Kultusminister und Hochschulen wollen das Bachelor-Studium verbessern - eine Schlüsselrolle spielt der umstrittene Akkreditierungsrat. Nicht alle schätzen seine Arbeit.
Studenten sollen nicht mehr von Prüfung zu Prüfung hetzen müssen. Nach den Protesten der vergangenen Wochen beteuern Kultusminister und Hochschulrektoren deshalb, die neuen Bachelor-Studiengänge würden noch einmal überarbeitet. Die Zahl der Prüfungen möchten sie auf ein erträgliches Maß reduzieren. Die Weichen dafür will an diesem Dienstag ein umstrittenes Gremium stellen, das bei der Studienreform eine Schlüsselrolle spielt: der Akkreditierungsrat. Er formuliert die Regeln, nach denen in Deutschland Bachelor- und Masterstudiengänge kontrolliert und genehmigt (akkreditiert) werden. Zu den Kriterien soll künftig gehören, dass jedes Studienmodul nur noch mit einer Prüfung abgeschlossen wird.
Bild vergrößern
Der Bachelor soll "studierbar" werden. Der Akkreditierungsrat will Studiengänge, die tatsächlich leistbar sind. (© Foto: dpa)
Anzeige
Zeichen gegen die Prüfungsflut
Das Studium ist neuerdings in "Module" unterteilt, in thematisch zusammenhängende Lehrveranstaltungen. Bisher müssen Studenten oft zu jeder einzelnen Veranstaltung in einem Modul eine eigene Prüfung ablegen. Das soll künftig vermieden werden. Rheinland-Pfalz will das sogar im landeseigenen Hochschulgesetz klarstellen - als "deutliches Zeichen gegen die bundesweit kritisierte Prüfungsflut", wie Wissenschaftsministerin Doris Ahnen (SPD) und die Präsidenten der Hochschulen des Landes erklären.
Vom Prinzip des studienbegleitenden Prüfens wollen aber weder die Minister noch der Akkreditierungsrat abrücken. "Es steht außer Frage, dass es für jedes Modul eine Prüfung geben muss", sagt der Geschäftsführer des Rates, Achim Hopbach. Die "Studierbarkeit" möchte er zu einem eigenen Punkt im Kriterienkatalog erheben. Das bedeutet: Bachelor-Programme sollen so gestaltet sein, dass das Studium tatsächlich leistbar ist. Derzeit sind sie oft stofflich überfrachtet, und es gibt nur wenige Wahlmöglichkeiten. All das soll nun besser werden.
Kritiker fragen sich, weshalb die Kontrolle bisher versagt hat und die "Studierbarkeit" nun extra betont werden muss. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, spricht von einem "Scherbenhaufen" und einem "Akkreditierungswahn". Das System sei "ineffizient, teuer und rechtlich fragwürdig", sagt Kempen, dessen Verband vor allem Professoren angehören. Viele Professoren sind am Akkreditierungssystem allerdings selbst beteiligt. Im Rat sitzen außer Vertretern der Länder und der Sozialpartner auch Professoren und sogar Studenten. Vom Rat zertifizierte "Akkreditierungsagenturen" überprüfen die einzelnen Studiengänge, wobei wiederum Professoren als Gutachter tätig sind.
In Deutschland besonder bürokratisch
Der Rat mit Sitz in Bonn wurde von den Kultusministern als Stiftung des öffentlichen Rechts eingerichtet. Bundesweit gibt es außerdem zehn Agenturen, sie akkreditieren die einzelnen Studiengänge. Dafür werden unter anderem Ziele und Organisation des Angebots überprüft und mit den Vorgaben der Kultusminister verglichen. Der Vorsitzende des Rates, der Romanist Reinhold Grimm von der Uni Jena, hat vor kurzem eingeräumt, dass die Studienreform in Deutschland "besonders bürokratisch und kleinteilig gestaltet wurde".
