Fehlgeburten Das gefährdete Geschlecht

Bereits im Mutterleib reagieren Jungen empfindlicher auf Belastungen als Mädchen. Dadurch werden sie häufiger Opfer von Totgeburten. Über die Gründe für diese Anfälligkeit rätseln Forscher noch.

Von Werner Bartens

Wer als Mann halbwegs gesund und bei Sinnen das Erwachsenenalter erreicht, hat einer Menge Gefahren getrotzt. Schon im Mutterleib reagiert der männliche Nachwuchs empfindlicher auf Belastungen aller Art. Auch unter den Neugeborenen werden Jungen öfter krank. Und niemals sind Gefahren für Leib und Geist größer als bei Jungen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren - schließlich schaukeln sich waghalsiges Verhalten und Unvernunft nie stärker auf als in der männlichen Pubertät.

Ärzte der Universität Exeter sind im Fachjournal BMC Medicine der Frage nachgegangen, warum es auch mehr männliche Totgeburten gibt als weibliche (Bd. 12, S. 220, 2014). Das Team um Fiona Mathews hat Daten von mehr als 30 Millionen Schwangerschaften ausgewertet und ermittelt, dass auf 1000 Geburten 6,23 männliche und 5,74 weibliche Totgeburten kommen.

Das ist ein relativer Unterschied von fast zehn Prozent und bedeutet hochgerechnet, dass weltweit 100 000 mehr männliche Babys Totgeburten zum Opfer fallen als weibliche. Von einer Totgeburt spricht man, wenn der Fötus bei fortgeschrittener Schwangerschaft im Mutterleib stirbt. Je nach Land werden Totgeburten etwa ab einem Zeitpunkt zwischen der 20. und der 28. Schwangerschaftswoche erfasst.

Insgesamt kommt es jährlich weltweit zu etwa 2,6 Millionen Totgeburten. Unterschiede in der Häufigkeit sind enorm. Während in Finnland das Risiko mit zwei von 1000 Geburten am geringsten ist, kommen Länder wie Nigeria und Pakistan auf eine Quote von 40 pro 1000. Die unterschiedlichen Totgeburtsraten bei Jungen und Mädchen finden sich weltweit - mit Ausnahme von China und Indien, wo Mädchen gezielt abgetrieben werden und in Statistiken für Totgeburten auftauchen.

Es gibt mehrere Faktoren, die den männlichen Nachwuchs so anfällig machen. Er reagiert empfindlicher auf Hormonschwankungen, Nahrungsmangel der Mutter und verschiedene Formen von Stress. Die Plazenta ist bei männlichen Babys ebenfalls nicht so stabil und die Neigung zu Frühgeburten und anderen Komplikationen erhöht. Woher diese Sensibilität rührt und warum es so schwer ist, als Junge die ersten Lebensjahre zu überstehen, darauf hat die Wissenschaft allerdings noch keine Antwort.