Weltgesundheit Deutschlands Aufstieg zur Gesundheits-Macht

Angela Merkel hielt als erste deutsche Regierungschefin eine Rede bei der Weltgesundheitsversammlung in Genf.

(Foto: Getty/AFP/AP)
  • Deutschland hat die Ausgaben im Bereich globale Gesundheit verdoppelt und sich an die Spitze mehrerer Initiativen gesetzt.
  • Damit wächst die Bedeutung der Bundesrepublik im Bereich "Global Health".
  • Das Engagement wird weitgehend positiv gesehen, da die USA unter Trump im Gesundheitsbereich als weniger verlässlich gesehen werden.
Von Kai Kupferschmidt

Als die Gesundheitsminister der G20-Staaten im Mai 2017 einen Konferenzraum in Berlin betraten, wurden sie mit einer Krise konfrontiert. Auf einem Bildschirm liefen Berichte über einen mysteriösen Erreger, der zahlreiche Menschen infiziert und schwere Atemwegserkrankungen ausgelöst hatte. Einige Patienten waren gestorben. Was als kleiner Ausbruch begann, breitete sich rasch auf zahlreiche Länder aus und die G20-Minister mussten schwere Entscheidungen treffen: Sollten sie die Grenzen ihrer Nationen schließen? Quarantänestationen einrichten? Hilfe schicken?

Das Szenario war fiktiv. Es begann in einem Land namens "Anycountry" und sollte den Politikern die Konsequenzen ihrer Entscheidungen in einer derartigen Situation verdeutlichen. Dass das Treffen in Berlin stattfand, bei dem die G20-Gesundheitsminister erstmals zusammenfanden, war auch ein Zeichen für einen realen Trend: Die Bundesrepublik spielt in Sachen globale Gesundheit (global health) eine zunehmend bedeutende Rolle.

"Lange Zeit gab es das Gefühl, dass Deutschland in diesem Bereich nicht so viel beiträgt, wie es könnte", sagt der Infektionsmediziner Jeremy Farrar, der den Wellcome Trust, eine der größten Stiftungen der Welt, leitet. Das habe sich in den vergangenen Jahren geändert. Tatsächlich hat sich die Bundesregierung an die Spitze mehrerer internationaler Initiativen gesetzt und die Ausgaben im Bereich globale Gesundheit verdoppelt. Die Bedeutung Berlins ist gewachsen. Der Weltgesundheitsgipfel, der dort seit 2009 stattfindet, zieht immer mehr internationale Größen an. Die Gates-Stiftung, die größte private Stiftung der Welt, wird in diesem Jahr ein Büro in Berlin eröffnen, und die Stadt soll Sitz eines neuen internationalen Zentrums zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen werden. "Deutschland befreit sich von seinen Nachkriegshemmungen, um endlich die Rolle zu spielen, die seiner ökonomischen und intellektuellen Position entspricht", sagt Peter Piot, Leiter eines der angesehensten Institute im Bereich globale Gesundheit, der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Japan und Frankreich bei den Ausgaben überholt

Es gibt dafür wohl verschiedene Gründe. So hat der verheerende Ebola-Ausbruch in Westafrika Politikern dramatisch vor Augen geführt, wie die gewaltige Kluft zwischen armen und reichen Ländern in der Medizin zur Bedrohung für alle werden kann. Darüberhinaus könne Deutschland im Bereich global health auch an eine Tradition anknüpfen, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. "Wir können da etwas stark machen, was zu unserem Land passt und was in unserem eigenen Interesse liegt."

Hinzu kommt Angela Merkels persönliches Engagement. Während der G7- und der G20-Präsidentschaften Deutschlands hob sie das Thema Gesundheit hervor. 2015 sprach sie auch bei der Weltgesundheitsversammlung in Genf, dem Treffen der Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Es war das erste Mal, dass eine deutsche Regierungschefin dort eine Rede hielt. "Ich habe keine Zweifel, dass sie persönlich hinter diesem Thema steht", sagt Farrar.

Deutschland investiert inzwischen rund 850 Millionen Euro pro Jahr in globale Gesundheitshilfe, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Damit liegt die Bundesrepublik immer noch weit hinter England und den USA und erreicht noch nicht die Empfehlung der WHO, 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommen in diesen Bereich zu investieren. Aber Deutschland hat G7-Staaten wie Japan und Frankreich überholt. Deutschland ist außerdem eines der Länder, das sich dafür einsetzt, die Mitgliedsbeiträge für die WHO zu erhöhen. Und es ist der größte Geldgeber für den Notfallfonds der Behörde, der infolge des letzten Ebola-Ausbruchs eingerichtet wurde. Deutschland sei ein Spätzünder, der jetzt Gas gibt, sagt Ilona Kickbusch, Leiterin des Global Health Centres am Graduate Institute in Genf.

Deutschland kann das Engagement der USA nicht ersetzen

Das gilt besonders im Bereich Antibiotikaresistenzen. Das Thema sei beispielhaft für die Gesundheitsprobleme einer vernetzten Welt, die nur zusammen gelöst werden können, sagt Gröhe. "Wir können uns in Deutschland anstrengen wie wir wollen. Das ist alles für die Katz, wenn es nicht gleichgerichtete Bemühungen weltweit gibt." Beim G20-Gipfel in Hamburg verabredeten die Regierungschef unter anderem ein Zentrum einzurichten, das die Erforschung von Antibiotikaresistenzen koordinieren soll. Deutschlands Führungsrolle sei dafür "unverzichtbar" gewesen, sagt Keith Klugman, der bei der Gates-Stiftung das Thema bearbeitet. Das Zentrum soll die Erforschung von Antibiotikaresistenzen koordinieren und sicherstellen, dass das Geld in dem Bereich möglichst effektiv eingesetzt wird. "Als jemand der seit 35 Jahren in diesem Bereich arbeitet, kann ich die Bedeutung dieses Zentrums nicht überbetonen", sagt Klugman.

International wird Deutschlands neue Rolle auch deswegen so gern gesehen, weil die größten Geldgeber USA und Großbritannien plötzlich weniger verlässlich erscheinen. Wie es nach dem Brexit weitergeht, ist noch unklar. Und Trump hat bereits massive Kürzungen in Gesundheitsprogrammen angedeutet. Diese seien bislang zwar vom Kongress abgelehnt worden, dennoch sei sie "zutiefst besorgt", sagt Sue Desmond-Hellmann, Vorstandsvorsitzende der Gates-Stiftung. "Wir sind äußerst froh, dass reiche Länder wie Deutschland oder China mehr Geld in diesen Bereich investieren."

Sollten die USA sich wirklich zurückziehen, würde das aber kaum reichen. "Ich würde vor Erwartungen warnen, dass Deutschland irgendwie das Engagement der USA ersetzen könnte", sagt Gröhe. "Wir können es aber im guten Sinne ergänzen." Und ausgerechnet im Forschungsbereich hinkt Deutschland noch immer hinterher. So sagt Piot, Forscher an seiner Schule publizierten häufiger mit Forschern in den Niederlanden, Belgien oder der Schweiz als mit Wissenschaftlern in Deutschland. Ein Bericht der Nationalakademie Leopoldina kam 2015 zu einem ähnlichen Ergebnis und wies daraufhin, dass die Forschung zu globaler Gesundheit in Deutschland zersplittert sei. "Zwar gibt es in diesem Bereich durchaus hervorragende Einzelpersonen und Forschungsinstitutionen", heißt es in dem Bericht. "Diese benötigen jedoch mehr politische Unterstützung, bessere Strukturen und mehr Investitionen in die Forschung."