Schulden bei Jugendlichen Alles nur auf Pump

Jugendliche verschulden sich immer häufiger. Illustration: Christine Rösch

Das Handy auf Raten, das Auto auf Kredit: Die Zahl der überschuldeten Jugendlichen wächst rasant. Manche haben 30.000 Euro Schulden angehäuft. Gerade junge Menschen erliegen der Illusion, sich alles leisten zu können - auch wenn die Gläubiger ihnen längst im Nacken sitzen.

Von Ines Alwardt

Da steht ein Mädchen, höchstens 18, in einem dieser Einkaufstempel einer bekannten Modehauskette, sie trägt eine Abercrombie-&-Fitch-Tüte, die langen Haare zu einer Art Vogelnest zusammengesteckt, neue Doc Martens an den Füßen. Zum urbanen Outfit fehlt lediglich die schwarze Lederjacke aus dem Schaufenster. Neue Kollektion, 299 Euro. Aber der Preis wird hier kein Thema sein, die Entscheidung fällt binnen Sekunden. Die junge Frau marschiert zur Kasse, sie zückt ihre Karte. Ob sie das Geld wirklich hat, spielt jetzt keine Rolle.

Es ist eine einzelne Szene und trotzdem steht sie für den Trend innerhalb einer ganzen Generation: Zahlen auf Pump, unbezahlte Rechnungen und ein Schuldenberg, der immer weiter wächst - die Zahl der überschuldeten Jugendlichen nimmt rasant zu. Glaubt man dem Schuldneratlas, den die Auskunftei Creditreform jedes Jahr herausbringt, hat sich die Zahl der Schuldner unter 20 seit 2004 mehr als vervierfacht. Keine andere Altersgruppe zeigt einen derart hohen Anstieg. Jeder Achte unter den 18- bis 20-Jährigen ist nicht in der Lage, seine laufenden Kosten zu decken. Und auch die Älteren sind keine Vorbilder: Die Zahl der 20- bis 29-jährigen Schuldner ist um knapp 60 Prozent gewachsen.

Heute funktioniert alles auf Pump

Aber wie kommt es dazu, dass immer mehr junge Menschen in die Schuldenfalle geraten? Michael Bretz von der Auskunftei ist ein Mann, der einfach ausspricht, was er denkt. "Alles, was früher bar über den Tresen ging, funktioniert heute auf Pump", sagt er. Der Verkauf über Ratenzahlung sei inzwischen eines der wichtigsten Verkaufsargumente, gerade für Jugendliche gebe es viel mehr Möglichkeiten, sich zu überschulden.

Die Waschmaschine oder das neueste Smartphone in 24 Monatsraten, gerade im Internet lockten verführerische Angebote, nur einen schnellen Klick entfernt. Und auch die Geldhäuser nutzen ihre Chancen bei jungen Kunden. "Die Banken sprechen diese Zielgruppe mit ihren Angeboten direkt an", sagt Bretz, etwa mit Dispo-Krediten für Auszubildende. Die Illusion, die entsteht, ist ebenso trügerisch wie perfekt - sie lautet: Ich kann mir alles leisten, auch ohne Geld.

Illustration: Christine Rösch

Bis zu 30.000 Euro Schulden

Fünftes Stockwerk, ein großes wuchtiges Gewerkschaftshaus in der Münchner Innenstadt. Carolin Tschapka, eine junge Frau mit freundlichen blauen Augen und rötlichem Haar, sitzt hinter einem Schreibtisch, in den Regalen quetschen sich Aktenordner. Seit drei Jahren arbeitet die Soziologin für die Jugendschuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die meisten ihrer Klienten sind Anfang zwanzig, gerade in der Ausbildung, viele bekommen Arbeitslosengeld II. Carolin Tschapka weiß: Konsumwünsche und Kontostand klaffen bei vielen weit auseinander. "Gerade der Übergang in die Lebensselbständigkeit ist für die meisten eine echte Klippe." Die Jugendlichen wollen unabhängig sein, von Zuhause ausziehen, sich eine Wohnung leisten und ein eigenes Leben aufbauen. "Aber das erste Ausbildungsgehalt reicht zum Teil noch nicht mal für ein WG-Zimmer", sagt Tschapka.

Wer den Weg zu ihr findet, kommt spät. 7000 Euro Schulden haben ihre Klienten im Durchschnitt, die Fälle reichen bis zu 30.000 Euro. Fast immer kommen die Klienten wegen einer scheinbaren Kleinigkeit: einer offenen Handyrechnung, die sie nicht zahlen können oder einem Bußgeldbescheid wegen Schwarzfahrens. Erst allmählich, im Beratungsgespräch, stellt sich heraus, dass das Problem viel größer ist. Dass sich hinter einer kleinen Rechnung ein großer Schuldenberg verbirgt. Und viel Verzweiflung.