Kabinett der Kalamitäten So flutscht die Pille

Tabletten einfach wegzulassen ist keine Lösung.

(Foto: Illustration: Dalila Keller)

Der Körper ist ein Wunderwerk - und verwundert uns täglich aufs Neue. Er produziert seltsame Geräusche, Gerüche, Ticks, Besessenheiten und Beschwerden. Hält sich aber gerne bedeckt, wenn man fragt: Wo kommt das her? Und vor allem: Wie geht das wieder weg? Eine Serie über Alltags-Misslichkeiten. Teil 2: Probleme beim Tablettenschlucken.

Von Berit Uhlmann

600 Mal pro Tag läuft es wie geschmiert. Der Mensch schluckt und schluckt und selbst das gigantisch geratene Knäuel Spaghetti würgt er irgendwie noch herunter. Doch liegt eine Tablette auf dem Tisch, wird vielen Menschen schlagartig bewusst, dass Schlucken ein recht komplexer Vorgang ist. Lippen, Zunge, Rachen, Kehlkopf mit Kehldeckel, Speise- und Luftröhre, ganz zu schweigen von den Nerven - irgendwo in dem Zusammenspiel hakt es. Bei manchen kommt am Ende mehr aus dem Magen heraus als hinein sollte.

Mehr als die Hälfte aller Kinder hat Probleme mit dem Pillenschlucken, im Erwachsenenalter sind es immer noch ein Drittel. Die meisten von ihnen lösen das Problem auf die prekärste Weise: Sie nehmen weniger Tabletten ein als sie brauchen. Jeder Zehnte lässt den Brocken gleich ganz im Blister, haben Ärzte in Baden-Württemberg beobachtet. Die Lage - und das ist nun wirklich schwer zu schlucken - ist also die: Es werden Milliarden für die Entwicklung und Verschreibung von Medikamenten ausgegeben, die dann zu einem beträchtlichen Teil im Mülleimer landen, worüber sich aber kaum jemand den Kopf zerbricht.

Bis Anfang 2015 gab es nur eine ordentlich gemachte Studie, die sich mit Hilfen für Tabletten-unwillige Kinder befasste. Darin kamen kanadische Ärzte zu der Erkenntnis, dass "eine Änderung der Kopfposition die Schluckdynamik ändert".

Sie schlagen also folgende Strategie vor: Die Tablette wird möglichst weit hinten auf die Zunge gelegt, ein kurzes Kopfschütteln kann sie in Position rütteln. Dann kommt der Trick. Der Kopf wird beim Schlucken nicht nach vorne, sondern in jede beliebige andere Position ausgerichtet. Jede hat ihre Vorteile: Wird der Kopf nach links oder rechts gedreht, öffnet sich die Speiseröhre ein Stückchen weiter. Wird das Haupt hochgehalten, rutscht die Tablette besser nach unten. Wird der Schädel nach unten geneigt, entspannt sich der Nacken. (Ein Video mit Vorführungen der Schlucktechniken finden Sie hier)

Jede Position funktioniert, versichern die Ärzte. Allerdings mussten die 33 Kinder dieser Untersuchung das Schlucken zwei Wochen lang üben. Anschließend lag die Erfolgsquote bei 100 Prozent.

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