Steuerdaten-Diebstahl: Heinrich Kieber Staatsfeind Nummer eins - von Liechtenstein

Er ist dann mal weg: Heinrich Kieber hatte einst Kontendaten aus Liechtenstein weltweit an Fahnder verkauft und so unter anderem Post-Chef Zumwinkel als Steuerhinterzieher entlarvt. Dann tauchte er ab. Jetzt flog Kieber in Australien auf - und ist schon wieder verschwunden.

Von Uwe Ritzer

Anfang 1992 reiste Heinrich Kieber zum ersten Mal nach Australien. Er brachte seinen Jeep mit und fuhr damit mehrere Monate über den Kontinent. Dann meldete er das Fahrzeug als gestohlen und kassierte von der Versicherung 62.000 australische Dollar. Tatsächlich hat er das Auto weiterverkauft. Kieber nahm Flugstunden, und eines Tages war er ohne jede Vorankündigung verschwunden. Einfach weg. Seiner Wohnungswirtin Margret Thompson blieb er ein paar tausend Dollar Miete schuldig.

Heinrich Kieber, der Datendieb: Fahndungsfoto der Polizei von Liechtenstein von 2008.

(Foto: AFP)

Auch jetzt scheint Heinrich Kieber Australien wieder Hals über Kopf verlassen zu haben. Seine Tarnung ist aufgeflogen. Der 46-Jährige ist einer der meistgesuchten Männer auf dem Erdball. Als Mitarbeiter der Liechtensteiner Fürstenbank LGT hatte er einst heimlich die Kontodaten von rund 5800 Kunden aus aller Welt kopiert, von denen viele ihr Geld in Liechtenstein vor dem heimischen Fiskus versteckt hatten. In Deutschland wurde deshalb im Februar 2008 neben Hunderten weniger prominenten LGT-Kunden der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel als Steuerhinterzieher entlarvt.

In seinem Heimatland Liechtenstein ist Heinrich Kieber seit dem Datenklau der Staatsfeind Nummer eins. Denn plötzlich stand das verschwiegene Fürstentum als Steueroase am internationalen Pranger und musste unter dem Druck des Auslands sein rigides Bankgeheimnis aufweichen. Nach Kieber wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet. Angeblich hat jemand eine Prämie von zehn Millionen US-Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Doch Geheimdienste, zu denen nach Kiebers Darstellung auch der deutsche Bundesnachrichtendienst gehören soll, haben ihm eine falsche Identität verschafft und sollen ihn weiter decken.

Der Datenklau hat Heinrich Kieber zu einem reichen Mann gemacht. Er verkaufte seine Beute für Millionenbeträge an die jeweiligen Herkunftsländer der LGT-Kunden. Deutsche Behörden zahlten für das Material rund vier Millionen Euro. In Australien sollen durch Kieber 20 Anleger aufgeflogen sein, die 110 Millionen Euro in Liechtenstein gebunkert hatten. Da war der Versicherungsbetrug von 1992, dessentwegen Kieber in Australien per Haftbefehl gesucht wurde, seitens der Behörden schnell vergessen.

Dass der Einzelgänger, den Bekannte als schlau und unstet, raffiniert und egozentrisch beschreiben, in "down under" leben könnte, vermuteten Insider schon länger. Das große, weite Land am anderen Ende der Welt hat Kieber schon immer fasziniert. Er war auch früher, lange vor dem Datenklau, ruhelos umhergezogen, hatte seine Zelte oft abgebrochen. Diesmal geschah das offenbar nicht freiwillig; Reporter der Financial Review hatten ihn aufgespürt.

Was zurück blieb, ist eine Visitenkarte mit einem verschnörkelten Symbol und einem falschen Namen: Daniel Wolf. Er sei ein österreichischer Finanzier im Vorruhestand, hatte er den Menschen erzählt, mit denen er in seinem Lieblings-Café "Crema Espresso" ins Gespräch kam. Das Lokal steht in Gold Coast, einem Städtchen an der australischen Ostküste, nur eine Autostunde von Brisbane entfernt.

Im August 2010 soll Heinrich Kieber dort hingezogen sein. Das war die Zeit, in der er im Internet ein Buch über seinen Datenklau veröffentlichte. Vor wenigen Wochen sagte Kieber vor dem Federal Court aus, dem höchsten Gericht Australiens. Per Video hinzugeschaltet, plauderte er munter über die Spielregeln im Steuerparadies Liechtenstein.

In Australien lebte er offenbar allein, war aber durchaus kontaktfreudig. Lustig sei es mit ihm gewesen, auch wenn er etwas großspurig aufgetreten sei und viel geredet habe, erzählten Gäste des Cafés den Reportern. Weniger nett fanden sie, dass Daniel Wolf alias Heinrich Kieber einmal eine Frau zum Mittagessen eingeladen haben soll, am Ende aber sie zahlen musste, weil er nur ein paar Dollar dabei hatte. Als die Reporter ihm auf den Fersen waren, ließ er sie noch per E-Mail wissen, dass er nicht Heinrich Kieber sei. Dann war er weg.