Transplantations-Skandal Manipulationen bei Organvergabe bestätigt

Die Bundesärztekammer hat Unregelmäßigkeiten bei Organtransplantationen am Deutschen Herzzentrum Berlin zwischen 2010 und 2012 überprüft und größtenteils bestätigt. Einen neuen Skandal fanden die Prüfer aber nicht - die Untersuchungen dauern jedoch noch an.

Von Christina Berndt und Verena Mayer

Der Umgang mit Lebenschancen war am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) offenbar extrem eigenwillig. Der Verdacht war erstmals im August aufgekommen, nun haben ihn Kontrolleure der bei der Bundesärztekammer angesiedelten Prüfungs- und Überwachungskommissionen offiziell bestätigt. 13 Spenderherzen seien am DHZB in den Jahren 2010 bis 2012 an Patienten gegangen, die noch nicht an der Reihe waren, heißt es in einem Bericht der Kommission, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Die Ärzte hatten den Patienten zuvor den "HU-Status" für "high urgency" verliehen, wonach sie hochdringlich auf eine Transplantation warteten, andernfalls würden sie sterben. So bekamen die Herzkranken in kürzester Zeit ein Spenderherz zugeteilt, obwohl es noch gar nicht so schlecht um sie stand. Andere Patienten an anderen Kliniken gingen dagegen leer aus.

Die Details, die der Bericht nun enthüllt, sind haarsträubend. So sollen am Berliner Herzzentrum nicht nur Falschangaben gemacht worden sein, um Organe für die eigenen Patienten zu ergattern. Sechs Patienten sollen zudem Herzmedikamente in hohen Dosen bekommen haben, ohne dass dafür ein medizinischer Grund vorlag. Dies sei jeweils "punktgenau" vor der Vergabe des HU-Status geschehen, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder - wohl, um den Eindruck einer dringend nötigen Herztransplantation zu erwecken. "Dobutamin muss gesteigert werden, halbstündlich zu steigern", wurde bei einem Patienten angewiesen.

Ermittlungen wegen versuchten Totschlags

Weil dadurch andere Patienten wahrscheinlich benachteiligt wurden, ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin bereits wegen versuchten Totschlags. Das DHZB hat die Vorfälle inzwischen bedauert. Es hatte die Manipulationen selbst angezeigt, nachdem die Prüfer zwischen April und Juli immer mehr Hinweise auf unlautere Organvergabe gefunden hatten. Bei der Suche nach Verantwortlichen hat die Klinik bisher vor allem auf eine Oberärztin verwiesen, die inzwischen suspendiert sei. Mehrere Transplantationsexperten äußerten im Gespräch mit der SZ allerdings Zweifel an dieser Version: "Man kann sich schlecht vorstellen, dass eine Ärztin alles allein gemacht haben soll - und dass niemand etwas gemerkt hat", sagt einer der Fachleute, die namentlich nicht genannt werden wollen. Auch die Prüfer notieren in ihrem Bericht zumindest Unverständnis: "Es ist nicht einsichtig", weshalb das DHZB stets "auf eine einzuholende Stellungnahme der Oberärztin verweist", statt eine eigene abzugeben, schreiben sie.

Über die Motive für die Manipulationen ist derweil nichts bekannt, vermutet wird medizinischer Ehrgeiz. Jedenfalls ging es nicht darum, Privatpatienten zu bevorzugen. Sie waren in Berlin nicht überproportional häufig unter den Manipulationsfällen vertreten.

Nicht "hilfreich für den Patienten"

Strafrechtlich geklärt werden muss wohl auch, ob die Medikamentengabe die Patienten gefährdet hat. Ein Kardiologe habe ihm gesagt, eine solche Dosierung sei nicht "hilfreich für den Patienten", sagte Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission, während der Vorstellung des Berichts. Der Herzchirurg Jan Gummert vom Herzzentrum Bad Oeynhausen sagte der SZ allerdings, er sehe "keine akute Gefährdung" durch die kurzzeitig erhöhte Arzneigabe.

Insgesamt zogen die Prüfer am Dienstag mit ihrem gleichzeitig vorgelegten Tätigkeitsbericht für das Jahr 2013/14 aber ein "positives Fazit": Demnach hat sich kein neuer Skandal in der deutschen Transplantationsmedizin aufgetan. Seit im Sommer 2012 erstmals Manipulationen bei Lebertransplantationen in Göttingen bekannt geworden waren, überprüfen die Experten regelmäßig die Vorgänge an deutschen Transplantationszentren. In Regensburg, am Münchner Klinikum rechts der Isar, in Leipzig, Münster sowie zuletzt am DHZB wurden sie fündig. In Göttingen steht ein Chirurg bereits seit mehr als einem Jahr vor Gericht, der Prozess dauert noch an. In den übrigen Städten sind die Staatsanwaltschaften noch mit Ermittlungen beschäftigt, nur in Münster wurden diese inzwischen eingestellt. Den Verantwortlichen des Transplantationszentrums seien keine strafrechtlichen Vorwürfe zu machen, lautete die Begründung. Die Organspendebereitschaft in der deutschen Bevölkerung sank seither dramatisch ab. Es sterben noch mehr Kranke, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhalten.

Weitere Manipulationen haben die Prüfer für die bisher untersuchten Jahre 2010 bis 2012 aber nicht entdeckt, konstatieren sie jetzt in Berlin. Lediglich einzelne, mutmaßlich unbeabsichtigte Fehler seien aufgefallen. Etwa bei Datumsangaben. Dabei haben die Prüfer nunmehr 60 verschiedene Organtransplantationsprogramme mit Lebern, Herzen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen an 33 Transplantationszentren kontrolliert. Insgesamt gibt es allerdings 141 Transplantationsprogramme in Deutschland, die Prüfungen dauern also noch an.

Sechs-Augen-Prinzip

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte denn auch eine Professionalisierung der Kontrollen; sie sollten in staatliche Hände übergehen. "Schon jetzt brauchen wir Jahre, um allein die Fälle 2010 bis 2012 aufzuarbeiten", erklärte Vorstand Eugen Brysch. "Wie soll bei diesem Arbeitstempo zeitnah bis in die Gegenwart aufgeschlossen werden?"

Die Prüfer gehen allerdings davon aus, dass es seit Mitte 2012 wohl keine Manipulationen mehr gegeben hat. "Nach allem, was wir in den Kliniken wahrnehmen konnten, sind spätere Verstöße gegen die Richtlinien unwahrscheinlich", sagte Ruth Rissing-van Saan, die Leiterin der Vertrauensstelle Transplantationsmedizin und eine der Prüferinnen, der SZ. Dies sei letztlich ein Erfolg der nach dem Skandal vorgenommenen Veränderungen am Transplantationssystem. Der Gesetzgeber hat mehr Kontrollen und zum Beispiel auch ein Sechs-Augen-Prinzip bei der Meldung von Patienten für eine Organtransplantation verfügt. Zudem, sagte Rissing-van Saan, sei Medizinern durch die Presseberichte jetzt bewusst, dass sie nicht eigenwillig über Lebenschancen entscheiden können. Auch am Berliner Herzzentrum hörten die Manipulationen im Sommer 2012 auf, als der Skandal von Göttingen begann.