Reden wir über Geld: Wolfgang Schäuble "Nicht die Finger verbrannt"

Im Gespräch erklärt der Innenminister Schäuble , warum die Gier der Banker ein großes Problem ist und ihn die 100.000-Mark-Spende des Lobbyisten Schreiber noch heute zornig macht.

Interview: St. Braun u. A. Hagelüken

Als Wolfgang Schäuble (CDU) uns in seinem Büro empfängt, ruft zweimal die Kanzlerin an. In Winnenden hat gerade ein Amokläufer 15 Menschen getötet. Trotzdem nimmt sich der Bundesinnenminister die Zeit für das Interview. Er redet über die Gier von Investmentbankern - und über Oskar Lafontaine, der mit seinen Warnungen vor den Finanzmärkten oder den Kosten der Deutschen Einheit nicht so schlecht gelegen habe. Offen erzählt der 66-Jährige von seinem Leben im Rollstuhl. Angespannt wird die Stimmung nur, als das Gespräch auf die Parteispende kommt, die ihn im Jahr 2000 seine Spitzenämter kostete.

Bundesinnenminister Schäuble beschäftigt sich nicht zu sehr mit seinem Wertpapierbestand.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Haben Sie in den letzten Wochen Ihr Geld in Sicherheit gebracht?

Wolfgang Schäuble: Nein. Ich schaue mir aber schon mit einem gewissen Schmerz den Deutschen Aktienindex an. Aber ich beschäftige mich nicht allzu sehr mit meinem eh nicht so großen Wertpapierbestand.

SZ: Sie hatten keinen Reflex zu prüfen, ob bei Ihrer Bank alles sicher ist?

Schäuble: Ach, wissen Sie, ich bin Kunde bei einer Volksbank. Die kümmert sich ums Geld. Alle Vierteljahr ruft mich der zuständige Mensch mal an, schlägt was vor, und dann mache ich das. Ich habe mir auch anerzogen, mich für Geld nicht zu sehr zu interessieren.

SZ: Warum?

Schäuble: Weil man sich davon sehr abhängig machen kann.

SZ: Sprach Sie in den letzten Wochen mal ein Freund an, der Ängste hat und denkt: Der Wolfgang ist näher dran, der soll mich vorwarnen, wenn was kommt?

Schäuble: Nein. Meine Freunde würden das nicht tun, weil sie wissen, dass sie allenfalls Gelächter auslösen. Weil ich selbst dann nichts sagen würde, wenn ich was wüsste.

SZ: So sehr trennen Sie Beruf und Privates?

Schäuble: Schauen Sie, ich schrieb meine Doktorarbeit über Wirtschaftsprüfer. Bei der Recherche hatte ich ein bleibendes Erlebnis. Ich fragte den Vorstand einer großen Gesellschaft, wie er Leute aussucht. Er sagte, er beobachte, ob sie auch mal großzügig sind, ob sie mal am Lotteriestand des Roten Kreuzes ein Los kaufen. Wenn sie zu kleinlich sind, zu sehr am eigenen Geld interessiert, stellt er sie nicht ein. Eine gewisse Distanz zur Mehrung des Vermögens ist wichtig.

SZ: Das ist eine Sicht, die es nicht mehr häufig gibt.

Schäuble: Wenn ich mir die Finanzkrise anschaue, ist genau das schiefgelaufen. Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfer, Industrie und Banken sowieso sind in einem Maße an Geld und immer noch mehr Geld interessiert, dass es ihnen offenbar den Kopf vernebelt hat und sie nicht mehr ihrer Verantwortung gerecht wurden. Jetzt sehen wir: Durch Gier wird alles zerstört. Früher haben wir über die Holländer mit ihrer Tulpenzwiebelspekulation im 17. Jahrhundert gelacht und gespottet. Spätere Generationen werden über uns sagen, dass wir keinen Deut weniger dumm waren.