Grimm verspricht sich Besserung unter anderem von einer "Systemakkreditierung". Dabei wird nicht mehr jeder einzelne Studiengang geprüft, stattdessen müssen die Hochschulen ein Konzept zur Qualitätssicherung vorlegen. Sie dürfen ihre Angebote dann selbst kontrollieren. Dem Hochschulverband geht das nicht weit genug. "Eine staatliche oder halbstaatliche Lizenzierung ist schlichtweg überflüssig", sagt Verbandschef Kempen.
"Grundlegende Revision" notwendig
Sogar aus dem Kreis der Akkreditierungsagenturen kommt Kritik am bisherigen System. Rainer Künzel, Leiter der Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur in Hannover, hält eine "grundlegende Revision" für notwendig. Das "Dominanzverhalten" des Rates und die Konkurrenz der Agenturen verhinderten eine "offene Kommunikation über Probleme".
Zu den folgenschwersten Fehlern bei der Umsetzung der Studienreform zähle "die vielfach völlig verfehlte Modularisierung", sagt der frühere Präsident der Uni Osnabrück. Die Module seien oft "höchst spezielle Stoffkataloge" und trügen "so sehr die Handschrift eines einzelnen Lehrenden, dass die Mobilität behindert wird". Soll heißen: Jeder Professor baut sich seinen eigenen kleinen Studiengang, ein Wechsel der Uni wird für die Studenten immer schwieriger.
Hohe Gebühren, bescheidene Ergebnisse
Bisher sind die Ergebnisse des Akkreditierungssystems offenbar bescheiden. Billig aber ist es nicht. Die Agenturen verlangen hohe Gebühren. In Thüringen nannte der Landesrechnungshof das Verfahren "bürokratisch aufgebläht". In seinem Jahresbericht 2008 rechnete er vor, dass allein in Thüringen die Hochschulen für Akkreditierungen bis zum Jahre 2009 mehr als acht Millionen Euro bezahlen müssten. Der Nutzen bleibe dabei weit hinter dem Aufwand zurück.
(SZ vom 08.12.2009/holz)
- Diplom-Ingenieur/Bachelor/Master (m/w) Physik, Elektrotechnik, Elektronik, Mechatronik– ift Rosenheim GmbH, Rosenheim
- Diplom-Ingenieur/Bachelor/Master (m/w) Umwelttechnik, Werkstoff, Physik, Holzingenieurwesen, Kunststoff– ift Rosenheim GmbH, Rosenheim
- Vertriebsmitarbeiter (m/w) im Innendienst Key-Account-Support– Verlag C.H.BECK, München
Schuldenkrise in Griechenland
Seit zehn Jahren gibt es Bologna. Zahn Jahre waren Zeit, die Spitze unseres Bildungssystems so zu gestalten, dass sie Gesellschaft und Studierenden gerecht wird. Mit unglaublicher Arroganz haben die Kultusminister von Bund und Ländern die Bedürfnisse der Studenten ebenso ignoriert wie die katastrophalen gesellschaftlichen Folgen der Nürnberger-Trichter-Studiengänge.
Menschen sollten nach der gängigen Kapitalisten-Ideologie in mgöichst kruzer Zeit zu Produktionsfaktoren umerzogen werden.
Nun stehen die Verantworlichen vor dem Scherben- nein vor dem Misthaufen, den sie selbst angerichtet haben und tönen: Alles nicht so schlimm; der Weg ist richtig, nur ein paar Steinchen müssen zur Seite geräumt werden.
Setzen, Sechs, kann man da nur sagen - oder besser: Sechs, Gehen! Sofort! Alle!
Als Mitglied der Fachschaft in der Studienkommission glaube ich kaum, dass es den Professoren bei den Akkreditierungen um Gier, Machterhalt, etc. geht. Der Verwaltungsaufwand heutzutage ist immens und nicht mehr schön und die Akkreditierungen sind heute eine zusätzliche Belastung. Für Forschung und Lehre bleibt kaum mehr Zeit.
