Der Bildungsstreik verdient das Prädikat "pädagogisch wertvoll", denn heute wird jeder Atemzug eines Studenten geprüft und benotet. Statt Substanz zählt Tempo.
Wenn Schüler und Studenten auf die Straße ziehen und für bessere Schulen und Universitäten kämpfen, ist "Bildungsstreik" eigentlich ein irreführendes Wort dafür. Die Demonstranten wollen sich ja gerade nicht der Bildung verschließen, sie sind keine faulen Schwänzer. Es mag, wie stets bei solchen Protesten, ein paar gedankenlose Mitläufer geben. Aber es wäre unfair, dies der Masse zu unterstellen, nur weil sie ihre Forderungen nicht in differenzierten Essays vorträgt. Die Schüler und Studenten ergehen sich nicht bloß in Aktionismus, sie reflektieren ihre Lage. Sie sind in einer Suchbewegung, ihr Protest ist Ausdruck und Anlass für Lernprozesse. Deshalb verdient der Bildungsstreik sogar das Prädikat "pädagogisch wertvoll".
Bild vergrößern
Schüler und Studenten im Streik: Es gibt gute Gründe für ihren Protest. (© Foto: ddp)
Anzeige
Wer Schule und Studium schon eine Weile hinter sich hat, neigt vielleicht dazu, die Aktionen der Jüngeren zu belächeln. Man hat schon viele Demos kommen und enden sehen. Die Parolen bleiben meist die gleichen: Bildung für alle, mehr Lehrer, keine Elite, keine Studiengebühren, weniger Notendruck. Aber jede Generation muss ihre eigenen Erfahrungen sammeln, und es gibt gute Gründe für den Protest: Den Schulen steht ein drastischer Lehrermangel bevor, die Universitäten sind überlastet wie eh und je. Bei der Studienreform läuft es nicht rund, im verkürzten Gymnasium und den neuen Bachelor-Studiengängen fühlen sich viele Schüler und Studenten bevormundet und zu einem wenig nachhaltigen Schnellstudium gezwungen.
Von der Idee der Universität bleibt wenig übrig
Man darf zwar die Zeiten vor den Reformen nicht idealisieren. Es war ja nicht so, dass alle ihre Freiräume früher wirklich (sinnvoll) genutzt hätten. Aber wenn nun das andere Extrem um sich greift und fast jeder Atemzug eines Studenten geprüft und benotet wird, bleibt von der Idee der Universität wenig übrig. Statt Substanz zählt allein Tempo: Weil der Bachelor in Deutschland meist schon nach drei Jahren vergeben wird, haben die Studenten nun sogar eine kürzere Schul- und Studienzeit als in den USA.
"Adornos Dialektik verträgt nicht diese Hektik", haben Studenten in Berlin auf ein Transparent geschrieben. Wer glaubt, solche Sprüche könnten nur Spontis bringen, irrt. Vor kurzem hielt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers vor Hochschulrektoren eine Rede, in der er Adornos "Theorie der Halbbildung" zitierte und davor warnte, die Bildung auf das Nützliche zu verengen. Wer Bildung allein ökonomischen Zwängen unterwerfe, erzeuge Halbbildung oder Unbildung.
Erstaunliche Leistung in Zeiten der Finanzkrise
Es ist also schon so weit gekommen, dass man die Worte eines CDU-Politikers auf einer Studentendemo aufsagen und dafür großen Beifall erwarten könnte. Rhetorisch geben sich viele Politiker mittlerweile durchaus Mühe; die Bildungsdebatten der vergangenen Jahre sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Umso enttäuschter reagieren Schüler und Studenten, wenn dennoch nichts geschieht, was ihre Lage verbessert.
Ganz fair sind die Demonstranten in ihrem Urteil allerdings auch nicht: Die 18 Milliarden Euro für die Wissenschaft, die Bund und Länder vor kurzem beschlossen haben, sind immerhin eine erstaunliche Leistung in den Zeiten der Finanzkrise. Es stimmt zwar, dass ein Großteil des Geldes in die Forschung und den quantitativen Ausbau der Unis fließt, statt mehr für eine bessere Lehre zu tun. Aber ohne diese Investitionen hätten viele Schüler nicht einmal Aussicht auf einen Studienplatz.
Auf der nächsten Seite: Welche Verteilungskämpfe innerhalb des Bildungssystems ausgefochten werden - und die Studenten alles andere als radikal sind.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Demonstration für bessere Bildung Studenten im Streik 15.06.2009
- Bundesweiter Bildungsstreik Elite und Unterschicht 17.06.2009
- Interaktive Grafik Wie viel gibt Deutschland für Bildung aus? 05.05.2009
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- Bologna-Konferenz Randale während der "Schavan-Show" 17.05.2010
- Schulmanagement Ein Assessment-Center für Schulleiter 17.05.2010
- Teures Studium Es gibt nichts geschenkt 13.05.2010
Ich hoffe, der Nachwuchs kanalisiert seinen Frust in nackte Wut gegen soviel Bildungsfehlplanungen.
