung und Industrie 4.0 wirbeln die Unternehmensberatungen auf. Strategie-Consultants gründen "Digital Labs", Technologieberater weisen den Pfad in die Zukunft.

Von Christine Demmer

Wenn das kein Zeichen ist. Zum ersten Mal präsentierte der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) die neuesten Branchendaten nicht vor vollbesetzten Stuhlreihen, sondern in einer Internetkonferenz. Alles ruft nach digitalen Anwendungen am Rechner und auf dem Smartphone: der Endkunde, weil er sich mehr Komfort und die Wirtschaft, weil sie sich geringere Kosten verspricht. Tatsächlich ist die Informationstechnologie (IT) im Begriff, die produzierende Industrie als Treiber des technischen Fortschritts abzulösen. Vielerorts wird unter dem Schlagwort Industrie 4.0 geplant, getüftelt, ausprobiert. "Die digitale Vernetzung verändert Unternehmen grundlegend", sagt BDU-Präsident Hans-Werner Wurzel. "Für uns Consultants entwickelt sich das Thema mehr und mehr zu einem Umsatztreiber."

Digitalisierung, Industrie 4.0 und die sogenannten Smart Services rund um das internetfähige Mobiltelefon haben eine fieberhafte Suche nach neuen Geschäftsmodellen in Gang gesetzt. "Die Kunden fragen uns, wie sie sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung strategisch aufstellen sollen", sagt Benjamin Grosch, Managing Director bei der Boston Consulting Group (BCG). Die Antworten sollen von der neuen Tochtergesellschaft BCG Digital Ventures in Berlin kommen. "Dort entwickeln wir Ideen und Geschäftsmodelle und bauen das neue Geschäftsfeld prototypisch auf." Ein Start-up für Start-ups also. Bei der IT-Entwicklung sind die Systemarchitekten der BCG-Tochter Platinion am Zuge. Überhaupt sprechen die Strategieberater heute viel über Technik. "Wir gehen von unserer Kernkompetenz Strategie aus", so Grosch, "und verlängern das ein Stück weit in andere Teile der Wertschöpfungskette."

Ein ähnliches Projekt hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte im vergangenen Herbst auf den Weg gebracht. In der neuen Deloitte Digital GmbH sollen digitale Geschäftsmodelle entwickelt und anschließend ins Unternehmen integriert oder eigenständig weitergeführt werden. Auch McKinsey & Co. marschiert auf die Technik zu. In Berlin wurde im Januar das erste "Digital Lab" in Deutschland gegründet - nicht als Tochtergesellschaft, sondern als integriertes Kompetenzzentrum. Neun solche Digital Labs sind schon über die Welt verteilt.

Den Unternehmensberatungen geht es so gut wie noch nie. Ihre Kunden fragen sich, wie sie sich in Zeiten der Digitalisierung neu aufstellen müssen.

(Foto: Caro/Oberhaeuser)

In derselben Richtung unterwegs ist die Managementberatung Oliver Wyman. "Wenn wir verstehen, was der Kunde will und wie wir nachhaltig eine Wertsteigerung herbeiführen können, dann steigen wir in die Daten ein und geben konkrete Empfehlungen", sagt Sirko Siemssen, Chef der Oliver Wyman Labs im deutschsprachigen Raum. "Und wenn er dazu eine Softwareanwendung braucht, dann machen wir das." Den ausgewiesenen Technologieberatern spielt der Hype um die Digitalisierung in die Hände. "Für uns sind das Goldgräberzeiten", sagt Walter Hagemeier von der Beratungsfirma Accenture in Kronberg. Sorgen über neue Konkurrenz aus der Strategieecke mache er sich nicht, sagt er. "Natürlich müssen klassische Managementberatungen ihre Wertschöpfungskette verlängern, allein schon, um zu verstehen, was die Technologie für die Geschäftsmodelle von morgen bedeutet."

