Mammografie-Skandal im Ruhrgebiet "Gravierende Mängel"

Schlampige Untersuchungen, zweifelhafte Diagnosen: Frauen, die in einem Brustzentrum in Essen auf Brustkrebs getestet wurden, können sich beim Ergebnis nicht sicher sein. Das hat die Kooperationsgemeinschaft Mammografie in Berlin nun bestätigt.

Von Ralf Wiegand, Essen/Hamburg

Frauen, denen im Diavero Brustzentrum Essen Gewebeproben zur Erkennung von Brustkrebs entnommen wurden, können nicht sicher sein, dass die Ergebnisse stimmen. Das hat die Kooperationsgemeinschaft Mammographie in Berlin bestätigt, die das bundesweite Programm zur Brustkrebsfrüherkennung organisiert. Betroffene Frauen sollten sich von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein über Möglichkeiten zur Nachuntersuchung aufklären lassen.

Die Kooperationsgemeinschaft hat am Freitag "gravierende Mängel" im Mammografieprogramm für Essen/Mülheim/ Oberhausen eingeräumt. Die Standards seien dort nicht erfüllt; deshalb sei die Rezertifizierung - die Erteilung des Qualitätssiegels - im April 2013 verweigert worden. Dem zuständigen Arzt, dem Radiologen Dr. Karlgeorg Krüger, sei daher der Versorgungsauftrag durch die KV entzogen worden. "Das ist der Zweck der Qualitätssicherung. Sollte ein Arzt das hohe Niveau im Screening nicht halten können und seiner Verantwortung nicht nachkommen, sollte er keine Untersuchungen mehr im Programm anbieten können", sagte Tatjana Heinen-Kammerer, Geschäftsführerin der Kooperationsgemeinschaft.

Mängel waren schon 2010 bekannt

Die Warnung an die Frauen, auf die Ergebnisse der Gewebeproben nicht zu vertrauen, erging aber erst jetzt, durch öffentlichen Druck: Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hatten Fälle von Fehldiagnosen, schlampige Gewebeentnahmen und fehlende Qualifikationsnachweise des verantwortlichen Arztes offengelegt. Außerdem wurde bekannt, dass zahlreiche Essener Ärzte die zuständige KV schon seit 2010 auf Mängel hingewiesen hatten. Aber selbst nach zweimaligem Entzug der Genehmigung wurden in Krügers Screening-Einheit jährlich mehr als 30 000 Frauen untersucht: Die KV sah zwar die Patientinnen in Gefahr, bewertete aber den Fortgang des Screenings höher.

Ein Hauptvorwurf an Krüger ist, er habe seine Kompetenz bei der Entnahme von Gewebeproben nicht Jahr für Jahr nachgewiesen, wie es für die Zertifizierung nötig ist. Solche Gewebeproben (Biopsien) werden entnommen, wenn durch die Mammografie-Aufnahmen der Brust ein Krebsverdacht entsteht. Krüger bestreitet alle Vorwürfe in einer selbst versendeten Pressemitteilung. Die jetzt ergangene Warnung, seiner Arbeit zu misstrauen, ist allerdings eindeutig. Mehr als 100 000 Frauen dürften in der Essener Radiologie seit den ersten Klagen eine Mammografie erhalten haben. Statistisch wird bei 13 von 1000 eine Biopsie nötig.