Hämophilie Neue Gentherapie weckt Hoffnung auf Heilung der Bluterkrankheit

Hämophilie-Patienten sind auf Gerinnungsfaktoren angewiesen, die aus dem Blut von Spendern gewonnen werden.

(Foto: imago/Medicimage)
  • Eine neue Gentherapie weckt Hoffnung für Patienten der Bluterkrankheit.
  • Forschern ist es gelungen, ein Gen für einen fehlenden Gerinnungsfaktor mithilfe einer neuartigen Fähre in die Leberzellen der Patienten zu bringen.
  • Weitere Studien müssen das Ergebnis allerdings noch bestätigen.
Von Kathrin Zinkant

Ein blauer Fleck. Ein Kratzer. Ein Hieb auf die Gelenke - ein gesunder Mensch vergisst solche Blessuren schnell. Kaum hat er sich gestoßen und winzige Gefäße dabei verletzt, eilt ein Arsenal von körpereigenen Stoffen zur Hilfe, um das ins Gewebe strömende Blut zu stoppen. Bluter aber bluten. Immer weiter, nach außen wie innen, weil ihrem Arsenal ein wichtiger Gerinnungsfaktor fehlt. Selbst ein fester Schlag auf den Arm kann lebensbedrohlich werden, wenn sie nicht permanent mit Spritzen vorbeugen. Bislang galt die Krankheit als unheilbar.

Doch jetzt könnte eine Gentherapie berechtigte Hoffnungen wecken. Wie ein Team von Genetikern und Hämatologen in der aktuellen Ausgabe des angesehenen Medizinjournals New England Journal of Medicine berichtet, ist es erstmalig gelungen, zehn Bluter gentherapeutisch so weit zu behandeln, dass sie ohne Medikamente normal leben können. Die Forscher brachten das Gen für den fehlenden Gerinnungsfaktor mithilfe einer neuartigen Fähre in die Leberzellen der Patienten. Im Untersuchungszeitraum von mindestens einem halben Jahr waren acht der zehn Patienten komplett unabhängig von intravenöser Medikation. Schwere Nebenwirkungen traten in keinem einzigen Fall auf.

Hämophilie war die "Krankheit der Könige"

Obwohl die Ergebnisse in größeren Studien überprüft werden müssen, bevor an eine Zulassung überhaupt zu denken ist, setzt die aktuelle Erhebung durchaus ein Zeichen, denn die Bluterkrankheit ist eine seltene, aber äußerst belastende Erbkrankheit. Sie kann verschiedene genetische Ursachen haben, die mit Abstand häufigsten sind defekte Erbanlagen für die Gerinnungsfaktoren VIII und IX. Da diese Gene auf dem weiblichen Geschlechtschromosom liegen, haben betroffene Frauen auf ihrem zweiten X-Chromosom meist eine gesunde Kopie des Gens. Sie erkranken deshalb nicht, können das Geschlechtschromosom, das den Fehler trägt, aber an ihre Söhne weitergeben, bei denen die Krankheit dann ausbricht. Insbesondere in europäischen Adelsfamilien wurde der Defekt auf diese Weise herumgereicht und erhielt so den Beinamen "Krankheit der Könige".

In Deutschland werden heute etwa 3500 Fälle pro Jahr im Register des Paul-Ehrlich-Instituts verzeichnet, die Diagnose erfolgt bald nach der Geburt, wobei sich der Schweregrad der Erkrankung meist erst nach sechs Monaten genau bestimmen lässt. Die Behandlung erfolgt dann lebenslang durch die Gabe des fehlenden Gerinnungsfaktors, der intravenös gespritzt wird - ab einem gewissen Alter machen das die Kinder selbst. Früher war das Spritzen mehrfach in der Woche, manchmal sogar täglich, nötig. Inzwischen sind länger wirkende Produkte erhältlich, wenn auch diese teuer sind.

Doch obwohl die Bluter mit dieser Prophylaxe ein fast normales Leben führen können, kommt es immer wieder zu Komplikationen. So bildet das Immunsystem bei einigen Patienten Antikörper gegen den aus fremdem Blut gewonnenen Gerinnungsfaktor, der damit seine Wirkung verliert. Und als eine der größten Tragödien der Medizingeschichte darf man sicherlich die Welle von Infektionen mit dem Aids-Erreger HIV betrachten. Weltweit steckten sich in den 1980er-Jahren mehr als 20 000 Bluter über die Präparate an, die ihnen das Überleben sichern sollten. Auch in Deutschland waren mindestens 1500 Hämophile betroffen, mehrere Hundert von ihnen starben, bevor es wirksame HIV-Medikamente gab. Heute ist das Risiko, sich über die aus Blutplasma gewonnenen Produkte mit HIV zu infizieren, äußerst gering. Gleich null ist es aber immer noch nicht - und auch andere Viren können übertragen werden.

Mehrere Studien mussten abgebrochen werden

Es gibt inzwischen gentechnisch hergestellte Faktoren, auch ein Antikörper wurde entwickelt, der wie Faktor VIII wirkt, von medizinischen Produkten bleiben die Betroffenen dennoch abhängig. Allein eine Gentherapie könnte Bluter heilen, doch wie bei fast allen Versuchen, erbliche Krankheiten durch eine gesunde Kopie des Gens im Körper zu therapieren, krankte der Ansatz lange an den Fähren, die den Erbgutschnippsel an ihr Ziel bringen. In den meisten Fällen handelt es sich um abgewandelte Viren, die gezielt in Zellen eindringen und ihre Fracht dort entladen. Die ersten dieser sogenannten Vektoren erwiesen sich in früheren Studien gegen andere Erkrankungen allerdings als allzu aktiv: Sie integrierten sich an den falschen Stellen im Erbgut und lösten dadurch Krebs aus. Mehrere Studien mussten deshalb abgebrochen werden.

Mittlerweile gibt es jedoch Genfähren, die als relativ sicher eingestuft werden. Einen solchen Virusvektor benutzten auch die Forscher von Children's Hospital in Philadelphia für ihre aktuelle Arbeit. "Im Vergleich zu früheren Studien haben die Autoren dieser Studie eine neue Variante eines AAV-Vektors eingesetzt, mit dem sich therapeutische Gene besonders effizient in die Leber einführen lassen", sagt Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie an der Universitätsklinik in Freiburg. Außerdem habe zum Erfolg beigetragen, dass eine hyperaktive Variante des Faktor IX verwendet wurde, die besonders viel Faktor IX produziert.

Auch Boris Fehse vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg hält die Wahl des Faktors für entscheidend. "Alle Patientendaten sprechen bisher dafür, dass die Vektoren sicher sind." Derzeit laufen Untersuchungen, die im Fall der Bluter-Gentherapie noch mehr Gewissheit schaffen können. Bei Ärzten herrscht trotz der noch nötigen Studien bereits großer Optimismus: "Mit der Gentherapie haben betroffene Patienten nun eine weitere Therapieoption, die in wenigen Jahren für einen Großteil der Patienten verfügbar sein wird", sagt Johannes Oldenburg, Leiter der Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Bonn. "Sie würde es den Patienten erlauben, in Zukunft nahezu vollständig auf Spritzen zu verzichten und damit ein weitgehend normales Leben zu führen."

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