Revolving-Kreditkarten Wildwest-Methoden deutscher Banken

Immer häufiger bieten Banken Kreditkarten an, bei denen Kunden zunächst nur einen Teilbetrag abstottern. Verbraucherschützer sind entsetzt.

Von Marco Völklein

Wenn Werbetexter dichten, wird es oft blumig. So sollen Kunden der Deutschen Bank "die schönen Momente des Lebens spontan genießen und dabei finanziell beweglich bleiben". Und eine Direktbank versichert: "Ihre ING-Diba-Kreditkarte passt sich jeder Lebenslage an." Mit den Sprüchen umschreiben die Werber neuartige Kreditkarten mit Teilzahlungsfunktion, die auch als "Revolving-Kreditkarten" bekannt sind. Diese funktionieren anders als die bisher in Deutschland verbreiteten Kreditkarten, die Millionen Bürger in den Portemonnaies haben. "Und sie führen im schlimmsten Fall zur schnellen Überschuldung", sagt Andrea Hoffmann von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Das hat nun auch Bayerns Verbraucherschutzministerin Beate Merk (CSU) gemerkt. Sie warnte am Montag vor den Revolving-Karten. "Immer mehr Banken locken mit vermeintlich kostenfreien Karten, deren Zahlungssystem den Kunden aber tatsächlich oft die Pistole auf die Brust setzt", sagte die Ministerin. Nach Angaben der Verbraucherzentrale Sachsen setzen auch immer öfter etablierte Institute auf diese Karten: So versuchten im vergangenen Herbst die Sparkasse Leipzig und die Volksbank Leipzig, ihren Kunden per Plakaten und Info-Flyern die Karten schmackhaft zu machen.

Teure Kredite

Wer in Deutschland mit einer Kreditkarte bezahlt, der nutzt in den allermeisten Fällen eine "Charge"- oder "Debit"-Karte, in Fachkreisen auch "unechte Kreditkarte" genannt. Sie ist mehr ein bequemes Zahlungsmittel als ein tatsächliches Darlehen. Der Betrag, der mit der Karte ausgegeben wurde, wird zunächst gesammelt und dann meist am Monatsende vom Girokonto abgebucht. Das Kreditkartenkonto ist dann ausgeglichen.

Revolving-Karten, die in USA und Großbritannien weit verbreitet sind, funktionieren anders: Der Karteninhaber zahlt monatlich nur einen Teilbetrag zurück. Bei der Postbank etwa kann man auswählen, ob man monatlich fünf, zehn, 20 oder 50 Prozent des angesammelten Betrags zurückzahlen möchte. Der Rest sammelt sich als Schuld auf dem Kartenkonto. "Das klingt zunächst verlockend, ist bequem und regt zu neuen Einkäufen an", sagt Hoffmann. Zumal einige Institute wie etwa die Advanzia Bank Revolving-Karten auch noch ohne jährliche Kartengebühr anbieten. Doch auf die offenen Restbeträge, die bei den meisten Nutzern rasch ansteigen, fallen hohe Zinsen an: "teilweise über 20 Prozent", haben Merks Beamte ermittelt. "Revolving-Kredite sind damit häufig noch teurer als Überziehungskredite beim Girokonto", sagt die Ministerin.

Viele Verbraucher lassen sich dennoch auf das Revolving-Abenteuer ein. Clevere nutzen den Zahlungsaufschub von ein paar Tagen und füllen rechtzeitig per kostenloser Sondertilgung das Minus wieder auf, ohne dass die hohen Zinsen fällig werden. Und ist ein Teilbetrag getilgt, steht ja wieder der volle Kreditrahmen für neue Einkäufe bereit, der Kredit wird quasi nachgeladen - daher auch der Ausdruck "Revolving".

Anbieter ohne Banklizenz

Doch wer eben nicht aufpasst, muss zahlen - und genau darauf spekulieren die Geldhäuser. "Die Banken setzen auf die Unkenntnis und Trägheit der Kunden, die nicht jeden Monat aktiv das Kreditkonto ausgleichen", heißt es bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Zumal viele Kunden rasch den Überblick verlieren dürften, ergänzt Udo Reifner vom verbrauchernahen Institut für Finanzdienstleistungen. Das herkömmliche System, die Beträge übers Girokonto abzubuchen, sei viel transparenter.

Waren es zunächst vor allem kleinere Institute und Banken aus dem Ausland, die die Revolving-Karten vor einigen Jahren nach Deutschland brachten, so haben mittlerweile fast alle großen deutschen Geldhäuser die Karten im Angebot.

Und es könnten noch mehr werden: Die Bundesregierung hat gerade einen Gesetzentwurf eingebracht, wonach künftig nicht nur Banken, sondern auch andere Zahlungsdienstleister solche Karten anbieten dürfen. Diese Anbieter sollen dann nicht der Bankenaufsicht unterstehen und auch keine Banklizenz benötigen. Somit könnten Kunden in Deutschland mit einer regelrechten Flut von Revolving-Karten überschüttet werden, befürchtet Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Für Konsumentenschützer wie Andrea Hoffmann aus Sachsen ist das eine Horrorvorstellung. Sie verweist auf die Situation in den USA, wo viele Verbraucher mehrere Revolving-Kreditkarten parallel im Einsatz haben. Beobachter erwarten, dass sich an die dortige Immobilien- bald eine Kreditkartenkrise anschließen könnte, weil viele US-Bürger ihre Kreditkartenschulden nicht mehr zurückzahlen können.

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