Beruf des Politikers "Idealisten sind sehr schnell frustriert"

Jungpolitiker machten die Erfahrung, dass sie sich in einem "Kampffeld" befinden, sagt Soziologe Vincenz Leuschner. Ob SPD-Politiker Sigmar Gabriel des Kämpfens an diesem Tag müde war? 

(Foto: dpa)

Was macht die Politik aus Menschen? Das hat der Soziologe Vincenz Leuschner Bundestagsabgeordnete aller Parteien gefragt. Ein Gespräch über enttäuschte Erwartungen - und die Erkenntnis, dass man ohne Taktieren nicht weiterkommt.

Von Barbara Hordych

Der Soziologe Vincenz Leuschner schrieb über "Politische Freundschaften". Dafür befragte er Bundestagsabgeordnete unterschiedlicher Parteien zu ihren Erfahrungen im politischen Alltag.

SZ: Was passiert bei dem Sprung zum hauptberuflichen Politiker?

Vincenz Leuschner: Mit dem Eintritt in das Feld der hauptamtlichen Politik durchläuft der Nachwuchspolitiker, egal in welcher Partei er ist, eine Art Verwandlungsprozess. Es gibt Persönlichkeiten, die damit besser, und solche, die damit schlechter klarkommen.

Worin besteht dieser Prozess?

Zunächst einmal konnte ich bei meinen Interviews insbesondere mit jungen Bundestagsabgeordneten feststellen, dass eigentlich alle mit idealistischen Motiven starten, die Laufbahn nicht aus karriereorientierten Gründen wählen. Sie wollen etwas bewirken, sich für eine Entwicklung zum Guten einsetzen. Egal, ob sie nun von den Jusos, der Jungen Union oder einer anderen Partei-Nachwuchsorganisation kommen. Dann machen sie die Erfahrung, sich in einem "Kampffeld" zu befinden.

Was erleben sie dort?

Ich habe eine junge Abgeordnete interviewt, die mir erzählte, dass sie sich voller Begeisterung in einer parteiübergreifenden Kommission für Kinderrechte engagiert hat. In der Arbeitsgruppe sollte ein Antrag erarbeitet werden, und sie hatte das Gefühl, in einem wunderbaren Umfeld zu arbeiten. Entsprechend groß war ihr Erschrecken, als eine Kollegin aus der Gruppe, die einer anderen Fraktion angehörte, plötzlich die gemeinsame Arbeit als Antrag ihrer eigenen Partei in einer Sitzung einbrachte und so an die Presse weitergab.

Wie ging Ihre Interviewpartnerin, wie gehen Nachwuchspolitiker überhaupt mit solchen Erfahrungen um?

Sie reagieren auf zweierlei Arten: Gerade die idealistischen sind sehr schnell frustriert. Oder sie beschließen, die Spielregeln zu lernen. Von den Abgeordneten, die ich befragte, bekleiden die meisten noch ihr Amt. Für diejenigen, die zurücktraten, gab es keine zwingenden Gründe wie etwa, dass sie nicht wiedergewählt worden wären. Sie entschieden sich aus rein persönlichen Gründen gegen eine weitere Laufbahn als Berufspolitiker.

In Ihren Interviews haben Sie bewusst erfahrene und unerfahrene Politiker zu Wort kommen lassen. Worin unterscheiden sich beide Typen, wenn es um das Verfolgen ihrer politischen Ziele geht?

Ein unerfahrener Abgeordneter neigt zu dem Glauben, wenn er einen Antrag formuliere, reiche es, eine gute Argumentation zu finden. Und ist überrascht, wenn er später damit scheitert. Das ist sozusagen die "Einsteigervariante". Ein ehemaliger stellvertretender Fraktionsvorsitzender erklärte mir dagegen, dass die Hälfte der Arbeit in der Kommunikation im Vorfeld bestehe. Bevor es zu dem "Schaulaufen" in der öffentlichen Sitzung kommt, gibt es diverse Absprachen wie etwa: Du stimmst jetzt für meinen Fraktionsantrag, dafür wähle ich dich später in ein für dich wichtiges Gremium. Das ist strategisches Handeln, das zwar nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, aber weder kriminell noch illegal ist.

Welche Eigenschaft ist unerlässlich?

Politiker müssen eine präzise Unterscheidungsfähigkeit besitzen. Diese zu entwickeln, ist mitunter ein schwieriger Prozess, der mit schmerzhaften Erfahrungen einhergeht. Politiker müssen unterscheiden können, auf welcher Ebene sie angesprochen werden, sozusagen ein professionelles Misstrauen entwickeln: Werde ich jetzt persönlich angesprochen? Oder aus strategischer Gesinnung oder gar von einem Konkurrenten, der es ausnutzt, wenn ich zu offen bin? Das setzt ein präzises Verständnis der eigenen Rolle voraus.

Es ist also naiv, bei jeder Einladung zu meinen, sie gelte einem persönlich?

Genau. Was dann passiert, dafür ist der Fall Christian Wulff ein sehr schönes Beispiel. Es scheint, dass er diese Unterscheidungsfähigkeit nicht in ausreichendem Maße besaß - sagen wir, sein Balancierungsgefühl hat nicht ausgereicht.

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