Keiner will die Akkreditierung, eine zusätzliche Bezahlung für ansäßige Professoren ist nicht drin. Die ganze Umstellung soll ja "kostenneutral" laufen, genau wie die Modularisierung des Lehramtsstudiengangs in BW. Zusätzliche zentrale Prüfungsamtausgaben werden dann einfach über Studiengebühren finanziert, da die Uni ja bankrott ist. Exkursionskostenzuschüsse werden zurückgefahren. Massentutorate angeboten. Im Enddefekt ist weniger Geld da als vor Einführung der Studiengebühren. Und das an einer Uni, die doch Exzellenz² ist .....
Zitat: "Vom Rat zertifizierte 'Akkreditierungsagenturen' überprüfen die einzelnen Studiengänge, wobei wiederum Professoren als Gutachter tätig sind."
Wohl kaum ein Professorm wird diese machtvolle Aufgabe ohne zusätzliche Bezahlung tun. Die Haupttreiber dieser unsinnigen Entwicklung - wie auch im Finanzsektor - dürften damit sein: Kleinkarierte Gier, krankhafte Machtfixierung, bedenkenlose Manipulation mit schönen Worten - und viel Dummheit. Unsere "Elite" eben.
Es ist ein schöner Gedanke, dass man sich von allen Tischen Häppchen nehmen kann, wie auf einem Markt, und bei jedem Modul legt man eine kleine Prüfung ab.
Leider tendieren die Prüfungen dazu, groß zu sein.
Und wegen Überlastung gibt es kaum noch echte Proseminare und Seminare. Wenn ich in meinem Studium wo was gelernt habe, dann in echten Seminaren, vor allem, wenn ich eine Hausarbeit schreiben musste und mitdiskutieren musste und konnte.
Das geht nur, wenn höchstens 20, besser höchstens 15 Studierende im Seminar sind. Auf der anderen Seite saß oft ein Professor mit zwei Assistenten, die das Gespräch auf ein sehr hohes Niveau gehoben haben.
Andererseits war es früher so: Es war egal, wo und wie lang jemand studiert hatte. Am Ende gab es eine Abschlussprüfung. Zwischenprüfungen usw. gab es auch, aber nur als Voraussetzung, dass man überhaupt ins Examen gehen durfte.
Und im Examen war es dann egal, woher jemand etwas weiß und kann - wenn er es wusste und konnte, hat er bestanden. Ob Selbststudium, ob von anderen Hochschulen... Die Menschen, die vor dem Krieg studiert hatten, waren oft auf viel mehr Universitäten und haben dann halt an einer ihr Examen abgelegt.
Ich hatte auch noch eine große Schlussprüfung. Das war aufregend und versursachte Magenweh, aber ich fand es eigentlich ganz gut. Es ist doch ein Unterschied, ob ich ein Seminar bewältige und abschließe oder ein ganzes Studium.
Vielleicht hätte man das "Credit-Point"-System nicht verabsolutieren sollen, sondern mit dem alten Prinzip der Abschlussprüfung kombinieren.
Ein Problem ist auch, dass alle möglichen Hochschulen aufgetaucht sind, die zum Teil ihre Abschlüsse mit ausländischen Hochschulen anbieten. Alles ist nicht einheitlicher, sondern im Gegenteil weniger vergleichbar und weniger geordnet inzwischen. Also das Gegenteil von dem, was die Bologna-Reform sollte: vergleichbare, übersichtliche Abschlüsse...
Vielleicht ist das gut so und das ganze Hochschulwesen verliert endlich was von seinem Nimbus, und die akademischen Grade werden endlich nicht mehr zum Ausweis des besseren Menschen...
Klasse Kommentar von Ihnen, sie sagen es. Dieses betriebswirtschaftliche Denken und der totale Operationalismus (im Volksmund auch schon mal "Erbsenzählerei" genannt) bewirken nichts, außer den von Ihnen beschriebenen Effekten. Die Bertelsmann-Stiftung lässt grüßen, auf deren Mist ist das alles zu großen Teilen gewachsen.
Paging