Psychiatrie Psychotherapie hinter Gittern

Fast alle Gewalt- und Sexualstraftäter kommen irgendwann wieder frei. Eine konsequente Therapie in den Haftanstalten könnte die Rückfallquoten deutlich senken. Doch nur wenige Gefängnisse leisten sich Therapeuten.

Von Jana Hauschild

Wegsperren lautet die beliebteste Lösung im Umgang mit Straftätern. Sie ist aber nicht die effektivste Lösung.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Wegsperren ist noch immer eine beliebte Losung, wenn es um Straftäter geht. Wegsperren allein ist aber zugleich die schlechteste Lösung. Denn: Etwa acht von zehn Insassen von Justizvollzugsanstalten in Deutschland leiden unter mindestens einer psychischen Erkrankung. Vor allem die Kombination von Persönlichkeitsstörungen und Sucht ist dabei gefährlich. Sie erhöht das Risiko für eine neue Straftat, wenn die Haftzeit um ist, warnen Psychologen und Psychiater. Eine Behandlung sei hier nicht nur nötig, sondern diene auch dem Schutz der Gesellschaft.

Doch nur einzelne Haftanstalten haben eine Abteilung für Psychiatrie, und nur selten kommen externe Therapeuten zur Behandlung in die Einrichtung. Doch auch für Inhaftierte ohne psychische Erkrankung fordern Experten mehr psychologische und soziotherapeutische Betreuung, um die Zahl der Rückfälle zu senken. Konservative fordern hingegen vor allem das Wegsperren. Straftäter-Therapie bringt doch nichts und kostet viel, so die gängige Argumentation.

Diese kommt nicht von ungefähr. In den 1970er-Jahren veröffentlichten Forscher mehrere Übersichtsarbeiten zu Straftäter-Therapien. Ihr ernüchterndes Fazit: Nichts wirkt. 40 Jahre später sind forensische Psychologen und Psychiater allerdings deutlich optimistischer. Zu Recht.

Die deutschen Wissenschaftler Martin Schmucker von der Universität Erlangen-Nürnberg und Friedrich Lösel, der an der University of Cambridge in Großbritannien forscht, haben vor Kurzem eine Meta-Analyse erstellt, die zeigt, dass die Therapie von Sexualstraftätern deren Rückfallrisiko um 26 Prozent senkt. Das ergeben Berechnungen aus Daten von mehr als 10 000 Inhaftierten. Je nachdem, wie gut die Behandlung umgesetzt wurde und wie sauber die Studien durchgeführt wurden, gibt es auch Erhebungen, die von bis zu 50 Prozent weniger Rückfällen berichten.

"Das ist deutlich weniger, als Psychotherapie bewirkt, wenn sie außerhalb von Gefängnismauern und bei Patienten angewandt wird, die eine psychiatrische Störung aufweisen, aber keine Straftaten begangen haben", sagt der forensische Psychiater Christian Huchzermeier vom Institut für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Bei Gewaltstraftätern sei die Therapie ungefähr so effektiv wie das Medikament ASS, wenn es zur Vorbeugung von Erkrankungen der Herzkranzgefäße eingesetzt wird. "Trotzdem zweifelt keiner an der Wirkung des Medikaments und seiner Berechtigung in der Prävention", sagt Huchzermeier.