Schleswig-Holstein erlaubt Sportwetten Glaubenskrieg ums Glücksspiel

Kiel gegen den Rest der Republik: Schleswig-Holstein lässt als erstes Bundesland private Sportwetten zu. Damit legalisieren die Politiker eigentlich nur die Zockerei, der die Deutschen eh schon im Netz nachgehen. Die anderen Bundesländer sind empört. Aber geht es ihnen wirklich um den Schutz der Spieler?

Von Klaus Ott

An der Kieler Förde werden sich im nächsten Jahr wohl ein paar Unternehmen ansiedeln, die anderswo in Deutschland bislang unerwünscht sind: kommerzielle Wettfirmen wie Bwin und bet-at-home, bei denen Sportfans live im Internet alles Mögliche tippen können. Wer das nächste Tor schießt, wie die nächste Partie ausgeht, oder ob Sebastian Vettel im Formel-1-Zirkus wieder mal als Erster ins Ziel kommt. Als erstes Bundesland erlaubt Schleswig-Holstein jetzt private Totofirmen.

Die schwarz-gelbe Regierungskoalition hat ein entsprechendes Glücksspielgesetz verabschiedet, das gleich für mächtig Unruhe sorgt. Kiel gegen den Rest der Republik, so lautet die politische Konstellation. Die anderen Bundesländer wollen kommerzielle Wettanbieter nur in sehr begrenztem Umfang zulassen. Das soll ihre eigenen, sehr lukrativen staatlichen Lotto- und Totogesellschaften vor zu viel Konkurrenz schützen. Vor einer Konkurrenz, die es via Internet freilich längst gibt.

"Für unsere Kunden ändert sich im Prinzip nichts", sagt Jörg Wacker, Direktor des europaweit tätigen Wettunternehmens Bwin. Wer bei Bwin zocken will, macht das online. Die Abgabe von Tippscheinen, wie das beim Toto einst in den Lotto-Annahmestellen der Fall war, ist längst aus der Mode gekommen. Bwin agiert von Österreich aus, mit einer Lizenz aus Gibraltar. Bald soll eine Zulassung im Norden hinzukommen. "Wir wollen eine Lizenz in Kiel beantragen", sagt Wacker. Andere Wettfirmen sind ebenfalls auf dem Weg nach Schleswig-Holstein, wo sich CDU und FDP einer zukunftsträchtigen Lösung rühmen, die auch dem Staatslotto helfe. Das werde von unnötigen Verboten befreit.

Die Lottogesellschaften dürfen online keine Tippscheine annehmen, was im Zeitalter des Internet einem ziemlichen Anachronismus gleichkommt. Solche restriktive Auflagen zum vermeintlichen Schutz der Bürger vor der Spielsucht sind freilich nötig, um bei der Brüsseler EU-Kommission und anderen europäischen Instanzen ein Verbot privater Totogesellschaften rechtfertigen zu können. Die EU akzeptiert das offizielle staatliche Glücksspielmonopol in Deutschland bisher nur, solange es dem Zocken Einhalt gebietet. Zumindest auf dem Papier. Tatsächlich ist das Monopol längst gefallen. Millionen Menschen in Deutschland spielen und pokern bei Bwin & Co. um Milliarden Euro. In Schleswig-Holstein wird das nun legalisiert.

Hohe Einnahmen darf das Land im Norden allerdings nicht erhoffen. Die kommerziellen Wettfirmen kommen nur dann an die Förde, wenn die Abgabensätze niedrig sind. Schließlich gibt es ja immer noch die Billiglizenzen aus Steuerparadiesen wie Malta und Gibraltar. Auf das große Geld spekuliert aber der Profisport. Bwin hat früher mal 60 Millionen Euro im Jahr in die Werbung bei Fußballklubs und anderen Vereinen in Deutschland gesteckt, bevor das alles untersagt wurde. Stattdessen sponsert das Wettunternehmen inzwischen Real Madrid. Alsbald, mit einer Lizenz aus Schleswig-Holstein, will Bwin wieder in Deutschland werben. "Klubs wie THW Kiel oder SG Flensburg-Handewitt in der Handball-Bundesliga wären höchst interessant für uns", sagt Bwin-Direktor Wacker.

Was CDU und FDP in Kiel als Fortschritt betrachten, empfinden andere Parteien als Erpressung. Der schleswig-holsteinische Alleingang bei der Zulassung privater Wettanbieter sei ein "Affront gegenüber den anderen Bundesländern", sagen die Grünen. Vor allem SPD und Grüne fürchten, das staatliche Lotto- und Totospiel werde noch weiter ausgehöhlt, wenn deren kommerzielle Konkurrenten via Internet mit Sportwetten und Pokerrunden jetzt frei agieren dürften. Dann werde für den vom Staatslotto breit geförderten Amateursport nur noch wenig Geld abfallen.

Was beim Glücksspiel richtig ist und was falsch, darüber ist in Deutschland ein Glaubenskrieg entbrannt, in dem auch die Europäische Union mitredet. Die würde den Markt für die Privaten gerne öffnen.