Pharmaforschung Medikamententests in der DDR: Die Stasi garantierte Disziplin

Volker Hess steht dem Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Berliner Charité vor. Seit 2013 leitet er das Projekt zur Aufklärung der Arzneimittelforschung in der DDR.

(Foto: dpa)

Westliche Pharmafirmen haben jahrelang Medikamente an DDR-Bürgern getestet. Ein Skandal? Es gab zumindest fragwürdige Praktiken.

Interview von Berit Uhlmann

Westdeutsche Pharmaunternehmen haben in Hunderten Studien Medikamente an DDR-Bürgern getestet. Unter der Leitung des Medizinhistorikers Volker Hess haben Wissenschaftler der Berliner Charité zweieinhalb Jahre lang untersucht, ob diese Studien rechtmäßig und ethisch vertretbar waren. Finanziert wurde das Projekt unter anderen von der Bundesregierung, der Bundesärztekammer und dem Verband forschender Arzneimittelhersteller. Ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat begleitete die Untersuchung. Die Aufträge für die Medikamententests kamen vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, den USA und Großbritannien. Am Dienstag stellte Projektleiter Hess den Abschlussbericht vor.

SZ: Waren die Medikamententests in der DDR rechtmäßig?

Volker Hess: Die Auftragsstudien wurden nach den damals in Ost- und Westdeutschland geltenden Regeln und Gesetzen durchgeführt. Diese unterscheiden sich allerdings von den hohen ethischen Standards, die wir heute haben.

Inwiefern?

Zum Beispiel wurde die Einwilligung der Patienten recht lax gehandhabt. Erst Mitte der 70er-Jahre wurde sie verpflichtend. Allerdings ist die Unterschrift der Studienteilnehmer nicht dokumentiert. Vielmehr hat der Prüfarzt ein Kreuz in ein Formular gesetzt. Manchmal hat ein Zeuge unterzeichnet. Das war damals Usus - im Osten wie im Westen.

Wie heikel waren die Studien in der DDR?

Die Tests waren nicht heikel in dem Sinne, dass gezielt Medikamente mit besonders starken Nebenwirkungen oder Risiken in der DDR getestet worden wären. Aber es gab einige Studien mit einem Geschmäckle. So hätte der Wirkstoff Ramipril gegen Herzinsuffizienz in der BRD mit einem Konkurrenzpräparat verglichen werden müssen, das seine Wirksamkeit bereits gezeigt hatte. In der DDR aber gab es noch keine Medikamente mit einem ähnlichen Wirkstoff. Man verglich Ramipril somit mit einem Scheinmedikament.

Besserte der Pharmakonzern damit das Studienergebnis auf?

Im Vergleich zu einem Placebo erzielt man bessere Ergebnisse als im Vergleich mit einem Konkurrenzpräparat. Aber man kann nicht sagen, dass DDR-Probanden durch das Placebo geschädigt wurden. Alle bekamen weiterhin ihre übliche Medikation, ein Teil darüber hinaus noch ein Medikament, das es in der DDR regulär nicht gab.

Das klingt, als hätten die Probanden bereitwillig teilgenommen . . .

Manche haben darum gebeten, in eine Studie aufgenommen zu werden, vor allem, wenn es um Medikamente ging, die in der DDR nicht verfügbar waren. Wir haben Briefe mit entsprechenden Bitten gefunden. Die Pharmafirmen nutzten das Versorgungsgefälle zwischen Ost und West aus.

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