Natürlich wird jede Bildungsoffensive torpediert, weil intelligente Bürger ja doch nur Skepsis verbreiten und damit das ganze Volk anstecken. So sieht es jedenfalls die Elite und deshalb wird Bildung vernachlässigt.
war schon seit Ausrufung der Globalisierung ökonomisch ausgerichtet!
Warum in Bildung investieren, wenn nach den Plänen der Globalisierungs-Ritter eh nur eine wachsende Zahl von Anlernlingen ausreicht(e), um die Profite zu erwirtschaften?
Spezielle Ausbildungen? Nee, der Anlernling hat flexibel zu sein!
Und für den Elite-Nachwuchs sorgt schon die "Elite"! Sprich: Festhalten an einem überholten Schulsystem, dessen Wurzeln noch bis in das reine Untertanentum der Deutschen zurück reicht!
Warum der entlarvende Begriff "Human-Kapital" in Diskussionen vermieden wird, verwundert mich in diesen Zusammenhängen immer mehr...
Da bleibt mir glatt nur ein Sponti-Spruch: Wer heut nicht auf die Straße geht, hat morgen nur das Stoßgebet...
Mitnichten.
Finanzkrise und zwänglerische Bildungsreform sind Produkt ein und der selben Ideologie der Durch-Liberalisierung der gesamten Gesellschaft. Es darf heute nichts mehr geben, was nicht sehr unmittelbar den Kapitalinteressen nutzt.
Seit Jahrzehnten streut die Bertelsmann Stiftung ihre kapitaldienliche Propaganda und seit ein paar Jahren hilft die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, um Vieles unverholener, nach Kräften mit.
Und was haben wir davon?
Wir sind Exportweltmeister und unsere Staatskassen sind leer. Die großen Firmen fahren Milliardengewinne ein und die Mittelklasse dünnt aus. Prekäre Lebensverhältnisse werden von Monat zu Monat normaler. Selbst die 400-Euro-Jobber werden von ihren Arbeitgebern noch zusätzlich um Arbeitsstunden betrogen. Bildung findet nur noch im Hinblick auf Wirtschaft und Industrie statt.
Die Gesellschaft wird Schritt für Schritt den Erfordernissen des Marktes angepasst und wie es dem Finanzmarkt ergangen ist, wird es auch der ökonomisierten Gesellschaft ergehen: Sie wird crashen.
Manche tun sich ja wirklich schwer. das System Kapitalismus zu begreifen. Dabei ist es doch garnicht schwer, man weiß es aber glaubt es nicht. Da sind die Bürger, verdienen global gesehen zu viel und müssen 54 % ihres Einkommens an den Staat abführen. Zusätzlich werden Mittelständische Unternehmen geschröpft, mit Bürokratie und Überprüfungen platt gemacht, wen interessiert das. Dann die Großunternehmen. Haben Politiker in den Aufsichtsräten oder als Berater und beraten und schmieren die Politik von sich aus. Korruption mit Politikern ist in Deutschland nicht strafbar. Mitarbeiter von großunternehmen versorgen mit Ihrer Arbeit zunächst das Management, dann Investoren, Banken und andere Geldgeber. Dann kommen Mieten, können ruhig überhöht sein, Abschreibungen, Zinsen, Energiekosten, Wareneinkauf über kleine eigene separate Handelsfirmen, die Gewinne abschöpfen. Dann sind da noch die Mitarbeiter. Die sollen doch bitte froh sein, dass sie einen Arbeitsplatz haben. Mit wie wenig Geld man leben kann hat doch vor kurzem Sarazzin in Berlin verkündet, 3,50 pro Tag reichen. Weil die Firmen also am Personal sparen müssen, werden diese bei möglichen Gelegenheiten entlassen und dann später, wenn es sich nicht vermeiden läßt über Zeitarbeitsfirmen als Sklaven wieder beschäftigt. Für 3,00 wenn es mal sein muß auch für 7,00 oder 12,00 . Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld sind Requisiten aus der Vergangenheit. Die Rente auch bald. Für 3,50 pro Tag kann man gesund essen. Eine Gemüsebrühe aus Blättern und Halmen kostet nichts, eine Bratwurst aus dem Supermarkt für einen Euro, 2 Brötchen vom Vortag zum halben Preis, eine Tomate, Radieschen, Mineralwasser von Lidl, da bleibt noch was über für eine Scheibe Wurst. Das sit global nach Art von Merkel, Mindestlohn ist mit ihr nicht zu machen und dafür wird sie ja auch gewählt. Kein grund sich dann zu beschweren.
Paging