Die Wertschöpfungskette von Accenture indes sei viel breiter, weil das Unternehmen für seine Kunden auch Daten verarbeite. "Wir sind schon dort, wo die Strategieberater erst hinwollen", sagt Hagemeier, "wir sind die Pfadfinder, die den Weg durch die Komplexität weisen." Vor einem Jahr haben sich die Berater umbenannt: Aus Accenture Management Consulting wurde Accenture Strategy. "Wir haben die Technologiekompetenz in unsere Managementkompetenz integriert", sagt Hagemeier. Man kann es auch so ausdrücken: Die Technologieberater bewegen sich auf die Strategieberatung zu.

Der BDU erwartet, dass die Zahl der Unternehmensberatungen mit eigenen Digital Labs steigen und dass für technologieorientierte Projekte verstärkt unternehmensübergreifende Kooperationen gebildet werden. "Insbesondere die größeren Beratungsgesellschaften treiben die Spezialisierung funktionaler und branchenorientierter Spezialisten voran", sagt BDU-Präsident Wurzel. "Die Kunden erwarten, dass ihre Berater mit konkreten Ideen hineingehen und beweisen, dass sie funktionieren. Die Digitalisierung drängt die Projekte immer stärker in eine Richtung."

Auf Rekordhöhe

2014 war das beste Jahr in der Geschichte der deutschen Unternehmensberatung. Der Branchenumsatz stieg laut Angaben des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater um 6,4 Prozent auf 25,2 Milliarden Euro und soll im laufenden Jahr um weitere 7,4 Prozent steigen. Für den Auftragsboom sorgten vor allem der Fahrzeugbau, Kreditinstitute, die öffentliche Verwaltung, die Chemie- und Pharma-Branche. Thema Nummer eins ist die Digitalisierung. In vielen Branchen werden die alten Geschäftsmodelle durch das Internet und politische Entscheidungen wie die Energiewende infrage gestellt. Nach Angaben des Fachverbands Personalberatung im BDU ist deshalb auch die Nachfrage nach Fach- und Führungskräften, die sich mit IT-Technik auskennen, sehr hoch und wird sich noch verstärken. cde

Das Digital Lab von Capgemini Consulting, eines von weltweit 24, sitzt in München. Dort denken 40 Managementberater und 120 Soft- und Hardwarespezialisten darüber nach, wie man Technologie in profitable Geschäftsmodelle gießen kann. "Für uns ist das Lab eine Plattform, um den Mehrwert von innovativer Technologie aufzuzeigen und gleichzeitig für den Kunden erlebbar zu machen", sagt Lab-Leiter Volkmar Varnhagen. "Unsere Kunden gehen dort mit unseren Experten auf eine Reise in künftige Märkte, erproben neue Geschäftsmodelle und bekommen anhand von Prototypen einen ersten Eindruck von der Anwendung neuer Technologien." Auch Industrie 4.0 sei ein wichtiges Thema. Varnhagen ist optimistisch: "Da stehen wir vor dem Durchbruch."

Mittelgroße Beratungsfirmen, die sich auf die Digitalisierung der Maschinenwelt spezialisiert haben, beobachten die Neuaufstellung der Branchen-Schwergewichte mit gespanntem Interesse. "Die Technologieberater wollen natürlich in die Entwicklung neuer Geschäftsfelder hinein, um ihr Angebot zu komplettieren", sagt Hans-Georg Scheibe, Vorstand der ROI Management Consulting in München. Weil die Zukunft IT-getrieben ist, sei es auch sinnvoll, dort zu investieren und die Gründung von Digital Labs keine Überraschung. "Uns macht das keine Sorgen", sagt Scheibe. "Wir erarbeiten in unseren Projekten genügend Know-how." Wie es auch alle Unternehmensberater täten. "Es ist Teil des Geschäftsmodells, den Mehrwert zu verkaufen, dass man bei anderen Kunden gearbeitet hat."