Bericht zur Ausbildungssituation Immer weniger Betriebe leisten sich einen Lehrling

Viele Unternehmen und Experten warnen vor einem Fachkräftemangel - doch nur knapp ein Viertel der Firmen in Deutschland bildet noch junge Menschen aus. Zwar steigt die Gesamtzahl der Unternehmen, doch gleichzeitig gibt es immer weniger Ausbildungsbetriebe. Gewerkschaften und Verbände schlagen Alarm - und haben ein ganzes Bündel von Gründen für die Misere parat.

Von Thomas Öchsner

Wenn die deutsche Wirtschaft ein gemeinsames Klagelied hätte, würde darin im Refrain sicherlich stehen: Oh, du Land des Fachkräftemangels. Deshalb erscheint es erstaunlich, was jetzt der neue Berufsbildungsbericht enthüllt: Danach bilden immer weniger Betriebe junge Menschen aus. 2010 traf dies nur noch auf 22,5 Prozent zu. Ein Jahr zuvor waren es noch 23,5 Prozent. Damit ist die Zahl der Ausbildungsbetriebe wie schon 2008 und 2009 erneut leicht gesunken, obwohl die Gesamtzahl der Unternehmen zulegte. Dies geht aus dem Entwurf des Berichts für 2012 vor, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Das Kabinett soll das gut 100 Seiten starke Regierungspapier Anfang April verabschieden.

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Die Zahlen beruhen auf Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA). Danach hatten 2010 knapp 470.000 Betriebe mindestens einen Auszubildenden, bei insgesamt 2,08 Millionen Betrieben mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. 2009 zählte die BA noch etwa 485.000 Ausbildungsbetriebe, 2008 gut 494.000. Zahlen für 2011 liegen noch nicht vor. Das Bundesbildungsministerium merkt dazu in seinem Bericht an: "Auffällig ist der hohe Bestandsverlust. Weder in den alten noch in den neuen Ländern hatte es bei den Ausbildungsbetrieben in den letzten elf Jahren so große prozentuale Bestandsrückgänge gegeben wie 2010."

Ingrid Sehrbrock, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), hält dies für nicht ausreichend: "Die Wirtschaft kann ihr sinkendes Engagement in Sachen Ausbildung nicht mit dem demographischen Wandel begründen. Bewerber gibt es genug. In Wahrheit übersteigt die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber die Zahl der offenen Plätze um mehr als das Doppelte." Betriebe sollten gerade jetzt denjenigen eine Chance geben, die bisher keine Chance auf einen Ausbildungsplatz hatten und sich in Übergangssystemen mit Maßnahmen und Modellprojekten über Wasser hielten.

Weniger Bewerber

Ganz anders sieht dies der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK): "Die Zahl der Schulabgänger sinkt. Zugleich gibt es einen Trend zum Hochschulstudium. Deshalb gibt es weniger Bewerber", sagt DIHK-Ausbildungsexperte Thilo Pahl. Wenn deshalb Betriebe keine Auszubildenden mehr fänden, fielen sie auch als Ausbildungsbetriebe aus.

Laut dem neuen Bericht sind ausländische Jugendliche in der Berufsausbildung nach wie vor stark unterrepräsentiert. Etwa ein Drittel von ihnen (33,5 Prozent) wurde 2010 ausgebildet. Das ist ein kleiner Fortschritt im Vergleich zum Vorjahr (31,4 Prozent). Aber immer noch sei die Ausbildungsquote damit "nur etwa halb so hoch wie der deutschen jungen Menschen", heißt es in dem Regierungspapier. Dies liege nicht nur daran, dass ausländische Jugendliche mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss wie deutsche Jugendliche verließen und deren Schulabschlüsse insgesamt niedriger seien als die der deutschen Jugendlichen.

Das Ministerium führt ebenfalls an: "Auch bei gleichen schulischen Voraussetzungen sind die Chancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund signifikant niedriger als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund." Als möglicher Grund dafür werden "Selektionsprozesse der Betriebe bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen" angeführt. Klarer ausgedrückt heißt das: Eine ausländische Herkunft verschlechtert die Chancen auf eine Lehrstelle, trotz guter Schulnoten.

23 Prozent geben auf

Der Bericht zieht auch eine Bilanz bei den vorzeitig beendeten Ausbildungsverträgen. Im Jahr 2010 wurden bundesweit mehr als 142.000 Verträge vorzeitig gelöst. Das entspricht einem Anteil von 23 Prozent - die Quote ist damit im Vergleich zum Vorjahr (22,1 Prozent) leicht gestiegen. In seiner Untersuchung warnt das Ministerium aber davor, alle Vertragsauflösungen mit einem Ausbildungsabbruch gleichzusetzen. Dafür gebe es vielfältige Ursachen, wie die Insolvenz oder Schließung des Betriebs oder der Berufswechsel des Auszubildenden.

Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen wird in dem Bericht mit knapp 30.000 angegeben, bei etwa 570.000 neu abgeschlossenen Verträgen bis Ende September 2011. Der DIHK geht von "weit mehr als 75.000" unbesetzten Lehrstellen aus, weil die Kammerorganisation auch die offenen Plätze zählt, die nicht bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet sind.

Das Ministerium ist überzeugt, dass für Unternehmen die Suche nach Auszubildenden immer schwieriger und "die Problematik der unbesetzten Ausbildungsstellen in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird". Dafür spricht auch diese Prognose aus dem Bericht: Bis 2030 schrumpft in Deutschland die Altersgruppe junger Menschen zwischen 17 und 25 Jahren um etwa ein Fünftel.

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